Markt und Moral PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: mvp   
Sonntag, 03. Januar 2010

Häufig wird der Vorwurf erhoben, der Markt reduziere die Beziehungen von Menschen auf das rein Ökonomische. Auf dem Markt herrsche keine Moral oder in abgeschwächter Form: auf dem Markt herrsche eine andere Moral als „Jenseits von Angebot und Nachfrage“. Lässt sich eine Trennung von moralzehrendem Markt und moralstiftenden übrigen Bereichen der Gesellschaft vornehmen?

Von Walter Eucken, einem der Gründerväter des Ordoliberalismus und der Sozialen Marktwirtschaft, stammt die Formel von der „Interdependenz der Ordnungen“. Das bedeutet vereinfacht die gegenseitige Beeinflussung von Wirtschaft, Politik und Kultur. Dass Werte und mit ihnen korrespondierende Regeln einen entscheidenden Einfluss auf die Gesellschaftsordnung und ihren Bestand ausüben, gehört zu den politischen Grundsätzen. Ursächlich ist, dass wir alle nicht nur auf Märkten, sondern in unterschiedlichem Maße auch politisch und kulturell aktiv sind. Insofern fällt es schwer, einen Sinneswandel anzunehmen, denen Menschen vom Wechsel in der – zumal lediglich analytisch trennscharf vorgenommenen – Welt der Tauschbeziehungen zur Sphäre der sozialen Beziehungen in der Familie unterliegen sollen. Ein Liberaler wird wie ein Sozialist auch seine Vorstellungen von Gerechtigkeit in beiden Sphären beibehalten. 

Bereits die schottischen Aufklärer wie Adam Smith haben erkannt, dass der Markt auf einem bürgerlichen Moral- und Sozialkonzept beruht, und damit der Fähigkeit, die Bedürfnisse und Sichtweise des anderen wahrzunehmen. Wer hier Altruismus vermisst, sollte genauer hinsehen, auch auf die Alternative – die Politik, die nicht nach Tatsachen, sondern nach Parteiinteressen, Opportunismus und Gruppenegoismus über Gewinner und Verlierer entscheidet.

Die Annahme, jemand anderes als Menschen auf Märkten, verfüge über ein überlegenes Wissen oder handele moralischer, ist eine schwer zu haltende Behauptung. Tatsächlich erleben wir tagtäglich das Versagen sogenannter Experten, die Anmaßung von Politikern und Bürokraten, die Verfehlungen organisierter Interessenverteter. Wer Zweifel an der moralischen Integrität der Menschen übt, liefert ein starkes Argument gegen die politische Steuerung einer Gesellschaft. Man muss nicht so weit gehen wie Edmund Burke, der konstatierte: Die Politik an sich ist der Missbrauch.

Die Marktwirtschaft beruht auf Selbsteigentum und damit Selbstbestimung eines jedem Menschen, auf Privateigentum und Vertragsfreiheit. Ihr Prinzip ist der Tausch zu beiderseitigem Vorteil. Der harte marktwirtschaftliche Sanktionsmechanismus ist das Scheitern. Die Aufgabe des Staates ist es nicht, diesen Mechanismus auszuhebeln, sondern das Recht durchzusetzen, gegen jene, die nicht nach marktwirtschaftlichen Regeln spielen, weil sie lügen, betrügen und übervorteilen. 

Der Soziologe Michael Zöller bringt es auf den Punkt: „ohne das Recht der Auswahl keine Freiheit und ohne Wahlfreiheit keine Moral. Der Markt erinnert also noch in seinen banalsten Erscheinungsformen an das Selbstbestimmungsrecht und die rechtliche Gleichrangigkeit der Einzelnen“. All jenen, die leichtfertig eine Ökonomisierung der Lebensbereiche schlecht reden, sei diese Erkenntnis ans Herz gelegt.

Der Beitrag ist parallel bei Die Freie Welt erschienen.

 
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