| Geschichte der Freiheit – eine Spurensuche in Dahlem |
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| Geschrieben von: mvp |
| Freitag, 19. November 2010 |
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Die Geschichte der Freiheit ist vergleichsweise nachlässig erforscht und bietet doch einzigartige Lehren für die Zukunft. Grandiose Vorabeit hat Ralph Raico mit seinen zehn Vorlesungen „The struggle for liberty“ geleistet. Der Juniorenkreis Wissenschaft der Friedrich August von Hayek Gesellschaft war, mit einem dicken Reader ausgestattet, methodischen und inhaltlichen Aspekten einer Freiheitsgeschichte auf der Spur. In den Räumen des Harnack-Hauses und der schönen Umgebung Dahlems konnte sich ein bemerkenswertes Niveau entfalten, dazu gehörte auch stimmungsvolles Klavierspiel. Hayek erinnert in seiner glänzenden Einleitung zu „Capitalism and the historians“ an die Unmöglichkeit einer wertfreien Geschichtswissenschaft. Ein darauf gerichtetes Bemühen führt lediglich zur Verwendung verbreiteter (Vor)Urteile. Das wird an manifesten Überzeugungen zur Industrialisierung deutlich, die tatsächlich die Lebenssituation der Massen verbessert hat. Erst der Wohlstandsanstieg hat die Massenarmut ins Bewusstsein gerückt. Bereits Lord Actons fragmentarisches Werk wird durch eine Philosophie der Freiheit zusammen gehalten, die zugleich den Kern eines der bedeutendsten, nie veröffentlichten Bücher bilden sollte. Die Beschränkung willkürlicher Macht war dem katholischen Liberalen und wahren Europäer ein herausragendes Anliegen. Begann alles in der Antike? Vermutlich im Alten Orient. Allerdings haben die Griechen die Grundzüge einer Herrschaft des Rechts gleicher, freier Menschen geschaffen (isonomia). In der Polis Athen vollzog sich eine Revolution – die Vergesellschaftung der Macht. Rom schuf das Privatrecht, die individuelle Person und den Humanismus, ein bedeutenderer Schritt, der mit weniger Empathie der Betrachter verbunden ist. Besteht eine tragfähige Verbindung zwischen Liberalismus und Katholischer Kirche? Kirchenvertreter haben eine Fülle von Errungenschaften für die Menschheit hervorgebracht, wie Ralph E. Woods aufzeigt, darunter Pater Francisco di Vittoria, der den Grundstein für das internationale Recht legte oder die spanischen Scholastiker, die das gleiche für die moderne Ökonomik taten. Dennoch bleiben Zweifel – handelt es sich nur um eine Koninzidenz, die der Dualität von Staat und Kirche im Mittelalter geschuldet ist? Murray N. Rothbard bürstet kenntnisreich und mit Verve etablierte Deutungsmuster gegen den Strich. Der Gründervater der modernen Ökonomie ist für ihn nicht Adam Smith, sondern vielmehr Richard Cantillon, ein Proto-Österreicher und Analyst der realen Welt, welcher auch Geschäfte mit John Law machte, dem Papiergeldbankrotteur par excellence. Adam Smith bleibt für Rothbard ein Rückschritt, der bis 1870 währt. Kaum auszurottende Mythen prägen nicht nur das Bild der Industrialisierung, sondern auch der Manchesterkapitalisten. Richard Cobden, "Champion of the Poor", war ein Linker im besten Sinne und Freihändler zum Wohl der Armen wie Detmar Doering prägnant aufgezeigt hat. Auch das deutsche Geschichtsbild ist von Mythen durchdrungen. Das gilt beispielsweise für den von Ralph Raico kenntnisreich widerlegten „Sonderweg“. Der deutsche Liberalismus des 18. und 19. Jahrhunderts stellt einen wichtigen Beitrag dar und kann sich wie der unterschätzte französische Liberalismus sehen lassen. Demgegenüber ist 1933 Ausdruck eines Irrwegs des Obrigkeitsstaates. Nicht fehlen darf im Freiheitsensemble Ludwig von Mises, der vielfach historisch arbeitete und u.a. aufzeigt, was liberale Außenpolitik ausmacht: Liberalismus ist eine Freiheits- und Friedensidee ohne Grenzen. Diesen Grundsatz und seine Details sollten in Brüssel verankert werden. Die Spurensuche endete im 20. Jahrhundert: mit einer pointierten Darlegung der Dualität von Adenauer und Erhard, einer konzisen Analyse zum Ende des Wirtschaftswunders und dem Blick auf die „Wandlungen des Neoliberalismus“ (Philipp Plickert). Konsequente Liberale sollten heute nach dem Urteil der Teilnehmer auf derartige Vorsilben verzichten. Was bleibt? Einige Vernetzungen, manche Anregung, viele methodische und historische Herausforderungen. Aber auch der schmale Grat zwischen fruchtbarer und furchtbarer Wissenschaft in Dahlem wird zum Teil der Erinnerung an ein herrlich intensives Wochenende. Fortsetzung folgt. |




