| Ludwig von Mises Lecture (I) |
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1959 hielt Ludwig von Mises, begleitet von seiner Frau Margit, in Argentinien eine Reihe von Vorlesungen vor Hunderten Mensche im großen Vorlesungssaal der Universität von Buenos Aires. In zwei benachbarten Räumen erfolgte eine Simultanübersetzung Englisch-Spanisch. Sieben Jahre nach dem Ende der Ära Peron war das Land reif für neue Ideen. Die Zuhörer wussten kaum etwas über individuelle Freiheit und freie Marktwirtschaft. Glücklicher Weise sind von den Vorlesungen über Kapitalismus, Sozialismus, Interventionismus, Inflation, Auslandsinvestitionen sowie Politik und Ideen wortgetreue Mitschriften angefertigt worden. Mises hatte sich lediglich einige Stichworte für seinen Vortrag notiert. Die Vorlesungen sind inhaltlich und stilistisch beispielhaft. Die nachfolgenden Zusammenfassungen der englischen Fassung unter dem Titel „Economic Policy. Thoughts for Today and Tomorrow“ werden dies nur inhaltlich andeuten können.
Kapitalismus Begriffe in Form von Bildern führen häufig in die Irre. Der Schokoladen-König herrscht nicht, sondern er dient seinen Kunden. Er verliert sein „Königreich“ sobald er nicht mehr in der Lage ist, seinen Kunden einen besseren Service und niedrigere Preise als seine Wettbewerber anzubieten. Vor 200 Jahren, vor dem Anbruch des Kapitalismus, stand der soziale Status eines Menschen sein Leben lang fest, arm oder reich. Die primitive Produktion existierte nahezu ausschließlich zu Gunsten der Wohlhabenden. Ein rigides Feudalsystem dominierte Europa für Jahrhunderte. Als die Landbevölkerung wuchs entstand in England eine Überschussbevölkerung von mehr als einer Millionen. Diese Ausgestoßenen, ohne Land und ohne Arbeit bildeten eine der großen Herausforderungen des 18. Jahrhunderts. Zugleich mangelte es an Rohstoffen, darunter Holz. Aus dieser ernsten sozialen Lage entstanden die Anfänge des modernen Kapitalismus. Einige der Ausgestoßenen versuchten sich zu organisieren und kleine Geschäfte zu eröffnen, die etwas produzierten - eine weitreichende Innovation. Billige Produkte für Jedermanns Bedürfnisse wurden gefertigt: Massenproduktion zur Befriedigung der Bedürfnisse der Massen. Dies ist das fundamentale Prinzip des Kapitalismus. Die viel attackierten Großunternehmen produzieren fast ausnahmslos, um die Wünsche der Massen zu befriedigen. Und heute sind die Angestellten in großen Unternehmen zugleich die Konsumenten der dort hergestellten Produkte. Der Unterschied zwischen den kapitalistischen und feudalistischen Prinzipien könnte nicht größer sein. „Der Kunde hat immer Recht“ ist ein gängiger Spruch in Warenhäusern. Und tatsächlich verlieren Großunternehmen Macht und Rang wenn sie ihre Kunden verlieren. Vor 50 bis 60 Jahren klagte man in kapitalistischen Ländern über die zu mächtigen Einsenbahnunternehmen. Heute sind sie in den USA durch Wettbewerb von Straßenverkehr und Luftfahrt gleichsam marginalisiert. Die Entwicklung des Kapitalismus besteht in dem Prinzip, dass jeder das Recht hat, die Kunden besser und/oder preiswerter zu bedienen. Diese Methode hat in vergleichsweise kurzer Zeit die gesamte Welt verändert. Sie hat ein präzedenzloses Bevölkerungswachstum ermöglicht. Für Antikapitalisten gibt es eine wunderbare Entgegnung: Bekanntlich ist die Bevölkerung der Erde heute zehn mal so groß wie in der vorkapitalistischen Zeit. Die Menschen genießen heute einen höheren Lebensstandard als ihre Vorfahren in der vorkapitalistischen Zeit. Aber woher wollen Sie wissen, dass Sie einer von den zehn sind, die damals gelebt haben? Die bloße Tatsache, dass Sie heute Leben, ist ein Beweis für den Erfolg des Kapitalismus, unabhängig davon, ob Sie Ihre Leben für wertvoll halten. Gleichwohl ist der Kapitalismus Ziel heftiger Angriffe und Kritik. Diese Antipathie stammt nicht originär von den Massen, sondern von der Aristokratie. Diese machten den Kapitalismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts für steigende Industriearbeiterlöhne verantwortlich, die Druck auf gleich hohe Löhne für die Landarbeiter ausübten. Zweifellos waren vom heutigen Standpunkt aus die Lebensbedingungen erschreckend. Zugleich ist die Ausbeutungsgeschichte von Frauen und Kindern in Fabriken eine der größten Irrtümer der Geschichte. Die Frauen und Kinder gingen in die Fabriken um zu überleben. Sie hatten nichts zum Kochen und zum Essen. Die Kinder wurden nicht komfortablen Kitas entrissen. Mit nur einer Statistik lassen sich die Vorwürfe über den Horror des Frükapitalismus zurückweisen: Von 1760 bis 1830 verdoppelte sich die Bevölkerung Englands. Hunderttausend Kinder überlebten statt zu sterben. Zweifelsohne waren die Lebensbedingungen der vorangegangen Zeit unbefriedigend. Kapitalistische Unternehmen haben sie verbessert, insbesondere die frühen Fabriken, die für die Bedürfnisse der Arbeiter produzierten, entweder direkt oder im Zuge von Fernhandel und (internationaler) Arbeitsteilung. Heute gibt es in kapitalistischen Ländern nur relativ geringe Unterschiede bei den Alltagsgütern der so genannten höheren und niedrigen Klassen. Beide haben Nahrungsmittel, Kleidung, Wohnung. Im 18. Jahrhundert war dies nicht der Fall. Arme Menschen hatten keine Schuhe. Heute liegt der Unterschied zwischen den Autos der Armen und Reichen in der Marke. Mehr als die Hälfte der Menschen in den USA besitzt die Wohnung oder das Haus in dem sie leben. Die Attacken gegen den Kapitalismus, insbesondere hinsichtlich der Einkommensunterschiede, gehen von der falschen Annahme aus, Löhne und Gehälter würden von anderen Menschen bezahlt werden, als denjenigen, die in den Unternehmen arbeiten. Jeder Konsument muss sein Geld, das er ausgibt verdienen. Und die Masse der Menschen kauft das, was sie herstellen. Nicht die Hollywood Filmproduzenten bezahlen die Gehälter der Stars, sondern die Kinobesucher. Manche Menschen halten es für ungerecht, dass ein Mann mit Familie das gleiche Gehalt bezieht wie ein Alleinstehender. Die Frage lautet aber nicht, ob der Arbeitgeber eine größere Verantwortung für die Größe der Familien des Angestellten übernehmen sollte. Vielmehr müssen wir fragen: Sind Sie bereit mehr für ein Brot oder ein Auto zu bezahlen, nur weil der Bäcker oder Autobauer sechs Kinder hat? Die Bezeichnung Kapitalismus stammt nicht von einem Freund, sondern von einem Gegner – Karl Marx. Allerdings gibt es an der Bezeichnung nichts auszusetzen. Die Quelle der große sozialen Verbesserungen ist das Kapital. Die Anhäufung von Kapital für Investitionen, nicht für den sofortigen Konsum hat diese Verbesserungen ermöglicht. Zugleich ermöglicht Sparen Projekte, die gestern noch unmöglich waren. Sobald Unternehmer das Kapital nutzen, steigern sie die Nachfrage, von der Rohmaterialbeschaffung über die Beschäftigung neuer Arbeitskräfte und der Tendenz zu höheren Preisen und Löhnen. Lange bevor der Sparer oder der Unternehmer Gewinne erzielen profitieren arbeitslose Arbeiter, Hersteller von Rohmaterialien, Bauern und die Bezieher von Löhnen von dem Ersparten. Die böswillige Darstellung des Kapitalismus als ein System, das Reiche reicher und Arme ärmer macht ist von A-Z falsch. Marx hatte in jeder Hinsicht Unrecht. Es gibt kein westliches kapitalistisches Land, in dem sich die Lebensbedingungen der Massen nicht in nie da gewesener Weise verbessert haben, entgegen der marx'schen Prognosen. Wir müssen begreifen, dass ein höherer Lebensstandard vom verfügbaren Kapital abhängt. Dies ist der Unterschied zwischen den USA und Indien. Ein Land wird wohlhabender im Verhältnis zum Anstieg des investierten Kapitals pro Kopf der Bevölkerung. In der Wirtschaftspolitik gibt es keine Wunder. Auch das so genannte deutsche „Wirtschaftswunder“ beruhte nur auf einer (teilweisen) Anwendung der Prinzipien einer freien Marktwirtschaft. Jedes Land kann ein solches Wunder erleben, auch wenn ich darauf bestehen muss, dass es sich nicht um ein Wunder, sondern die Folge gesunder Wirtschaftspolitik handelt.
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