Startseite Zur Ordnungspolitik Grundsätze Wahrer und falscher Individualismus
Wahrer und falscher Individualismus PDF Drucken E-Mail

Die Individualisierung der Gesellschaft ist eine beklagte Entwicklung, die vielfach mit Egoismus, Rücksichtslosigkeit und der Zersetzung gemeinschaftlicher Strukturen wie der Familie gleichgesetzt wird. Als Hauptverantwortlicher muss der Neoliberalismus auf der Anklagebank Platz nehmen. Diese Sichtweise ist gleichermaßen verbreitet wie falsch. Die Ankläger leiden unter einer doppelten Fehlperzeption: Sie verkennen den Unterschied zwischen wahrem und falschen Individualismus und unterstellen den Freunden der Freiheit kaltes Systemdenken ohne Wertefundament.

Der wahre Individualismus ist ein Wesensmerkmal einer freien Gesellschaft. Der falsche Individualismus hingegen ist ein Zerrbild dessen und ist kennzeichnet durch kollektivistisches Gedankengut, also gesellschaftliche Vorstellungen, die der Masse in abstrakten Größen wie „der“ Staat oder „die“ Gesellschaft Vorrang vor dem Einzelnen einräumen. An dieser Stelle kann eine Erläuterung ansetzen, die den gegensätzlichen Spielarten von Individualismus auf den Grund geht und die weittragenden Folgen für die Verfassung einer Gesellschaft aufzeigt.
Friedrich August von Hayek plädierte für eine Orientierung an Grundsätzen. Seine Überlegungen gingen erstens von der Feststellung aus, dass das Prinzip der Zweckmäßigkeit zum Kollektivismus führe. Markant ist seine Formulierung, die „Freiheit [kann] nur erhalten werden ..., wenn sie nicht bloß aus Gründen der erkennbaren Nützlichkeit im Einzelfalle, sondern als Grundprinzip verteidigt wird“. Zweitens betonte er die prinzipiellen Vorzüge einer evolutionären Gesellschaftsentwicklung (Kosmos) gegenüber einer Organisation der Gesellschaft (Taxis). In „Die Anmaßung von Wissen“ schrieb Hayek: „In viel größerem Maß als bisher muß erkannt werden, daß unsere gegenwärtige gesellschaftliche Ordnung nicht in erster Linie das Ergebnis eines menschlichen Entwurfs ist, sondern aus einem wettbewerblichen Prozeß hervorging, in dem sich die erfolgreicheren Einrichtungen durchsetzten.“ Leitsätze für eine Orientierung an Grundsätzen finden sich im Individualismus, der Denktradition der echten Liberalen.

Der wahre Individualismus unterscheidet sich vom rationalistischen Individualismus.
Der wahre Individualismus geht stets vom einzelnen Menschen, vom Individuum aus und führt kollektive Größen auf individuelle Handlungsmotive und Handlungsbeschränkungen zurück (methodologischer Individualismus). Er wendet sich gegen den Rationalismus, der die menschliche Kultur als konstruiert und geplant, als Ergebnis absichtlicher menschlicher Handlung ansieht. Konsequenter Weise plädieren Rationalisten für die Lösung wirtschaftlicher und sozialer Probleme durch Experten, die aufgrund ihres Wissens in der Lage sein sollen, eine erfolgreiche Steuerung der Gesellschaft bewirken zu können. Hayek warnt vor diesem Rationalismus als „Anmaßung von Wissen“. Der Verstand ist begrenzt. Die gesellschaftliche Zusammenarbeit beruht auf Wirkungsgefügen, die weitaus größer als der Verstand des Einzelnen sind. Zudem hat das Menschenbild des wahren Individualismus den Vorteil, keinen neuen Menschen konstruieren zu müssen, wie der Sozialismus und seine gemäßigten Spielarten; schlechte Menschen können in einer wettberwerblichen Gesellschaftsordnung die geringsten Schäden bewirken und unterliegen zugleich Anreizen, sich positiv einzubringen, da sie auf diese Weise ihre persönliche Situation verbessern können. Dazu ein Beispiel: Ohne umfangreiche staatliche Umverteilung und verstaatlichte Sicherungssysteme, die mit einer hohen Steuerbelastung einhergehen, gibt es keinen Anreiz Erschleichung von Sozialleistungen und zur Steuerhinterziehung. Zugleich ist es attraktiv, das eigene Leben durch Arbeit, d.h. den Dienst an anderen Menschen, zu verbessern.

Irrglaube Individualismus heißt Egoismus
Zu den populären Irrtümern zählt die Gleichsetzung von Individualismus und Egoismus. Wilhelm Röpke schlug in diesem Zusammenhang vor, den verfälschten Begriff (wahrer) Individualismus durch „Personalismus“ zu ersetzen. Für echte Liberale steht außer Frage, dass der Einzelnen stets eingebunden ist in seine Familie, in einen Kreis von Freunden. Liberalismus ist eingebettet in eine Wertordnung, in der Nächstenliebe und der Dienst am Nächsten eine zentrale Rolle spielt. Das liegt schon daran, dass eine freie Gesellschaft mit der Einbindung der Individuen in natürliche, dezentrale Gemeinschaften steht und fällt. Im Unterschied zu den rationalistischen Gesellschaftsmechanikern soll ihre Interaktion jedoch frei erfolgen und nicht von Experten geplanten Strukturen folgen. Eine Expertenwirtschaft ist gezwungen, den Weg zu einer Kommandowirtschaft zu beschreiten. Insofern ist Egoismus ein falscher Bezugspunkt. Zudem ist mit Individualität stets die Fähigkeit zur „propotionierlichsten Bildung der Kräfte“ im Sinne Wilhelm von Humboldts verbunden.
Dies führt uns zurück zu Wettbewerbsordnung. Da tatsächlich niemand (!) weiß, wer etwas am besten weiß, ist der Wettbewerb das richtige Prinzip, Wissen einer Bewährungsprobe zu unterziehen und als Entdeckungsverfahren erfolgreichem Wissen zum Durchbruch zu verhelfen.

Wetreichende Folgen für eine freie Gesellschaft
Die Besinnung auf den wahren Individualismus zieht bedeutsame Folgen für die Ordnung einer Gesellschaft nach sich. An erster Stelle ist die strenge Begrenzung jedweden Zwanges zu nennen. Es gilt der kategorische Imperativ: „Handle stets so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Hinzu kommt die unbedingte Herrschaft des Rechts. Diese schließt die Gleichbehandlung aller Menschen unter dem Recht ein. Es sein angemerkt, dass diese Forderung im Widerspruch zum Wohlfahrtsstaat steht, der stets ungleiche Menschen ungleich behandeln muss. Schließlich wird das Wirken des Staates auf die Durchsetzung von Prinzipien beschränkt (Minimalstaat).
Hinzu kommen allgemein Regeln, darunter das Primat der Langfristigkeit in der Politik, der Schutz des Privateigentums und die unbedingte Aufrechterhaltung der Wettbewerbswirtschaft. Für den Staat bedeutet dies, sich auf das Schaffen eines Ordnungsrahmens zu beschränken. Interventionismus hingegen untergräbt die Institutionen unserer Zivilisation. Die Individuen wiederum sind der Befolgung von Regeln unterworfen. Ihre Anpassungswilligkeit in einer Wettbewerbswirtschaft schließt ein, sich von Preisen führen zu lassen! Für das Feld der Politik gilt, keinem falschen Glauben an die Demokratie anzuhängen. Die Stärke der Demokratie beruht nicht auf der Überlegenheit des Majoritätsprinzips, sondern vielmehr auf der Möglichkeit, dass Mindermeinungen zu Mehrheitsmeinungen werden. Werte wie  Non-Zentralismus und das Hochschätzen intermediärer Organisationen wie der Familie und der Nachbarschaft runden das Gesellschaftsbild des wahren Individualismus ab.

Der falsche Individualismus hat den Wohlfahrtsstaat hervorgebracht. Ihm liegt ein kollektivistisches Programm zu Grunde. Seine Vertreter, an der Spitze viele Politiker, stehen unter dem Verdacht, zu skrupellosen Vermarktungsexperten zu werden, die sich nur fragen: Wie wirkt es und was bringt es mir? Der wahre Individualismus hingegen lehrt Demut. Seine Anhänger schätzen das Individuum höher als die Gesellschaft und verzichten auf große wirtschaftliche und soziale Konstruktionen. Insofern lehrt der wahre Individualismus Vertrauen. Er hebt sich damit wohltuend von der Bevormundung durch falsche Individualisten ab. Individualität ist ein wertvolles Gut.

 
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