Der Eichenheldbock PDF Drucken E-Mail

Motorsägengeheul zerreißt die Stille am See. Späne fliegen, Äste fallen, es ist etwas geschehen. Dann herrscht wieder Stille. Das kann nur eine Arbeitsunterbrechung sein. Weit gefehlt, die Waldarbeiter sind abgerückt und kehren nicht zurück, eine furchtbare Baumleiche bleibt hingegen stehen. Und der im Baum regelmäßig brütende Buntspecht ist nun wohnungslos geworden.

Ein schlechter Scherz? Wird bei der Forstverwaltung gestreikt? Eine gezielte Provokation? Die Besichtigung des Tatorts bringt keine neuen Erkenntnisse. Ein verstümmelter, ca. 3 Meter hoher, kahler Baumstumpf. Drumherum ein Chaos abgesägter und abgefallener Äste, teilweise unmotiviert gestapelt.

Was bleibt ist eine Frage beim zuständigen Forstamt für den Berliner Südwesten: „Bitte teilen Sie mir mit, wann Sie die Arbeiten abschließen werden. Der tägliche Blick auf den 'Kadaver' ist nicht angenehm“, besonders für die Nachbarn, ließe sich hinzufügen, da es vor ihrem Grundstück geschah. Auf die E-Mail kommt prompt eine Antwort: Genau in solch alten starken Baumleichen lebe „der Eichenheldbock“ (sic!), der größte Käfer Europas“. Es wäre ein ziemlicher Frevel aus Naturschutzsicht, solch einen seltenen Lebensraum, den es in Mitteleuropa neben der Schorfheide nur im Grunewald gebe, durch Fällung komplett zu vernichten. Deshalb bleibe das (zugegebenermaßen nicht schön anzusehende) Restbaumstück stehen.

Beeindrucken, aber ganz und gar nicht überzeugend. Eine kurze Recherche und ein Gespräch mit einem Forstdirektor a.D. gibt Anlass zu folgender Erwiderung: „Vielen Dank für Ihre Ausführungen zum Eichenheldbock, den Sie offenbar in unsere Nachbarschaft einführen wollen. Schließlich begründen Sie das Stehenbleiben des nicht schön anzusehenden Restbaumstücks damit, dass dem Eichenheldbock auf frevelhafte Weise der Lebensraum entzogen werde - der Lebensraum einer Kastanie. An Kastanien lebt der Bock aber nicht, und sein Cousin, das Kastanienzwergenböckchen, wurde hier noch nicht gesichtet. Dafür kommt der Eichenheldbock z.B. auch in der Elbtalaue bei Gartow sowie im Nürnberger Reichswald und in der Gegend von Hannover vor. M. E. liegen diese Vorkommen auch in Mitteleuropa. Als Lebensraum braucht er lockere ungleichaltrige Eichenwälder, in denen mindestens 150 Jahre alte noch lebende, aber absterbende Bäume stehen. Vollständig tote Bäume meidet er, und Kastanien ... wie gesagt. Also, selbst wenn Sie den Bock hier einschleppen wollen, nimmt der, sobald Sie sich umdrehen, erst die S7 und dann den ICC nach Hannover.“

Die Antwort spricht für sich: Die Ausführungen zum Eichenheldbock seien völlig richtig. Und dass das Reststück eine Kastanie sei, habe er erst jetzt erfahren. Trotzdem gehe es hier nicht um Schönheit und auch nicht um ultimative Aufforderungen zum Handeln, weshalb der Baum vorerst stehen bleibe.

Nun heißt es dran bleiben. Das kann man einer Behörde nicht durchgehen lassen. Seit wann ist die Missachtung der Vernunft Staatsaufgabe? Außerdem bewirtschaftet die Behörde sogenanntes öffentliches Eigentum, das den Bürgern gehört und nicht der Behörde. Die zögerliche Auskunft ist knapp und ähnlich hochwertig wie die erste Eichenheldbockbegründung: Vom 1. 3. bis zum 31.8. sei in Berlin gesetzliche Brut- und Setzzeit. In dieser Zeit würden keine Fällarbeiten durchgeführt, es sei denn, z.B. Notmaßnahmen nach Stürmen.

Ein bestechendes Argument, da der Baum eine Woche nach Beginn der gesetzlichen Brut- und Setzzeit verstümmelt wurde. Noch Fragen zur behördlichen Anmaßung? Fortsetzung folgt – im September diesen Jahres!

 
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