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Gerne greifen Politiker zu der Floskel, dass die Idee, das Gutachten, der Reformvorschlag aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm stamme. Auf diese Weise soll suggeriert werden, dass Theorie und Praxis auseinander klaffen: dort der lebensferne Wissenschaftler, hier der volks- und realitätsnahe Politiker. Wie oft haben wir selbst schon argumentiert, dass dies theoretisch eine gute Idee sei, diese aber in der Praxis scheitern müsse?
Immanuel Kant hat eine Schrift aus dem Jahr 1793 „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“ diesem verbreiteten Denkmuster gewidmet. Der Königsberger Philosoph argumentiert, dass Theorie grundsätzlich der Praxis entsprechen muss. Sollte dies nicht der Fall sein, kann die Erarbeitung der Theorie nur ohne Sorgfalt oder ohne Logik erfolgt sein. Folglich ist ein Praktiker, der Theorie ablehnt, kein Fachmann, sondern ein Ignorant. Kants Feststellung ist eingebettet in die Überzeugung, die Welt könne überhaupt nur über Theorien erschlossen werden, da das Wissen über die äußere Welt immer fragmentarisch bleibe. In Angelegenheiten der Moral, zu denen insbesondere auch das Recht gehört, gibt die Theorie stets und bedingungslos der Praxis das Gesetz, nichts anderes beinhaltet die Herrschaft des Rechts, mit der ausnahmslosen Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz. Bereits vor über 200 Jahren versuchten Politiker dies zu untergraben, um Menschen zum Spielball der Willkür, zur Manövriermasse zu machen. Der damit verbundene Schaden für die Vernunft bildet (wieder) eine der großen Gefahren für die Menschheit. In Deutschland ist dies tagtäglich zu erfahren. Welche Dimensionen das gegenteilige Handeln öffnet, darauf hat Kant hingewiesen: Das Pflichtbewusstsein, der Sieg der moralischen reinen Gesinnung über die verführerischsten Verlockungen öffnee dem Menschen eine Tiefe göttlicher Anlagen. Also, wenn die Bundeskanzlerin bei der nächsten Übergabe des Jahresgutachtens des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung die Reformmahnungen relativieren sollte oder ein Professor, vielleicht dieses Mal nicht aus Heidelberg, diffamiert wird, sollten wir unser dieser Idee Kants erinnern. |