| Manchester Kapitalismus |
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Manchestertum – Manchester Kapitalismus! Das ist heute der Inbegriff wirtschaftlicher Ausbeutung der armen, verelendeten Arbeiter durch reiche, mächtige Kapitalisten. Schuld war im 19. Jahrhundert der ungezügelte laissez-faire Liberalismus, der jedwede staatliche Steuerung ablehnte und die soziale Frage vernachlässigte. Heute sorgen Politiker und Gewerkschaftsfunktionäre für soziale Gerechtigkeit und der Staat schützt Arbeiter und Angestellte durch Mindestlöhne, Mindeststandards und Umverteilung zum Beispiel mittels Steuern oder Unterstützungsleistungen wie Kindergeld – scheinbar.
Die „Manchesterliberalen“ und ihre Zeitgenossen wären wohl einigermaßen erstaunt über diese Verdrehung der Tatsachen. Am Anfang – 1836 – standen eine enorme Teuerungswelle, Arbeitslosigkeit und gewalttätige Ausschreitungen; die schlimmste Wirtschaftskrise seit 100 Jahre führte zu einer Hungersnot. Verantwortlich dafür war die Politik. Sie hatte mit den protektionistischen „Corn laws“ hohe Zölle auf ausländisches Getreide erhoben und den Export inländischen Getreides subventioniert. Statt preisgünstig Getreide zu importieren wurde deshalb knappes Getreide exportiert. Feudale, nicht liberale Politik war das Problem. Gesetze hielten die Bevölkerung in Not.
Anführer einer Gruppe, die eine Volksbewegung hervorrief und gegen diese Gesetze kämpfte, war Richard Cobden (1804-1865). Ihm wurden in vielen britischen Städten als „Champion of the poor“ Denkmäler errichtet. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend hatte er sich langsam nach oben gearbeitet und sein Leben dem Kampf gegen den „gesetzgeberischen Mord“ gewidmet, wie er es formulierte. Cobden gründete die „Anti Corn League“ und wurde ins Unterhaus gewählt. Mit unermüdlichem Eifer und hohem Spendenaufwand kämpften er und seine Mitstreiter im ganzen Land für die Abschaffung der Gesetze und für Freihandel. Getragen wurden sie von der Mittelschicht, unterstützt und nach ihrem Erfolg 1846 gefeiert von großen Teilen der Arbeiterschaft. Während die Gegner den Zusammenbruch der Landwirtschaft propagierten erlebte Großbritannien in der sich anschließenden großen Zeit des Freihandels von 1846 bis 1870 eine allgemeine Wohlstandszunahme: Wohlstand für alle! Bemerkenswerter Weise stiegen die Löhne besonders für zuvor schlecht bezahlte Arbeiten und die Spareinlagen von Kleinanlegern verzehnfachten sich von 1862 bis 1874. Mit der Ausbreitung der Freihandelsbewegung über ganz Europa durch das „Manchestertum“ wurde der Hunger auf dem Kontinent endgültig besiegt. Seit 1847 gab es in Friedenszeiten keine Hungersnot mehr. Erwähnt sei hier am Rande, dass Cobden und seine Mitstreiter Pazifisten waren, die die Kolonialpolitik als Hauptursache von Kriegen durch Freihandel abzulösen versuchten. Die groteske Verdrehung des „Manchester-Liberalismus“ zu einem Schmähbegriff erfolgte im Namen der sozialen Gerechtigkeit. Benjamin Disraeli, Bismarck und andere konservative Politiker erkannten, dass man das Instrument des Privilegienstaates zum Stimmenkauf bei Wahlen nutzen konnte. Statt dem wachsenden Wohlstand freien Lauf zu lassen wurden staatliche soziale Sicherungssysteme ausgebaut und Wahlversprechen für einzelne, auf diese Weise privilegierte Wählergruppen eingelöst, die infolgedessen in die staatliche Abhängigkeit gerieten. Ursprünglich war die soziale Frage die vordinglichste Aufgabe der „Manchesterliberalen“. Sie wollten diese mit freiheitsverträglichen Mitteln lösen: Selbstorganisation, Genossenschaften, Bildungsvereine. Nun hatten Politiker und Bürokraten nicht nur diese Aufgabe an sich gerissen, sondern auch unter Verdrehung der Tatsachen die „Manchesterliberalen“ als Ausbeuter verteufelt. In Deutschland konnte der Begriff „Manchestertum“ zudem seine Wirkung entfalten, weil er nationalistisch und antisemitisch aufgeladen wurde. Den Benutzern dieser Killerphrase dürfte dies heute jedoch kaum bewusst sein. |




