| Die Unmöglichkeit sozialistischer Wirtschaftsrechnung |
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„Sozialismus ist Aufhebung der Rationalität in der Wirtschaft“ schrieb Ludwig von Mises 1922 in „Die Gemeinwirtschaft“. Dieses Buch ist noch heute eine der wichtigsten Schriften über den Sozialismus und wurde gerade erst beim Verlag Lucius & Lucius neu aufgelegt. Mises betonte zudem, dass Sozialismus Naturalwirtschaft bedeutet und nur dort oder in einer völlig statischen Wirtschaft funktionieren kann. Bereits im Jahr 1920 hatte Mises mit seinem Aufsatz „Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen“ Zentralplaner und Sozialisten von einer völlig unerwarteten Seite attackiert – und wie sich bald herausstellte tödlich getroffen. Das alte Standardargument gegen den Sozialismus lautete, Kollektiveigentum schwächt die Arbeitsmotivation der Arbeiter. Darauf antworteten die Sozialisten bekanntlich, sie würden einen neuen Menschentypus schaffen. Ein in der Tat furchtbares Unterfangen wie Bolschewismus und Nationalsozialismus gezeigt haben, das trotz seiner begrenzten Realisierungschancen zur Lösung des Motivationsproblems im 19. und frühen 20. Jahrhundert zumindest nicht unmöglich erschien und die Debatte zunächst beendete. Mises überraschte die Sozialisten mit einem neuen Argument: Eine rationale Wirtschaftslenkung bedarf eines Kriteriums, anhand dessen Investitionsalternativen mit einander verglichen werden können. Schließlich gibt es jederzeit eine Fülle konkurrierender Alternativen um knappe Ressourcen. Welche von ihnen ist aber die wichtigste und wie kann ich die Alternativen überhaupt vergleichen? Es handelt sich hierbei um ein keineswegs triviales Problem: Schließlich existiert in unserer Welt eine unüberschaubare Zahl von vielfach unspezifischen Ressourcen, die in unterschiedlichem Ausmaß auch noch substituierbar sind. Angesichts der unüberwindbaren Knappheit von Zeit und Ressourcen, die mit menschlichem Handeln einhergeht, gibt es eine unerschöpfbare Vielfalt und Möglichkeiten, Kapital zu bilden und die Produktionsstruktur jenseits rein technischer Kombinationsmöglichkeiten der Produktionsfaktoren zu verändern. In der Marktwirtschaft wird dieses Problem auf der Grundlage von Geldpreisen mittels einer Rentabilitätsrechnung gelöst, und zwar von den Rohstoffen über Vorprodukte und Maschinen sowie menschlicher Arbeit bis zu den Endprodukten. Die Rentabilität beruht auf den Kaufentscheidungen der Konsumenten und ist damit kein willkürliches, sondern ein sehr rationales Kriterium im Hinblick auf fir Bedürfnisbefriedigung. Ganz anders im Sozialismus: Marktpreise können sich hier unmöglich bilden. Es fehlt dafür eine alternativlose Voraussetzung, das Privateigentum. Schließlich setzen Marktpreise zumindest zwei Eigentümer voraus, die Güter austauschen. Im Sozialismus gibt es aber nur das so genannte Kollektiv- oder Staatseigentum. Damit entfällt die individuelle Wertschätzung. Es gibt keine Knappheitsrelationen. Und es fehlen Marktpreise als Ausdruck der ungezählten individuellen Knappheitseinschätzungen. Ohne Marktpreise können aber keine Rentabilitäten berechnet werden. Investitionsalternativen lassen sich also wirtschaftlich nicht miteinander vergleichen, eine rationale Wirtschaftsrechnung ist unmöglich. Tatsächlich können sich Sozialisten noch nicht einmal einen Überblick über das Problem und seine Komplexität verschaffen. Folglich entsteht keine Rangfolge für die Kosten und den Nutzen des Produktionsprozesses. Soll eine Eisenbahnstrecke gebaut werden? Wenn ja auf welcher Trasse? Oder ist der Einsatz der Mittel für eine neue Nahrungsmittelfabrik wichtiger? Im Sozialismus kommt die intellektuelle Arbeitsteilung nicht oder nur sehr unvollständig zustande. Hierfür fehlen die Rolle und Funktion der Konsumenten, die nach subjektiven Wertschätzungen zum Entstehen objektiver Geldtauschverhältnisse für Endprodukte beitragen. Zudem fehlen Rolle und Funktion der Unternehmer, die mit ihrem Gewinnstreben im Wettbewerb mit einander um die produktiven Faktoren (Kapital und ihre Arbeit) derselben Konsumenten stehen. Die Rangfolge der Güter und Dienstleistungen verbirgt sich im Kopf eines jeden Mitglieds der Gesellschaft. Im Kapitalismus kann sie entschlüsselt werden, im Sozialismus bleibt sie für immer darin verborgen. Der Prozess der Wertschöpfung ist noch komplizierter als bisher geschildert. Die soziale Preisstruktur in einer Marktwirtschaft verändert sich durch einen permanenten Fluss der Zerstörung und Wiedererrichtung der ökonomischen Daten. Ohne den auf Eigentum gestützten Wettbewerbsprozess ist die Entschlüsselung der Daten jedoch unmöglich, von der Kalkulation von Opportunitätskosten ganz zu schweigen. Im Sozialismus weiß niemand, was am knappsten ist und wann in welcher Geschwindigkeit, Qualität, in welchem Verfahren und besonders auch wo und von wem produziert werden sollte. Sozialismus ist ein intellektueller Irrtum! Mises hat auf zwei katastrophale Folgen des Sozialismus hingewiesen: zum einen für die Kapitalstruktur einer Wirtschaft. Ohne eine Größe zum Ausdruck der Zeitpräferenz (kurzfristiger Konsum oder Investition für späteren Konsum) wissen die Planer nicht, ob der Kapitaleinsatz eine Produktionsstruktur erzeugt, die vom Ausmaß her dem verfügbaren Kapital entspricht. So kam es in der Sowjetunion vor, dass brandneue Traktoren auf den ungeernteten Feldern verrosteten, weil es an Treibstoff für ihren Antrieb mangelte. Zum anderen sind die Auswirkungen auf das menschliche Gehirn und die Lebenssituation der Menschen beträchtlich. Mises weist darauf hin, dass der Mensch die Fähigkeit zu unternehmerischen Kalkulation allmählich verliert. Subsistenzgedanke, Kurzfristorientierung, Erduldung der Umstände sind die Folge. Sozialismus zerstört folglich nicht nur die Wirtschaft, sondern ein Stück weit auch den menschlichen Intellekt und Geist. Angesichts dieser weitreichenden Erkenntnisse ist die bis heute verbreitete Behauptung, eine Planwirtschaft sei besonders effizient und der vermeintlichen „Anarchie des Marktes“ überlegen, gegenstandslos. Planwirtschaft begründet tatsächlich eine Anarchie politischer Willkür – sie ist „geplantes Chaos“, eine Gesellschaft ohne Wirtschaft. Dass der Staat durch Eingriffe in den Markt den Wirtschaftsablauf stabilisieren kann ist ein Mythos. Wirtschaftspolitische Interventionen schaffen die Instabilität, die sie vorgeben zu beheben – während Preise Harmonie schaffen. |




