Wer organisiert? PDF Drucken E-Mail
Wie viele Menschen benötigt man zur Herstellung eines Hemdes? Letzten Samstag habe ich mir ein Hemd gekauft. Daran ist nichts besonderes. Möglicher Weise haben 20 Millionen Menschen das Gleiche getan. Bemerkenswert ist indes, dass ich, genauso wie die Meisten der 20 Millionen, niemanden vorher über mein Vorhaben informiert habe. Und dennoch ist das einfache Hemd ein Symbol für einen Triumph internationaler Arbeitsteilung.
Die Baumwolle wuchs in Indien, das Saatgut stammte aus den USA; das Plastik im Hemdkragen aus Portugal, die Bestandteile des Farbstoffs aus mindestens einem halben Dutzend anderer Länder; die Kragennaht stammt aus Brasilien und die Maschinen für Weben, Schneiden und Nähen aus Deutschland. Das Hemd selbst wurde in Malaysia hergestellt.

Die Planungen für das Design und die Herstellung des Hemdes reichen weit zurück. Ingenieure in Köln und Chemiker in Birmingham waren vor vielen Jahren genauso daran beteiligt wie der indische Landwirt, der erst vor zwei Wintern eines morgens sein Stück Land mit Treckern bearbeiten ließ. Und niemand von all diesen Menschen und viele weitere hier nicht genannten wusste, dass ich letzten Samstag das Hemd kaufen würde! Ich wusste es selbst nicht einmal noch unmittelbar bevor ich es in der Hand hielt. Und all diese Menschen haben nicht nur für mich gearbeitet, sondern waren vielfach auch an der Herstellung der Hemden für die anderen 20 Millionen Menschen beteiligt, die alle unterschiedlichen Geschmack, verschiedene Körpermaße und Einkommen haben und noch dazu über sechs Kontinente verstreut leben. Und alle haben unabhängig von einander die Entscheidung getroffen, ihr Hemd zu kaufen. Und morgen sind es wieder andere 20 Millionen oder sogar mehr.

Wäre ein einzelner Mensch auf der Erde dafür zuständig, die Versorgung mit Hemden sicher zu stellen, dann wäre dies eine generalstabsmäßig zu planende Aufgabe. Man kann sich vorstellen wie etwa der US-Präsident oder auch ein anderer Staatsführer einen Bericht vorstellt mit der Überschrift „Die Weltbedürfnisse für Hemden“. Ein staatlicher Sonderstab würde eingerichtet werden. Die Vereinten Nationen würden Konferenzen abhalten wie die internationale Kooperation bei der Herstellung von Hemden verbessert werden kann. Zugleich würde ein Schlagabtausch mit Argumenten stattfinden, ob die USA oder besser die VN die Führung übernehmen sollten. Der Papst würde zur friedlichen Einigkeit aufrufen, um ausreichend Hemden zu produzieren. Pop Stars und NGOs würden uns regelmäßig daran erinnern, dass Hemden zu den Menschenrechten gehören. Experten würden sich die Köpfe heiß reden und keine Einigung darüber erzielen, ob es sinnvoll ist, Hemdkragen in Brasilien herzustellen für Hemden, die in Malaysia produziert werden. Andere Experten würden mit Hinweis auf die Umweltbilanzen und Müll einen sparsameren Umgang mit Hemden anmahnen, auch um die Versorgungslage zu verbessern. Fabriken, denen die größten Produktionssteigerungen gelingen, würden mit internationalen Auszeichnungen versehen werden. Ihre Vorstände würden mit großem Respekt interviewt werden. Zugleich würden Aktivisten zu weltweiten Protesten aufrufen, weil Hemd ein sexistischer und radikaler Begriff sei und Gender- und Kultur-neutrale Formulierungen vorschlagen.

Ob ich in dieser Kakophonie überhaupt mein Hemd hätte kaufen können, erscheint mir zweifelhaft.

Das riesige Unternehmen, Hemden in tausenden und abertausenden Stilen für Millionen und Abermillionen von Menschen zu produzieren, findet statt, ohne dass es eine Gesamtkoordination gibt. Jeder Beteiligte hat sich vor allem um sein Interesse und seine Bedürfnisse gekümmert – der indische Landwirt um den Preis, den er bei seinem Händler für die Baumwolle erzielen kann, die Kosten für den Anbau der Baumwolle und die Anstrengungen, die für einen erfolgreichen Anbau der Baumwolle erforderlich sind. Die deutschen Maschinenbauer haben sich um Exportaufträge, die Beziehungen zu ihren Zulieferern und ihre Mitarbeiter gekümmert. Die Hersteller der Chemikalien haben nicht einen Gedanken an die Ästhetik der Hemden verschwendet. Große Unternehmen waren an der Herstellung und dem Verkauf beteiligt, darunter in meinem Fall Peek & Cloppenburg, mit Hunderten Beschäftigten. Und doch waren sie nur für einen kleinen Teil der Gesamtaufgabe zuständig. Und insgesamt war natürlich niemand verantwortlich!

Es grenzt an ein Wunder, dass das ganze System funktioniert. Aber als Teilnehmer einer Marktwirtschaft haben Sie leider das Staunen verlernt. Sie wissen, dass sie jederzeit, wenn ihnen der staatliche Ladenschluss nicht einen Strich durch die Rechnung macht, Nahrungsmittel, Kleidung, Möbel und tausend andere nützliche und überflüssige Dinge einkaufen können. Für unsere Vorfahren in der Steinzeit war dies eine unglaubliche Vorstellung und für die Menschen hinter dem Eisernen Vorhang zumindest in beträchtlichem Ausmaß auch, urteilt Paul Seabright. Aus seinem Buch „The Company of Strangers “, A Natural history of economic life (Princeton und Oxford 2004, 13-15) ist dieses Beispiel entnommen und adaptiert. Als Vorbild diente ihm der geradezu legendäre Essay von Leonard Read „I, pencil “ aus dem Jahr 1958, dem Gründer des ersten Ökonomischen Bildungswerkes FEE (Foundation for Economic Education). Aber müsste es nicht doch einen alles umfassenden Plan geben?

In einer Marktwirtschaft gibt es weder den Plan noch den Befehl, ihn auszuführen. An seine Stelle tritt der Preis – sonst nichts.
Der Preis ist es, der all diese Aktivitäten koordiniert. Preise informieren uns, Preise sagen uns, was wir im allgemeinen Interesse zu tun haben! Preise verändern sich und vermitteln Signale über sich verändernde Umstände. Preise lenken die Güter und unsere Aktivitäten in die bestmöglichen Verwendungen. Und wir wissen eben gerade nicht im Voraus, wofür unsere Bemühungen genutzt werden, etwa ob die Baumwolle für Kleidung oder für Taschen, die Maschinen für die Herstellung von Hemden oder einen anderen Zweck benutzt werden. Und natürlich wissen wir noch weniger über die spätere Verwendung gebrauchter Güter als „Second hand-Güter“, darunter nicht nur Kleidung und Möbel, sondern auch Maschinen.

Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Wie viele Menschen waren an der Herstellung des Hemdes beteiligt? Niemand kann darauf eine korrekte Antwort geben, aber es ist nicht übertrieben zu sagen Hunderttausende!
 
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