| Wachstumsfetischismus |
|
|
|
|
Wachstum! So lautet die Parole der Postmoderne. Sie ist Ausdruck einer einseitigen Interpretation eines christlich-modernistischen Weltbildes, das die antike Zyklik verwirft und durch ein lineares Fortschrittsparadigma ersetzt. Gerne bemächtigen sich Gesellschaftsmechaniker dieser Parole. Wachstum wird zum übergeordneten Ziel (der politischen Gestaltung) von Wirtschaft und Gesellschaft. „Staatlicher Handlungsspielraum“ lautet der Euphemismus für die selbstgefällige Ausdehnung der Staatstätigkeit. Wachstum scheint Fluchtpunkt und Selbstzweck unseres Daseins zu sein. Ähnlich schlicht fielen Slogans im letzten deutschen Bundestagswahlkampf aus: „Wachstum schafft Arbeit“ hieß es dort unter anderem. Was soll dieser Wachstumsfetischismus eigentlich? Wachstum ist zunächst eine abstrakte Residualgröße. Es handelt sich um einen ex post Erfolgsmaßstab, der auf günstige gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungsbedingungen hinweist, aber nur einer unter vielen Maßstäben ist. Wachstum kann man zudem nicht politisch erzeugen. Schon gar nicht durch Innovationsförderung oder Konjunkturprogramme. Dafür ist da Wissen von Politikern und Bürokraten viel zu begrenzt. Einen wesentlichen Beitrag kann die Politik allerdings leisten, auch wenn dieser nicht augenfällig mit ihrem alles dominierenden Ziel der Wiederwahl verbunden ist. Zieht sich der Staat mit seinen Zwangsmaßnahmen aus dem Leben der Bürger zurück, so gewährt er als starker Minimalstaat maximalen Raum für ihre Entfaltung. Auf diese Weise fördert er individuelles und kollektives Wachstum. Überdies steht Wachstum in keinem direkten Zusammenhang mit der Lebenssituation des Einzelnen. Was hat der einzelne Mensch, was haben die Familie, das Dorf oder ein Unternehmen von volkswirtschaftlichem Wachstum, dass ihnen politisch wie eine Möhre dem Esel vorgehalten wird? Entscheidend für das Leben des Einzelnen und seine Einbettung in intermediäre Organisationen wie die Familie und die Nachbarschaft ist vielmehr die „Vitalsituation“ (Alexander Rüstow). Diese ist aber weder primär abhängig von der Lohnentwicklung noch vom Ausmaß der Freizeit. Vielmehr scheint relative Stetigkeit dem Wesen des Menschen zu entsprechen. Dafür nimmt der Mensch sogar Nachteile bei der Güterabwägung in Kauf. Integration in Natur und Gemeinschaft, Eigentum und Traditionen, Vertrauen in sich selbst und die Mitmenschen, dies sind entscheidende Größen, die ein vitales Leben ausmachen. Mancher Unternehmer entscheidet sich bewusst, nicht zu wachsen. Sorgt Wachstum aber nicht dafür, dass es uns besser geht? Diese Auffassung ist weit verbreitet. Schließlich folgt aus Wachstum doch Wohlstand und daraus mehr Wahlfreiheit. Je mehr ich mir leisten kann, umso besser geht es mir, ist die dahinter stehende Überlegung. Allerdings hat materieller Reichtum nur bedingt etwas mit einer vitalen Situation zu tun. Außerdem ist eine kollektivistische Antwort unzulänglich, verfolgt doch der einzelne Mensch sehr unterschiedliche Ziele. Neben materiellem gibt es etwa das geistige und das körperliche Wachstum im Sinne einer proportionierlichsten Bildung der Kräfte (Wilhem von Humboldt). Allein das Staatswachstum konzentriert sich auf das materielle Wachstums, die sogleich konsumierbare Möhre. Tatsächlich führt der Wohlfahrtswachstumsstaat den Materialismus herbei, den seine Apologeten anschließend der Marktwirtschaft vorwerfen. Eine freie Gesellschaft zeichnet sich durch eine spontane Ordnung aus. Die Verfolgung einer Vielzahl von Zwecken macht verfolgt die Einigung auf ein solches Ziel wie Wachstum nicht erforderlich. Bemerkenswerter Weise ist das Wesen einer spontanen Ordnung mit der Intention, konkrete Ordnungsergebnisse bewusst herbeizuführen, sogar unvereinbar. Letzteres ist vielmehr Ausdruck der Organisation einer Gesellschaft, wie dies bei zentraler Lenkung geschieht. Denn Organisation setzt ein bestimmtes Ziel voraus. Hier schließt sich der Kreis zu unserer sozialdemokratischen Gesellschaft. Heute gilt in Deutschland Organisation mehr als spontane Ordnung. Und deshalb rufen wir Freunde der Freiheit Euch zu: Vertraut in die freie Koordination der Menschen! Beschränkt Euch auf das Setzen allgemeiner gleicher Regeln! Dies schafft eine vitale und prosperierende Gesellschaft, anders als die Vergötzung des Wachstums. |




