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Krisen und Krisendiskurse PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: mvp   
Donnerstag, 17. Mai 2012

Krisen gehören zum Alltag. Allerdings ist es schwer, Krisen und Alltag abzugrenzen, weil Alltag oder Normalität kein statischer Zustand ist. Zudem mangelt es regelmäßig an einem präzisen Verständnis, was Normalität ausmacht und vor allem wie sie zu erklären ist. Krisen bedürfen also einer Normalitätstheorie. Insofern haben wir es bei den großen aktuellen Krisen, vom Arabischen Frühling über die Banken- und Staatsschuldenkrise bis zur Gesellschaftskrisis der Gegenwart, nicht allein mit den viel beklagten Unzulänglichkeiten der Krisendiagnose zu tun. Es mangelt vielmehr an einer überzeugenden Beschreibung der Normalität.

Lob der Skepsis

Was tun? Am Anfang sollte ein Lob der Skepsis stehen. Es ist zugleich ein Lob der differenzierten Sichtweise. Skepsis bedeutet Sachverhalte Ernst nehmen, sie kritisch würdigen. Skepsis kann zudem als Dialektik zwischen Argumentieren und Beobachten des Argumentierens dienen. Diese Auffassung vertritt Gerhard Schulze, Soziologe und Universitätsprofessor in Bamberg, in seinem Essay „Krisen“ bei der Vontobel Stiftung, der inzwischen auch in umfangreicherer Form als Buch erhältlich ist. Der glänzend schreibende Soziologe plädiert, den Verstand zu bemühen statt Instinkten zu folgen. Das bedeutet relativieren, kritisch betrachten statt der vielfach praktizierten Objektivitätstümmelei, die nur scheinbar die Normalität treffend erfasst. Mit Karl Popper gibt es ohnehin nur Vermutungswissen und keine Sicherheit – das gilt ganz besonders für Experten, die im Übrigen regelmäßig schlechter abschneiden als der die normalen Menschen im Durchschnitt.

Im Mittelpunkt seiner Überlegungen steht eine Soziologie oder weniger ambitioniert: eine Annäherung an eine Wissenschaftstheorie der Krisendiskurse. Gerhard Schulze hält die (stets gefährdete) „Selbstbeobachtung der Diskursteilnehmer“ für entscheidend, um sich erfolgreich mit Krisen zu befassen. Das bedeutet: Wer seinen eigenen Ausführung nicht ein gerütteltes Maß an Skepsis zukommen lässt, verschenkt Potenzial für ein besseres Verständnis von Krisen.

Krisen werden konstruiert

Was ist eine Krise? Krise dient als Bezeichnung einer Entwicklung, bei der das Normale für längere Zeit aussetzt, es handelt sich also um eine „Störung wiederholter, ineinander greifender Abläufe mit Hoffnung auf Besserung und Rückkehr zum Normal-Zustand“. Allerdings meint Gerhard Schulze zurecht mehr einen Prozess als etwas Statisches. Bemerkenswerterweise erfahren Krisen durch einen gesellschaftlichen Konstruktivismus ihre (zusätzliche) Bedeutung, schließlich sei eine Krise niemals nur eine Krise, sondern unvermeidlich eine Konstruktion ihrer Beobachter.

Dementsprechend sind drei Konstruktionselemente für eine Krise erforderlich: Die Theorie des Normalen – das Diagnosemodell – das Kausalmodell. Drei Schlagworte hierfür lauten: Normalität, Diagnose, Kausalität. Die große Herausforderung besteht Normalität angemessen zu fassen und zu verstehen: „Wer Krise sagt, muss ein taugliches Normalitätsmodell vorweisen. … Wer Normalität beschreibt, muss begründen, warum sie eigentlich wieder hergestellt werden soll. Eine Veränderung ist nicht notwendig eine Störung – dann liegt aber auch keine Krise vor.“ Ohne ein Normalitätsmodell, gibt es keine Krise. Und die Qualität des Normalitätsmodells beeinflusst maßgeblich unser Krisenwissen, also sowohl die Diagnose als auch die Kausalmodelle.

Normalität begreifen fällt schwer

Eine Theorie des Normalen stellt eine besonders schwierige Herausforderung dar. Das liegt nicht zuletzt an unserer Alltagswahrnehmung, die besonders stark auf Abweichungen vom Normalen regiert, hingegen wenig über den Alltag selbst reflektiert. Folglich tendieren selbst wissenschaftliche Krisendiskurse zu einem „alltagsweltlichen Normalitätsmodell der Gesundheit.“ Krisen werden als Krankheiten verstanden. Wer auf den geldpolitisch bedingten Boom und Bust Zyklus etwa im Immobiliensektor schaut, wird die bereinigende, heilsame Überwindung der Krise durch Preisanpassungen und Restrukturierung der Kapitalverteilung mit Begleiterscheinungen wie Arbeitslosigkeit und Unternehmenszusammenbrüchen mit dem alltagsweltlichen Gesundheitsmodell leicht in Einklang bringen können. Zugleich sind Krisen ein fester Bestandteil der Moderne; seit 200 Jahren folgt eine Krise der anderen. Weil wir der alten Ordnung anhängen, begreifen wir Krisen als Änderungen der Normalität in Richtung einer neuen Realität nicht als Chance.

Risiko und Krise

Die Begriffe Risiko und Krise gehören zusammen. Risiken werden von der Ursachenseite aus betrachtet mit der Frage nach den Wirkungen; Krisen werden von der Wirkungsseite aus wahr genommen mit der Frage nach den Ursachen. Illustrieren lässt sich das mit folgender Doppelfrage: Welche Folgen hat eine Politik billigen Geldes? Wie ist die hohe Inflation zustande gekommen? Zugleich wird deutlich, wie voraussetzungsvoll Diskurse über Krisen werden und wie bedeutsam eine angemessene Beschreibung und Erklärung der Normalität ist. Offenkundig werden Risikodiskurse regelmäßig im Voraus, Krisendiskurse hingegen im Nachhinein geführt. Während Risiken allgegenwärtig sind, gilt das für Krisen trotz ihrer Häufigkeit nicht. Besonders interessant ist die Schnittmenge von beiden, nämlich das Risiko einer Krise. Genau diesen Spezialfall behandelt der Essay von Gerhard Schulze.

Wissen verbessern

Irrtümer sind unvermeidlich, schon aufgrund der strukturellen Begrenzung unseres Wissens. Irrtümer gehören zum Alltag. Sie sind solange unproblematisch, man wir uns der Konstruktion von Wissen und der damit verbundenen Unsicherheit bewusst sind. Wissen ist Vermutungswissen. Bestätigungen haben keine letztendliche Beweiskraft, Widerlegungen indes schon (hier ist offenkundig von Poppers Falsifikationismus die Rede; zugleich darf Kuhns Paradigma des Beharrungsvermögens wissenschaftlicher Dogmen nicht fehlen). Verbessern lassen sich unsere Wissenskonstruktionen durch Reflexion. Skeptische Neugier und erkenntniskritische Distanz sind hilfreich für mehr und besseres Wissen. Außerdem hilft es, so Gerhard Schulze, sich darüber bewusst zu werden, wie gross oder auch klein der Schritt vom Tragischen zum Komischen ist.

Regelmäßig gehören Empirisches und Normatives eng zusammen. Zugleich sind Kausalmodelle regelmäßig fehleranfällig und lückenhaft. Es kommt aber noch dicker: „Wenn es um Krisen geht, vermischt sich auch bei uns die psychohygienische Prägung von Kausalmodellen mit der Suche nach Wahrheit oder wenigstens Wahrscheinlichkeit und Nützlichkeit.“ Und evolutionsbedingt sind Wirtschaft auf das Schlimme programmiert. Deshalb sehen wir in Krise den Untergang gesamter Ordnungen und Systeme. Deshalb glauben viele Menschen, die Welt befinde sich in einem schlechterem Zustand als zuvor, obwohl es niemals so vielen Menschen so gut gegangen ist. Bei Handlungen gehe es nicht um richtig oder falsch, sondern um zweckmäßig oder unzweckmäßig.

„Die Krisendiskurse der Gegenwart nähren ein antimodernes Paradigma: Normalität 1 ist das Gesunde, Normalität 2 das Kranke und Kaputtmachende.“ Gerhard Schulze rät, mit dem Paradox einer „Normalität der Normalitätszerstörung“ leben. Das gilt im übertragenen Sinn auch für Emotionen, die das Nachdenken über die Qualität von Informationen einerseits erschweren und andererseits besonders notwendig sind. Bekanntlich haben Diskursteilnehmer die Tendenz nur solche Fakten zuzulassen, die zu ihrer Meinung passen, während sie widersprechende Fakten unterdrücken.

Krisen meistern

Die Moderne lässt sich als großes Aufbruchsprojekt begreifen, nicht zuletzt aus der Unmündigkeit des Menschen. Der Aufbruch ist mit immer neuen Risiken verbunden, aber auch mit neuen Ordnungen und Routinen. Krisen sind produktive Entwicklungen, sie werden immer wieder neu gemeistert. Paradoxerweise fühlen wir uns immer bedrohter, je sicherer das Leben wird. Das dürfte nicht zuletzt an der wachsenden Komplexität, den zunehmenden Wahlmöglichkeiten liegen, die eine offene Wirtschaft und Gesellschaft mit sich bringen. „Crisis“ bedeutet in der Antike noch wertneutral „Entscheidung“, in der Neuzeit wurde daraus der Höhe- oder Wendepunkt einer Krankheit.

Ein bedeutsamer Ratschlag, den gerade Deutsche beherzigen sollten, lautet, an die Stelle des heute ritualisierten Konsenses organisierte Skepsis treten zu lassen. Zweifel sind verpönt, sollten aber selbstverständlich zum Diskurs gehören. Zustimmung ist ein Gebot der Höflichkeit, tatsächlich sollte Kritik selbstverständlich ein Bestandteil von Diskursen sein und nicht als persönlicher Angriff gewertet werden, der mit einem Gegenangriff beantwortet wird.

Lernen lernen

Lernen ohne Ende ist für mehr und qualitativ besseres Wissen unerlässlich, das gilt auch für unsere persönliche Weiterentwicklung. Entscheidend ist ein unseren Horizont überschreitendes Lernen; den Schlüssel dafür bildet eine systematische, bewertende Selbstbeobachtung. Zugleich sollten wir wissen und akzeptieren, dass wir nicht alles im Griff haben. Würden wir überhaupt substanziell Neues lernen, wenn das der Fall wäre? Ohnehin geht mehr Wissen vielfach mit mehr Ungewissheit einher. Die größten Ungewissheiten ergeben sich aus der permanenten Veränderung kultureller, politischer, ökonomischer und sozialer Sphären, die wiederum das Ergebnis von mehr Wissen sind und mehr Wissen hervorbringen.

Als Prüfverfahren gegen Gewissheiten in Krisendiskursen schlägt Gerhard Schulze vor: „Die Analyse der Art und Weise, wie das Wissen überhaupt entstanden ist und wie belastbar es ist. Was immer als Gewissheit oder, bescheidener, als das gegenwärtig beste verfügbare Wissen ausgegeben wird, es ist eine Konstruktion. Also kann man fragen: Wurde solide gearbeitet oder geschlampt? Hält die Konstruktion stand, wenn man die Säure der Skepsis auf sie träufelt? Ist sie allen vergleichbaren Konstruktionen überlegen?“

Es liegt nahe, dass Expertenurteile aus gut geführten Fachdiskussionen hervorgehen sollten, in denen Profis der Wissensproduktion Standards setzen. Das ist heute abe nicht oder viel zu wenig der Fall. Sobald Beweglichkeit, Skepsis, Differenzierungsbereitschaft an die Stelle von Politisierung, Glaubenseifer und (falsche) Paradigmentreue treten, kann aus diesem frommen Wunsch Realität werden.

Addendum: zur liberalen Aufgabe unserer Zeit

Die Schriftenreihe der Vontobel-Stiftung bietet bemerkenswerte Einsichten von Menschen, die etwas zu sagen haben – für Menschen, die ihren Horizont erweitern möchten.

Österreicher, Libertäre, konsequente Liberale sollten viele der zuvor skizzierten Überlegungen berücksichtigen, um nicht einem naiven Liberalismus anheim zu fallen. Das gilt für eine empirisch unterlegte und dabei reflektierte Argumentation. Das gilt für eine belastbare Theorie der Normalität. Das gilt schließlich für Krisendiskussionen, die mehr als nur den Hinweis auf die Erkenntnisse der Klassiker bieten müssen, zumal seitdem einiges Wissen hinzu gekommen ist; vor allem gilt es Lösungen oder Hinweise auf Alternativen zur praktizierten Politik aufzuzeigen, die angesichts der bestehenden Systemrealität nicht unterkomplex sein dürfen. Fundamentalkritik hilft nicht ohne fundamentale Antworten. Die Lage ist angesichts einer erheblichen Verbreitung (klassisch) liberaler Erkenntnisse günstig. Begreifbare Gegenentwürfe sind künftig viel stärker gefordert – auch als Abgrenzung zu Lifestyle Liberalen.

Offenkundig ist es wenig hilfreich, vielmehr kontraproduktiv, sich in der aktuellen Schuldenkrise einem Untergangsgebrabbel hinzugeben - es drohen eklatante Fehldiagnosen. Der Untergang – was genau soll eigentlich untergehen? – wird absehbar ausbleiben. Hyperinflation im Stile Weimars oder Schuldengau im Stile der DDR drohen Deutschland und Europa derzeit nicht, einzelne Statsbankrotte, substanzielle Teuerungen und eine weiter zunehmende Geldentwertung indes genauso wie geringeres Wachstum und Wohlstandseinbußen. Auch ein neuer Totalitarismus wird ausbleiben. Um so wichtiger ist es, die konkreten Missstände des Euro-Zentrismus und die Alternative eines freiheitlichen Europa auf verständliche Weise aufzuzeigen. Es hilft nicht, sich im Besitz der Wahrheit zu glauben, zumal wenn diese religiöse Züge annimmt. Demut ist besser als Hochmut. Vielmehr sollte das Wissen anderer Denkrichtungen und Schulen sorgfältig geprüft und integriert werden. Das gilt etwa für den konkreten Verlauf von Krisen und praktizierte erfolgreiche Bewältigungen von Finanz- und Schuldenkrisen. Was haben Freiheitsfreunde eigentlich zur Außenpolitik beizutragen? Welche freiheitlichen Alternativen zum überbordenden Wohlfahrtsstaat gibt es und wie lassen sie sich realisieren? Eine Privatrechtsgesellschaft, die nur den Vertrag an die Stelle von Zwang setzt, reicht nicht aus; es kommt auf die Qualität der Verträge an.

Wer überzeugen will wird nicht umhin kommen, gangbare Weg aus Krisen und den Nutzen einer anderen Normalität aufzuzeigen. Eine Reihe von starken Argumenten und Gegenentwürfen gibt es bereits. Krisen sind Chancen!

 
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