Zur NS-Ordnungspolitik PDF Drucken E-Mail
Mittwoch, 23. Mai 2007

Zentralplanwirtschaft, gelenkte Marktwirtschaft oder nationalsozialistische Organisationswirtschaft?

von Michael von Prollius

Nachfolgend ein etwas längerer Text mit wissenschaftlicher Ausrichtung.

Der Charakter der nationalsozialistischen Wirtschaftsordnung ist nach wie vor umstritten. Dieses Deutungsproblem hat fachliche und politische Gründe. Weitgehendes Einverständnis herrscht noch hinsichtlich der Transformation der Weimarer Krisenwirtschaft in eine nationalsozialistische Kriegswirtschaft, die nur noch wenig mit den Ordnungen von 1929 oder 1913 gemein hatte. Gleichwohl ist die Tatsache, dass sich die Geschichtswissenschaft bisher nicht auf einen Begriff für die Wirtschaftsordnung der Nationalsozialisten einigen konnte, ein Anzeichen für das andauernde Deutungsunbehagen. Das gilt insbesondere für die Einordnung der nationalsozialistischen Wirtschaftsordnung in das idealtypische Schema von Planwirtschaft und Marktwirtschaft. Widersprüchliche Befunde und Deutungen werfen die Frage auf, ob das Wirtschaftssystem der Nationalsozialisten etwas Eigenständiges, ordnungsökonomisch Neues darstellt.
Unlängst hat Markus Albert Diehl [1] eine ordnungspolitische Gesamtschau der NS-Wirtschaft von 1933 bis 1945 vorgenommen. In seiner vorwiegend auf Gesetze und zeitgenössische Literatur gestützten Analyse der Teilordnungen von der Außen- über die Binnenwirtschaft bis zur Geldordnung und den Staatsfinanzen kommt er zu dem „eindeutigen“ Ergebnis, nämlich dass die „deutsche Wirtschaftsordnung … schließlich weitgehend dem Idealtyp der Zentralplanwirtschaft“ [2] entsprach. Sein zentrales Argument lautet, dass die marktwirtschaftliche Lenkung mittels Preismechanismus schrittweise durch eine zentralplanwirtschaftliche Lenkung mittels Gütermengen ersetzt wurde und folglich die Konsumenten den Wirtschaftsprozess nicht mehr nach ihren Bedürfnissen lenken konnten.
Überzeugend kann Diehl den Weg der Ausschaltung des Preis- und Lohnmechanismus sowie die staatliche Lenkung von Verbrauch und Arbeitseinsatz in der Ernährungs- und der gewerblichen Wirtschaft nachzeichnen. Er hebt dabei zu Recht die Bedeutung der güterwirtschaftlichen Lenkung für die Indienstnahme der Unternehmen hervor, und zeigt die bizarren Versuche bei der Bekleidung mittels Konsumentenbefragungen auf die tatsächliche Nachfrage hin zu produzieren.[3] Die von zentralen Stellen festgelegten Knappheiten machten Preise und Geld letztlich überflüssig, da Knappheitsrelationen nur noch bürokratisch und damit fiktiv abgebildet wurden. Die Transformation der Wirtschaftsordnung kulminierte in den zentralistischen Reformen von Speer und Kehrl ab 1942. Eine zentrale Lenkungsstelle war trotz der unübersehbaren Konzentrationstendenz nicht notwendig, da „die marktwirtschaftliche Lenkung ausgeschaltet und jeweils durch die direkte Mengenlenkung zentraler Stellen ersetzt wurde.“ [4]
Die Stärke der Darstellung liegt in der systematischen Ausbreitung des wuchernden Dickichts der vielfältigen Regulierungen, der zunächst trabende dann galoppierende Interventionismus und der Abkopplung von der Weltwirtschaft. Kritiker werden ihm jedoch vorwerfen, seine Darstellung verharre in der Makro-Perspektive und bleibe durch die weitgehende Ausblendung des tatsächlichen Verhaltens von Unternehmen und Haushalten unterkomplex. So kommen Christoph Buchheim und Jonas Scherner in ihrer Bilanz [5] der Unternehmensspielräume im NS-Wirtschaftssystem zu dem Ergebnis, dass im Subsystem der Unternehmen die politische Autonomie erhalten geblieben ist und der zeitgenössische Begriff der „gelenkten Marktwirtschaft“ die Wirtschaftsordnung treffend charakterisiere. Schließlich seien Investitionen nicht staatlich angewiesen, sondern vielmehr dezentral festgelegt worden, und die Gewinnmaximierung sei durchaus handlungsleitendes Ziel geblieben.[6] Da auch die Rohstoffkontingentierung das Verhalten der Akteure nicht habe völlig determinieren können, bildet für Buchheim und Scherner „Zwang die Ausnahme und nicht die Regel im Verhältnis zwischen Staat und Industrie“.[7]
Dreh- und Angelpunkt ihrer Argumentation sind Vertragsfreiheit und Privateigentum. Diese allerdings zum ausschlaggebenden Kriterium für das Bestehen einer Marktwirtschaft zu machen, reduziert die Komplexität des Wirtschaftssystems zu sehr auf die Handlungsspielräume der Unternehmen. Eine Marktwirtschaft ist schließlich nicht allein, ja nicht einmal entscheidend durch das Verfügen über das Privateigentum gekennzeichnet, auch wenn Privateigentum eine alternativlose Voraussetzung der Marktwirtschaft ist.[8] Ihr Unterschied zur Zentralplanwirtschaft besteht vielmehr vor allem in der Funktion der Preise als Knappheitsanzeiger. Walter Eucken nannte die „Herstellung eines funktionsfähigen Preissystems vollständiger Konkurrenz“ das „wirtschaftsverfassungsrechtliche Grundprinzip“.[9] Im NS-Deutschland zu Beginn des Zweiten Weltkriegs bildeten aber weder Preise noch Löhne die reale Knappheitssituation ab. Folglich konnten auch Unternehmen trotz der verbliebenen Handlungsspielräume ihre Hauptfunktion in einer Marktwirtschaft nicht mehr ausüben: die Koordination ökonomischer Aktivitäten mit der bestmöglichen Nutzung verfügbarer Ressourcen für das Gemeinwohl, die sich in einem Wettbewerbsprozess vollzieht.
Ludwig Erhard formulierte es so: „Das Wesen der Marktwirtschaft besteht hauptsächlich darin, dass der Wirtschaftsprozess, d.h. Produktion, Güter- und Einkommensverteilung, nicht durch obrigkeitlichen Zwang gelenkt, sondern innerhalb eines wirtschaftspolitisch gesetzten Ordnungsrahmens durch die Funktion freier Preise und den Motor eines freien Leistungswettbewerbs selbstständig gesteuert wird. Freiheit, Selbstverantwortung und persönliche Initiative bei der Berufswahl, Erwerbstätigkeit und dem Konsum, die jedem als Produzenten und als Verbraucher die Wahrnehmung der wirtschaftlichen Chancen eröffnen, sowie eine leistungsbedingte Einkommensverteilung sind die Antriebskräfte, die in der Marktwirtschaft zu einem Höchstmaß an Produktion und einer Steigerung des Wohlstand des gesamten Bevölkerung führen.“[10] All diese von Erhard genannten Attribute sind nun aber gerade nicht die dominanten Merkmale, welche die nationalsozialistische Wirtschaftsweise kennzeichnen.
Nun existieren in der Realität keine Idealtypen. Realtypen sind als „Mixed economies“ gerade durch die Mischung marktwirtschaftlicher und zentralplanerischer Elemente gekennzeichnet. Entscheidend für den Grundtypus ist, wer plant und wodurch das Wirtschaftsgeschehen gelenkt wird. Planung kann autonom, oligarchisch oder zentral erfolgen. Dominierten nun in NS-Deutschland die Wirtschaftspläne der Haushalte und Unternehmen? Oder wurden Produktion, Verteilung, Investition und Konsum durch staatliche Stellen und quasistaatliche Gruppen, Kartelle und NS-Organisationen dominiert? Auch wenn eine Übersicht über den Forschungstand noch aussteht, drängt sich der Eindruck auf, dass die kollektiven Merkmale die individuell-freiheitlichen qualitativ und quantitativ deutlich überlagern, vor allem wenn die vielfältigen Formen von Zwang und Anreizen gleichermaßen berücksichtigt werden. So resümiert Werner Plumpe, dass die Entscheidungsroutinen der Unternehmen im Zuge einer „Militarisierung“ der Produktion „keine Folge der Marktbeobachtung mehr“ war, sondern „politischen Vorgaben“ folgte und dies „für die übergroße Masse der Standort-, Produktions- und Investitionsentscheidungen nach 1933“ zutrifft.[11]
Hinzu kommt, dass die Unternehmen vielfach zum „stillen Teilhaber“ oder Bündnispartner der Nationalsozialisten wurden. Unternehmerische Tätigkeit verband sich mit staatlicher Wirtschaftsbürokratie.[12] Dass nicht Bürokraten, sondern Unternehmer Teil des Lenkungsapparates wurden, ändert nichts am planwirtschaftlichen Charakter. Parallel vollzog sich ein erheblicher Kartellierungs- und Monopolprozess, der zur Vermachtung ganzer Branchen führte. Monopolwirtschaft ist aber keine Marktwirtschaft.
Ein weiteres Argument gegen den primär marktwirtschaftlichen Charakter der NS-Wirtschaftsordnung ist die Verdrängung des Individualprinzips. Wenn Menschen als sinngebendes Element des politischen und wirtschaftlichen Handelns und Denkens in dem Mittelpunkt einer Ordnung stehen, muss diese durch eine Freiheit sichernde Rahmenordnung geschützt werden. Das Wirtschaftssystem der Nationalsozialisten diente aber übergeordneten politischen Zielen: Rüstung, Rassismus und Lebensraumimperialismus. Die kriegerische Unterwerfung und Ausplünderung Europas für die Autarkie im Großwehrwirtschaftsraum bildete die ernsthafte Alternative zu Marktwirtschaft und Freihandel. Krieg und Autarkie sind aber mit dem Wesen einer Marktwirtschaft nicht vereinbar. Deshalb setzte der NS-Staat der Privatwirtschaft völlig neue Rahmenbedingungen, die erst 1948 von Ludwig Erhard aufgehoben wurden. In einer Marktwirtschaft stehen die Menschen und ihre Bedürfnisse im Mittelpunkt der anarchischen Ordnung, die paradoxer Weise gerade nicht bewusst auf diese hin konstruiert ist. In der NS-Praxis war das Gegenteil der Fall. Die Volkswirtschaftslehre im Nationalsozialismus stützte diese Ideologie mit einer neuen politischen Ökonomie der Zwangswirtschaft, in der es keine rein wirtschaftlichen Bereiche mehr gab.[13]
Diehl ist also zuzustimmen, wenn er einen primär zentralplanwirtschaftlichen Charakter in der NS-Wirtschaftordnung erkennt. Seine ordnungstheoretische Sicht kann durch die ganzheitliche Betrachtung auch die Handlungsspielräume der Unternehmer und deren Mitwirkung am Transformationsprozess integrieren.[14]

Diese Erkenntnis passt zum Befund zeitgenössischer Liberaler, die den Nationalsozialismus als Teil des Kollektivismus deuteten. So schrieb einer der bedeutendsten Liberalen des 20. Jahrhunderts, Ludwig von Mises: „Man verkennt den Nationalsozialismus, wenn man nicht beachtet, dass er Sozialismus sein will.“[15] Mises wies darauf hin, dass die Unterscheidung von „rechts“ und „links“ irreführend und dem Blick durch die Brille Stalins geschuldet sei. Diese Kategorisierung mache es unmöglich, die Kräfte zu erkennen, die zum Krieg trieben. Mises führt an, dass acht von zehn Punkten des Kommunistischen Manifestes von den Nationalsozialisten mit einem Radikalismus verwirklicht worden seien, der Marx entzückt hätte. Interventionismus und Einschränkung des Wettbewerbs waren für den Österreicher die Triebkräfte einer Transformation der Marktwirtschaft in den Sozialismus, unabhängig davon, ob es sich um ein bewusst verfolgtes Ziel handelte oder nicht.
Friedrich August von Hayek schrieb in seinem Bestseller „The road to serfdom“ 1944 gegen den Zeitgeist an. Er begriff den Nationalsozialismus nicht als Entartung von Nationalismus und Kapitalismus, sondern hob vielmehr die Gemeinsamkeiten von Nationalsozialismus, Sowjetkommunismus und englischem Sozialismus hervor. Das Wesen des Sozialismus sei die Knechtschaft, das Wesen der freiheitlichen Ordnung der Liberalismus. Die sozialistische Wurzel des Nationalsozialismus wies Hayek anhand der gemeinsamen Denktradition nach. Für den späteren Nobelpreisträger war der Nationalsozialismus eine „Spezies der Gattung des Kollektivismus“[16], der stets Partikularismus ist, in Nationalismus umschlägt und in der Praxis totalitär ist, da das wirtschaftliche Kommando „die Herrschaft über die Mittel für alle unsere Ziele“[17] ist und ihr die Tendenz zur Lenkung des gesamten Lebens innewohnt. Hayek zeigte auf, dass wirtschaftliche Freiheit und politische Freiheit untrennbar sind.
Auch der Namensgeber der „Sozialen Marktwirtschaft“ Alfred Müller-Armack argumentierte entlang dieser Linie: „Der Nationalsozialismus und auch der italienische Faschismus sind dem Bolschewismus entlehnt und nachgebildet.“[18] Vor dem Hintergrund seiner religionssoziologischen Studien bestanden die Unterschiede für ihn nur hinsichtlich Kulturhöhe sowie politischer, geographischer und militärischer Lage. Und einer der großen europäischen Intellektuellen seiner Zeit, der Nationalökonom und Sozialphilosoph Wilhelm Röpke, legte mit seinem Werk „Gesellschaftskrisis der Gegenwart“ eine Aufsehen erregende Krisendiagnose des Kollektivismus vor, die für ihn in eine okzidentale Krise eingebettet war: „Der Antifaschismus der Kommunisten und der Antikommunismus der Faschisten – im Grunde ist das ein Familienstreit innerhalb des totalitären Sektors der Welt“.[19] Er prognostizierte eine „Bolschewisierung“ Deutschlands und sah diese im Krieg besonders stark voranschreiten. Demzufolge bildete der para-theologische Nationalsozialismus einen Teil des Kriegs der totalitären Diktaturen gegen die westliche Kultur.
Zusammengenommen begründeten die Liberalen die Wesenseinheit von sowjetischem Kommunismus und deutschem Nationalsozialismus mit dem Menschenbild des Sozialismus. Statt die Menschen und ihre Unzulänglichkeiten so zu nehmen wie sie sind und durch einen Ordnungsrahmen ihre Fähigkeiten zur bestmöglichen Entfaltung zu bringen, konstruieren Sozialisten einen vermeintlichen gesellschaftlichen Idealzustand, auf den hin das Leben der Menschen ausgerichtet wird und dem sie sich unterordnen müssen. Die auf Szientismus und Interventionismus beruhenden Funktionsmechanismen sozialistischer Systeme, die unauflösbar mit verhängnisvollen Irrtümern und einer Anmaßung von Wissen verbunden sind, besaßen – und besitzen – eine immanente, destruktive Dynamik. Die natürliche Evolution offener Gesellschaften wurde durch einen totalitären Automatismus geschlossener Gesellschaften ersetzt. Zentralismus, Missbrauch und Verfall von Vernunft und der Kult des Kolossalen waren Komponenten sozialistischer Gesellschaften, die als steuerbare Maschine begriffen wurden. Dabei betonten sie neben der gemeinsamen Ideengeschichte von Nationalsozialismus und Sozialismus auch die spezifischen Pfade wie die Ideologie des deutschen Weges.[20]
In dieser Perspektive erscheint der „Faschismus in seiner Epoche“ (Ernst Nolte) als Zeitalter des Kollektivismus, dessen Facetten Sozialismus, Nationalsozialismus und Faschismus sind. Der Nationalsozialismus ist Teil des Phänomens „Kollektivismus“, der weite Teile Europas erfasste und sich in pfadabhängigen nationalen Ausprägungen Bahn brach. Er hatte seine Voraussetzungen in einem „Aufstand der Massen“[21] als Reaktion auf die moderne Industriegesellschaft und richtete sich gegen den Liberalismus und die Vernunft der Moderne.

In der Geschichtswissenschaft dient die Unterscheidung der sowjetischen von der nationalsozialistischen Wirtschaftsweise als ein Argument für die Verschiedenheit von Kommunismus und Nationalsozialismus und dessen Singularität. Der Nationalsozialismus sei eben kein „Nationaler Sozialismus“ gewesen. Wenn nun aber der Unterschied zum russischen Wirtschaftsmodell ein technischer war, dann müsste die Identität des braunen und des roten Sozialismus als Spielarten des Kollektivismus neu diskutiert werden. Diese Forderung gehört zu den Tabus, die gerne mit rechtem Geschichtsrevisionismus in Verbindung gebracht wird.[22] Hintergrund ist die Auffassung vieler Intellektueller, der Sozialismus sei links und im Grunde „gut“, der Nationalsozialismus aber rechts und selbstverständlich „böse“. Tatsächlich ist dem Berliner Historiker Wolfgang Wippermann zuzustimmen: „Die NS-Forschung war immer eine politische Wissenschaft. Sie diente der Erklärung der Vergangenheit und der Beeinflussung der jeweiligen Gegenwart“[23]
Die Debatte um die Thesen von Götz Aly zum Nationalen Sozialismus und die Reaktionen vieler Rezensenten auf „Hitlers Volksstaat“ zeugen trotz aller Aufregung von einer neuen Nüchternheit. Zwar kann hier nicht dezidiert auf Alys Thesen eingegangen werden, aber bemerkenswerter Weise lässt sich das Wollen, das hinter Alys Interpretation steht in den Zusammenhang von Zentralplanwirtschaft und Kollektivismus einordnen. So ist erstens das Gleichheitsversprechen des Nationalsozialismus ein Wesensmerkmal des Sozialismus. Aus dieser Ideologie lässt sich allerdings gerade nicht ableiten, was Götz Aly „Gefälligkeitsdiktatur“ nennt und Rezensenten als faktisch falsch kritisieren.[24] Schließlich propagieren Sozialisten lediglich die „Orientierung am Volkswohl“. Faktisch ist der Sozialismus aber ein Partikularismus, der bestimmte Gruppen (Klassen, Rassen, Nationalitäten) auf Kosten anderer bevorzugt. Die (intendierte) Folge ist nie absolute Gleichheit, von der wachsenden Gleichheit in Armut einmal abgesehen, sondern vielmehr Gleichheit als Ausdruck der Unzufriedenheit mit den bestehenden Zuständen. Mehr Gleichheit bedeutet aber stets Diskriminierung bestimmter Gruppen und Individuen, die im Zuge der Umverteilung benachteiligt werden müssen, ohne dass es jenseits der angemaßten Macht eine transparente Orientierung für die Verteilung des Raubes in seinen vielfältigen Formen gibt.[25] Hier liegen Aly wie seine Kritiker falsch. Es ist für den Sozialismus und seine Zentralplanwirtschaft geradezu konstitutiv, mehr Wohlstand und Gleichheit zu versprechen, um die Menschen bei der Stange zu halten. Tatsächlich müssen kontinuierlich absolute oder relative Wohlstandsverluste bei gleichzeitiger Umverteilung von unten nach oben kaschiert werden. Nationalsozialismus, Sowjetkommunismus und DDR-Sozialismus sind in diesem Punkt identisch.
Zweitens entsteht im Sozialismus aus der gezielten Ausrichtung von Gesellschaft und Wirtschaft auf das vermeintliche Volkswohl ein Zwangsstaat – im Gegensatz zum immanenten Wohlfahrtscharakter der freien Marktwirtschaft. Dieser Zwang ausübende Staat begibt sich durch einen lawinenartigen Interventionismus in allen Lebensbereichen („Betreuung von der Wiege bis zu Bahre“) auf die abschüssige Bahn hin zum Totalitarismus und fordert durch die Bürokratie festgelegte Opfer. Hier besteht auch die von Götz Aly und lange vor ihm von den zuvor genannten Liberalen aufgezeigte Systemverwandtheit von (Nationalem) Sozialismus und Wohlfahrtsstaat: Inflation und Staatsbankrott, Kapitalverzehr statt -mehrung, Zuteilungsregime und Wohlstandsverluste sind systemimmanente Begleiterscheinungen im „rassischen Wohlfahrtsstaat“ des Nationalsozialismus und bedrohen demokratische Wohlfahrtsstaaten. Gleichwohl bedeutet die Soziale Marktwirtschaft in ihrer ursprünglichen Form der fünfziger Jahre einen radikalen Bruch mit der Wirtschafts- und Sozialpolitik des Nationalsozialismus, die mit Millionen Toter, Verwundeter und Vertriebener die Deutschen gerade nicht zum Nutznießer eines völkischen Gleichheitsversprechens machte.[26] Die disziplinierenden und kontrollierenden Elemente der Sozialstaatsmacht stellen in einer Variation der Aly-These weniger eine Kontinuität als vielmehr einen Rückfall dar.
Drittens ist Alys Ökonomisierung der Erklärung des Nationalsozialismus problematisch, handelt es sich doch bei dem auf Raub, Umverteilung und Null-Summen-Denken gekennzeichneten Sozialismus und dem im Fall des Nationalsozialismus maßgeblichen Rasse- und Vernichtungsgedanken primär nicht um ökonomische Kategorien, schon gar nicht im Sinne einer Marktwirtschaft.[27] Vielmehr handelt es sich um eine technokratische Gesellschaftsplanung. Eine freie Marktwirtschaft ist von ihrem Wesen her unvereinbar mit Nationalismus, Etatismus, Dirigismus, Autarkie und Partikularismus. Insofern ist „gelenkte Marktwirtschaft“ ein höchst unglücklicher gewählter Begriff. Dadurch dass Götz Aly die NS-Dynamik auf ökonomische Motive reduziert, unterschätzt er das heterogene Machtgefüge, welches sich mit Emergenz, rastloser Organisation und Politischen Prozessen erfassen lässt.[28] All diese Modelle erlauben, anders als der Topos „reine Profitgier“, einen Blick hinter die Kulisse der auf der Makroebene verhafteten Konzepte der Zentralplanwirtschaft und des Volksstaates. Für das Verständnis der Entstehung und Funktionsweise des Wirtschaftssystems der Nationalsozialisten ist aber mehr als nur eine Typologie erforderlich. Zugleich wird mit ordnungspolitischen Untersuchungen die Eigenheit der spezifisch nationalsozialistischen Organisationswirtschaft sichtbar, die – anders als der sowjetische Plan-Sozialismus – nicht systematisch auf Planung und Eigentumsentzug beruhte, aber wie sie Ordnung durch Organisation ersetzte. Insofern ist hier den von Alexander Rüstow als „Marktrand“ bezeichneten kulturellen und soziologischen Rahmenbedingungen des Wirtschaftens eine zentrale Bedeutung zuzumessen. Die Institutionenökonomie bietet vielfältige Ansatzpunkte für eine Analyse. Die Grundlagen dafür wurden von Ordoliberalen wie Eucken gelegt, sein polares Modell ist inzwischen wesentlich erweitert worden.[29]
Die nationalsozialistische Zentralplanwirtschaft lässt sich als Facette des Kollektivismus begreifen, die Entstehung und Funktionsweise der NS-Wirtschaftsordnung zudem durch die nationalsozialistische Organisationswirtschaft erklären.

 

Anmerkungen
[1] Markus Albert Diehl: Von der Marktwirtschaft zur nationalsozialistischen Kriegswirtschaft. Die Transformation der deutschen Wirtschaftsordnung 1933-1945, Stuttgart 2005.
[2] Ebenda, 179 und Buchrücken.
[3] Ebenda 109-136, Konsumentenbefragung 125f.
[4] Ebenda, 181. Im Übrigen sei auf den Typus der „dezentralisierten Zentralverwaltungswirtschaft“ (Walter Eucken) hingewiesen, der im Kern auf einer Natural- und nur ergänzend auf einer Geldrechnung basiert.
[5] Christoph Buchheim und Jonas Scherner: Anmerkungen zum Wirtschaftssystem des „Dritten Reichs“, in: Werner Abelshauser, Jan-Otmar Hesse, Werner Plumpe (Hg.): Wirtschaftsordnung, Staat und Unternehmen. Neue Forschungen zur Wirtschaftsgeschichte des Nationalsozialismus, Essen 2003, 81-97.
[6] Ebenda, 88, 90, 92.
[7] Ebenda, 95.
[8] Walter Eucken hat zusätzlich zum Grundprinzip funktionsfähiges Preissystem sieben weitere konstituierende Prinzipien einer marktwirtschaftlichen Wettbewerbsordnung formuliert, die als maßgebliche Merkmale einer Marktwirtschaft gelten. Eines davon ist das Privateigentum.
[9] Walter Eucken: Grundsätze der Wirtschaftspolitik, hg. von Edith Eucken-Erdsieck und K. Paul Hensel, 6. durchgesehene Aufl., Tübingen 1990, 254.
[10] Ludwig Erhard, Deutsche Wirtschaftspolitik. Der Weg der Sozialen Marktwirtschaft, Düsseldorf 1962, 302.
[11] Werner Plumpe: Unternehmen im Nationalsozialismus. Eine Zwischenbilanz, in: Abelshauser, Hesse, Plumpe: Wirtschaftsordnung (wie Anm. 5), 243-266, 162f.
[12] Deshalb forderten die Ordoliberalen einen starken Staat, der die Marktwirtschaft auch gegen privates Machtstreben durchsetzen kann.
[13] Vgl. Hauke Janssen: Nationalökonomie und Nationalsozialismus. Die deutsche Volkswirtschaftslehre in den dreißiger Jahren, Marburg 1998, 10f., 507.
[14] Diehl schließt damit einen Teil der Lücke in der Totalitarismustheorie von Friedrich/ Brzezinski, da die Wirtschaft dort weitgehend unbearbeitet blieb.
[15] L. v. Mises: Im Namen des Staates oder Die Gefahren des Kollektivismus, Stuttgart 1978, 19.
[16] Friedrich August von Hayek: Der Weg zur Knechtschaft [Erstauflage 1944] München 1981, 56.
[17] Hayek, Knechtschaft, 123.
[18] Alfred Müller-Armack im Vorwort zu Ludwig von Mises: Im Namen des Staates oder Die Gefahren des Kollektivismus, Stuttgart 1978, 12.
[19] Wilhelm Röpke: Sozialismus und politische Diktatur, in: ders.: Gegen die Brandung. Zeugnisses eines Gelehrtenlebens unserer Zeit, hg. von Albert Hunold, Zürich, Stuttgart 1959, 109-114, 113.
[20] Siehe Alexander Rüstow: Ortsbestimmung der Gegenwart, Bd. 3: Herrschaft oder Freiheit?, Erlenbach-Zürich, Stuttgart 1957, 394-499.
[21] José Ortega y Gasset: Der Aufstand der Massen, [Erstauflage 1930] Stuttgart, München 2002.
[22] Siehe beispielhaft den Streit um Karlheinz Weißmann.
[23] Wolfgang Wippermann: Umstrittene Vergangenheit. Fakten und Kontroversen zum Nationalsozialismus, Berlin 1998, 12.
[24] Siehe z.B. Johannes Bährs Rezension in: sehepunkte 5 (2005), Nr. 7/8 [15.07.2005], URL: <http://www.sehepunkte.historicum.net/2005/07/8192.html>
[25] Vgl. Hayek, Knechtschaft, 145.
[26] Siehe Hans-Georg Reuter: Genese der Konzeption der Sozialen Marktwirtschaft, in: D. Cassel (Hg.): 50 Jahre Soziale Marktwirtschaft, Stuttgart1998, 67-95.
[27] Vgl. Michael von Prollius: Das Wirtschaftssystem der Nationalsozialisten. Steuerung durch emergente Organisation und Politische Prozesse, Paderborn u.a. 2003, 84f.
[28] Ebenda
[29] Siehe als Zwischenbilanz Stephan Märkt: Ordnung in einer arbeitsteiligen Wirtschaft. Reichweite
und Grenzen von akteurszentrierten Ordnungstheorien, Marburg 2004.

 
Facebook MySpace Twitter Digg Delicious 
 
 
Bild