Startseite Zur Ordnungspolitik Ordnungspolitik Aktuell Ein Angriff auf die Freiheit im Namen des Eigentums
Ein Angriff auf die Freiheit im Namen des Eigentums PDF Drucken E-Mail
Freitag, 02. Mai 2008

Das Buch „Eigentum, Zins und Geld“ von Gunnar Heinsohn und Otto Steiger zählt gemeinhin zu den fünf „Bibeln“ der Bundesbank. Im Mittelpunkt steht die so genannte „Eigentumsökonomik“, die sich auf Formel verkürzen lässt, Wirtschaften bedeutet Eigentum aktivieren und riskieren.

Mit ihrem 1996 erschienen und mehrfach neu aufgelegten Band haben die beiden Bremer Professoren nicht weniger beabsichtigt, als erstmals zu erklären, wie Wirtschaften tatsächlich funktioniert. So verwerfen sie in ihrer eigenwilligen Eigentumstheorie die Polarität von Privat- und Staatseigentum. Stattdessen verwenden Heinsohn/Steiger viel Energie auf ihre vermeintliche wirtschaftswissenschaftliche Entdeckung, strikt zwischen Eigentum und Besitz zu unterscheiden. Zudem behaupten sie, Eigentum, das vom Staat garantiert werde, bilde den Kern moderner Ökonomien, und nicht der Tausch auf Wettbewerbsmärkten. Grundlage aller Kreditbeziehungen und damit alleinige Voraussetzung allen Wirtschaftens soll die so genannte Eigentumsprämie sein. Schließlich sei Geld nicht durch das Bedürfnis nach Tauscheffizienz entstanden, sondern vielmehr aus der Beleihbarkeit des Eigentums und dem „Zirkulationsfähigmachen“ von privaten Kreditkontrakten.  

Heinsohn und Steiger haben ein Freiheitsproblem – mit weitreichende Folgen. Ihr Modell belichtet nicht nur den Freiheitsaspekt in viel zu geringem Maße, sondern gefährdet aufgrund methodischer Unzulänglichkeiten letztlich die Freiheit selbst. Zuletzt hat dies Heinsohn in seinem Artikel „Die Verführung zur globalen Zockerei“ in der Reihe „Ordnung der Wirtschaft“ der Frankfurter Allgemeine Zeitung offenbart. Dort plädierte er für (vorübergehende) Verstaatlichungen von Banken. Dies ist insofern bedauerlich als die Eigentumskönomik trotz einer Fülle „verschwurbelter“ Formulierungen sowohl liberale Analysen als auch anregende Perspektiven bietet.

Freiheit ist nach Immanuel Kant die Unabhängigkeit von der Willkür anderer. Zur Sicherung der Freiheit bietet Eigentum den wichtigsten Schutz. Bereits John Locke hatte in seiner Sozialphilosophie konstatiert: „Das große und hauptsächliche Ziel, zu dem sich Menschen im Staatswesen zusammenschließen, ist die Erhaltung ihres Eigentums.“ Grundlage der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, die Privat- von Staatseigentum trennt, ist die Erkenntnis, dass die wechselseitige Kooperation von Menschen Wohlstand und Wachstum erzeugt. Privateigentum bietet den besten Schutz, da es dem Versuch im Weg steht, auf Kosten anderer zu handeln. Nun ist Heinsohn/Steiger zuzustimmen, wenn sie zwischen Eigentum und Besitz unterscheiden und dies auf einen Rechtsakt zurückführen. Bedeutsam ist zudem ihr Hinweis, Geld und Kredit sind nicht ohne Eigentum möglich. Schließlich kann in Gesellschaften ohne Eigentum und Geld keine substantielle Dynamik entstehen – das Beispiel DDR spricht Bände. Um so mehr verwundert ihre Verteidigung des Status quo: die Zentralbank als Hüterin des allein durch Kredit geschaffenen Geldes. Nahe liegend wäre es in einer Eigentumsökonomik, das derzeitige „Scheingeldsystem“ entweder durch Konkurrenzwährungen zu ersetzen, wie dies Friedrich August von Hayek gefordert hat, oder an Stelle des Fiat Money eine einhundertprozentige Golddeckung treten zu lassen, für die Ludwig von Mises eintrat. Allerdings fordern Heinsohn/Steiger eine weiterreichende Besicherung als dies heute von Zentralbanken praktiziert wird, womit manche geldpolitischen Probleme entschärft werden würden.
 
Auf der Suche nach einer Erklärung werden in den Arbeiten von Heinsohn/Steiger eine Reihe von schwerwiegender Problemen sichtbar, die darauf hin deuten, dass sie Widersprüche in ihrer Argumentation nicht erkannt und manches nicht zu Ende gedacht haben. Zunächst fehlt eine Erklärung dafür, wie Eigentum und Vermögen entstanden sind. Im Einklang mit Keynes und im Unterschied zur Österreichischen Schule setzen sie dies als gegeben voraus. Zugleich leugnen sie faktisch die Existenz eines Gütermarktes: „Der Warenmarkt ist kein Tauschplatz für Güter, die nach ... Nutzenschätzungen bestimmten .. Präferenzen ... ihren Besitzer zu deren Vorteil wechseln.“  Unweigerlich stellt sich die Frage wie Werte und Preise zustande kommen, wenn der Warenmarkt kein Tauschmarkt sein soll. Erschwerend kommt hinzu, dass Heinsohn/Steiger behaupten, potentielle Schuldner könnten nicht ohne weiteres mit Haftungseigentum ausgestattet werden. Da für sie auch Sparen nicht möglich ist bzw. keine Rolle spielt, müssten Werte ja einfach aus der Luft geschaffen werden können.
 
Die Betrachtung des Gesamtwerkes lässt den Schluss zu, Heinsohn/Steiger haben den ökonomischen Status quo schlicht in die Vergangenheit zurück projiziert. Das würde auch erklären, warum die Bundesbank der Eigentumsökonomik so viel Bedeutung zumisst. Leider belasten sich die beiden Bremer Professoren unnötig mit ihrem Anspruch, Wirtschaften funktioniere allein auf die von ihnen beschriebene Weise. Funktionierte Wirtschaften tatsächlich so, dann wäre es klüger, der Evolution freie Bahn zu lassen, was uns den überflüssigen Monopolisten Zentralbank ersparen würde. So müssen sie ihre Argumentation durch einen etatistischen Bruch zur Bundesbank führen, wenn sie postulieren, Zentralbanknoten hätten einen „höheren Besicherungsgrad“. Schließlich ist es das Wesen modernen Zentralbankgeldes überhaupt nicht durch Werte gesichert zu sein. D-Mark, Euro oder US-Dollar sind letztlich nur buntes Papier. Heinsohn/Steiger müssen sich den Vorwurf der Apologetik gefallen lassen. Eine freie Geldproduktion hätte wohl weder in der Vergangenheit zu unserem heutigen Geldsystem geführt, noch würde sie dies in der Zukunft tun. Geld ist eine Entdeckung durch den Marktprozess und keine Erfindung des Staates. Die heutigen fortwährenden Eingriffe in den friedlichen Austausch der Menschen sind nichts anderes als Wesensmerkmale eines Zwangssystems.
 
Ludwig von Mises hat überzeugend nachgewiesen, dass Geld eine Gut wie jedes andere ist. Heinsohn/Steiger können sich Geld nur als Kreditgeld vorstellen. Geld darf einfach kein Gütergeld sein – was für eine barbarische Vorstellung! Zugleich hat Mises auf elegante Weise aufgezeigt, wie Geld entstanden ist. Zugleich besagt das von ihm erweiterte Regressionstheorem, der Wert des Geldes beruht auf dem ihm gestern zugemessenen Wert, welcher wiederum auf dem ihm vorgestern zugemessenen Wert beruht usw. Heinsohn/Steiger diskutieren nicht wie Geld entstanden ist. Sie leiten es aus der Beleihbarkeit von Eigentum ab. Die Österreichische Argumentation weist auf das Tauschparadigma hin, die Bremer Überlegungen gleichen einer dogmatischen Festlegung.
 
Heinsohn/Steiger kommen von ihrer Staatsgläubigkeit trotz vieler marktwirtschaftlicher Argumente nicht richtig los. So fordern sie eine staatliche Umverteilung in dem Glauben, Wirtschaftswachstum komme bei zu großer Ungleichheit zum Erliegen. Der Zwang zum Wachsen bleibt alternativlos und wird letztlich zur Staatsaufgabe. Heinsohn weist in der FAZ zwar darauf hin, dass der Markt nicht in angeblichen Exzessen versagt habe, argumentiert aber im Sinne der Langwellenzyklen Kondratieffs, dass das gleichzeitige Auftreten mehrerer grundsätzlicher Innovationen am Beginn einer großen Krise stünde. Hier schwingt die bei Keynes ausgeprägte Grundannahme von einer per se krisenhaften Marktwirtschaft und einem stabilisierenden Staat mit. Unklar bleibt, warum es nicht sanfte Übergänge geben soll, zumal die Zyklen sich empirisch nicht eindeutig belegen lassen. Treffend erscheint zunächst auch Heinsohns Begründung, der Staat sei gefordert, weil "Zentralbanken nicht wie Banken geführt wurden, die Eigentum verteidigen müssen, sondern wie staatliche Behörden, in denen niemand haftet". Nur wird anschließend der Bock zum Gärtner gemacht: Im Bewusstsein um den Behördencharakter staatlichen Handelns wäre die Forderung nach seinem weitreichendem Rückzug aus dem Wirtschaftsprozess konsequent. Der Staat würde dann "lediglich" Regeln setzen und Übertretungen sanktionieren. Heinsohn redet aber einer Krisen bedingten zeitweisen Verstaatlichung von Banken das Wort. Der Staat wird zum übermächtigen Wirtschaftsakteur, der sich bekanntlich nur ungern und mit großem Ächzen von seinem Tafelsilber trennt. Die Freiheit bleibt – ihres besten Schutzes, dem Privateigentum, beraubt – wehrlos auf der Strecke.
 
Da hilft es auch nicht, dass dies im Widerspruch zur zuvor konstatierten „schmerzhaften Bereinigung“ steht, der man freien Lauf lassen müsse. Heinsohn bleibt den richtigen Schluss aus seiner zutreffenden Analyse in der FAZ schuldig: „Die Finanzkrise ist das Ergebnis des von Zentralbanken aberwitzig gesenkten Zinses.“ Heinsohn/Steiger hätten sich verdient gemacht, wenn sie „Eigentumsökonomik“ zu einem Synonym für den unbedingten Schutz des Privateigentums entwickelt hätten. Dies ist nicht nur die vornehmste Aufgabe des Staates, sondern auch der Kern einer freien Gesellschaft.
 
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