Startseite Zur Ordnungspolitik Grundsätze Der Aufstand von Instinkt und Vernunft gegen die Moral
Der Aufstand von Instinkt und Vernunft gegen die Moral PDF Drucken E-Mail

„Regeln der Moral sind nicht die Schlussfolgerungen unseres Verstandes“ schreibt Friedrich August von Hayek in seinem letztem Buch „Die verhängnisvolle Anmaßung: Die Irrtümer des Sozialismus“. Zur Moral gehören insbesondere Regeln, die das Eigentum, die Freiheit und die  Gerechtigkeit betreffen. Diese sind in einem Evolutionsprozess als erfolgreiche Institutionen selektiert worden und damit Teil eines gesellschaftlichen Wissensbestandes zur Lösung von sozialen Problemen. Mit anderen Worten ließe sich sagen: Eigentum, Freiheit und Gerechtigkeit (als Gleichheit vor dem Gesetz) stehen gleichsam zeitlich vor und ethisch über unseren heutigen Verfassungen. Diese Erkenntnis hat weitreichende Folgen und ist brandaktuell.

Grundsätzlich wirken drei Elemente auf eine gesellschaftliche Ordnung ein: Vernunft, Tradition und Instinkt. In unserer sozialdemokratischen Welt haben sich Vernunft und Instinkt gegen die Tradition, das heißt die Moral, verbündet. Was ist damit gemeint? Auf der einen Seite steht der Glaube, die Welt vollständig rational begreifen und erklären zu können. Es liegt dann nahe, auf der Grundlage dieses von seinem Charakter her naturwissenschaftlich präzisen Wissens gezielte Maßnahmen zur Verbesserung der Welt zu ergreifen, etwa bei einem Mangel von Hemden durch Regierungsmaßnahmen gezielt die Produktion zu steigern oder der Versuch, in einer Rezession die Wirtschaftsaktivität insgesamt zu beleben. Die Gefahr intellektueller Hybris liegt hier auf der Hand. Wir hegen eine ausgeprägte Abneigung gegen das Abstrakte. Die Überschätzung der Intelligenz kommt exemplarisch in der Wirtschaftsplanung zum Ausdruck, dem Herzstück des Sozialismus. Hayek zeichnet mit einigen Federstrichen die Geschichte eines Vernunftglaubens von Descartes über Rousseau und die Volonté générale nach, nach dem man eine paradiesische Welt allein mit der Vernunft kreieren könne, darunter Recht, Sprache, Moral.  

Bemerkenswerter Weise paaren sich in der Neuzeit immer wieder Vernunft und Instinkt. Unsere Instinkte haben unser (Über)Leben in der Kleinstgruppe gesichert. In der Familie achten die Eltern beispielsweise in der Regel darauf, dass ihre Kinder einen gleich großen Anteil bekommen, sei es vom Essen oder bei Geschenken zu Weihnachten.  

Die Mischung aus Vernunft und Instinkt birgt gesellschaftlichen Sprengstoff. Erstens lässt sich die Welt nicht mit naturwissenschaftlichen Mitteln erklären. Dies gilt insbesondere für soziale Ordnungen und Abläufe. Zweitens sind Instinkte ein völlig ungeeigneter Ratgeber jenseits des eng umgrenzten, überschaubaren Gruppenbereichs. Das gilt ganz besonders für alle Ebenen der Politik, von der Kommune über die Länder bis zum Bund und die Europäische Union. Zugleich hilft der Appell an die Instinkte ungemein, um Ziele für Sonderinteresse politisch durchzusetzen. Ein Beispiel ist die Einkommensverteilung, die Ungleichheit der Einkommen. Natürlich ist es nicht schön, wenn der Bäcker mit seiner sechsköpfigen Familie und insbesondere seine Kinder ein finanziell schweres Leben haben, die Möglichkeiten für deren Ausbildung zunächst begrenzt sind. Im Zuge einer Verbindung von Vernunft und Instinkt liegt die Forderung nahe, nicht nur den Bäcker, sondern alle Familien zu subventionieren, etwa durch die Einführung oder Erhöhung des Kindergelds. Bei diesem Beispiel geht es nicht um das Erkaufen von Zustimmung wie es die Nationalsozialisten mit der Einführung des Kindergeldes oder der Erhöhung der Renten im Krieg getan haben. Das Beispiel soll vielmehr den Verstoß gegen die Moral illustrieren. Während die Forderungen nach Subventionen schnell erhoben sind und auf vielfache Zustimmung stoßen dürften, würde wohl kaum jemand die Brötchen des Bäckers mit einer Kinderreichen Familie für den doppelten Preis kaufen, den ein Bäcker ohne Familie für seine Brötchen angibt. Staatliche Zwangsmaßnahmen setzten sich über die Moral hinweg - um nichts anderes handelt es sich bei der Umverteilung, weil zunächst jemandem unfreiwillig ein Teil seines Vermögen entzogen werden muss, um es jemand anderem zu geben. Zugleich wird die private Initiative geschwächt. Freiwillige Solidarität ist nämlich weit verbreitet, wenn dem Gönner genug von seinem Vermögen bleibt. Ein Studium in Harvard wäre für eines der Bäckerkinder keinesfalls eine absurde Vorstellung. Die enormen Studiengebühren und Lebenshaltungskosten von rund 40.000 USD pro Jahr bezahlt nämlich nur ein Drittel der Studenten vollständig selbst. Diese Hilfe zur Selbsthilfe ist eine moralische Lösung sozialer Probleme.

Gefährlich wird es bei Versuchen, ganze Gesellschaften zu revolutionieren. Revolutionäre Bewegungen richten sich – aus gutem Grund möchte man hinzufügen – gegen Eigentum, Familie und – so wäre zu ergänzen – gegen die Religion. An Stelle dieser gewachsenen, nicht gemachten Institutionen, sollen „vernünftigere“ Einheiten und Regeln treten. Ob 68er, Islamismus oder Nationalsozialismus, stets ist das Ziel eine Umwertung bestehender Werte, darunter stets Sprache, Recht und die Maßstäbe über gut und schlecht.

Hayeks Untersuchung ist daher von einem Lob der Moral und der Tradition durchdrungen. Zugleich rechnet er mit Intellektuellen wie H. G. Wells, George Orwell und John Maynard Keynes ab, die glaubten „durch Berücksichtigung vorhersehbarer Effekte eine bessere Welt bauen zu können als durch Berücksichtigung traditioneller abstrakter Regeln“. Hayek urteilt: „Praktisch alle Vorteile der Zivilisation, ja unserer Existenz schlechthin, hängen ... von unserer fortdauernden Bereitschaft ab, die Bürde der Tradition zu tragen.“ Hoffentlich nicht die der Sozialdemokraten, möchte man hinzufügen.

Heute kommt es darauf an, der offenen, evolutiven Entwicklung von Institutionen Raum zu geben, darunter das Preissystem. Zugleich müssen geschaffene Institutionen als Verstoß gegen die Moral, gegen die guten Sitten gebrandmarkt werden. Konstruktivismus und Szientismus (übersteigerter Wissenschaftsglaube/ intellektueller Rationalismus) stellen einen Missbrauch der Vernunft dar. Sie beruhen auf einer Fehldeutung vom Wesen und der Entstehung menschlicher Institutionen. Diese Anmaßung hat in der Geschichte wiederholt verhängnisvolle Folgen gehabt. Es Zeit für Bescheidenheit und Demut. Dies gilt für die Konjunktur- wie für die Familienpolitik. Dort ist wie so häufig die beste Politik die Abwesenheit von Politik. Vertrauen wir auch auf Gott, der sozialethisch betrachtet eine Personifizierung von Moral und Werten ist und das Überleben von Gesellschaften mit sichert. (pk)

 
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