Startseite Zur Ordnungspolitik Für Sie erlebt Standortbestimmung im dritten Jahr der Finanzkrise
Standortbestimmung im dritten Jahr der Finanzkrise PDF Drucken E-Mail

Vorträge über die Finanzkrise ziehen ein größeres Publikum an. Das gilt umso mehr, wenn Insider berichten und die Aussicht auf (noch so allgemeine) Anlageempfehlungen besteht. So geschehen vor kurzem in einer eigentümlichen, aber traditionsreichen Gastwirtschaft im Herzen Südwest-Berlins. Der Vorstand eines mittelgroßen Hypothekenfinanzierers zog eine vorläufige Bilanz im dritten Krisenjahr. Die Vortrag fesselte geradezu die gebildeten Zuhörer, trotz aller Unerfreulichkeit des Themas und der Perspektiven.

Deutlich wurde zunächst die komplexe Gemengelage widerstreitender Interessen und Entwicklungen, von Politik, Banken, Ratingagenturen und Aufsichtsbehörden, von Regulierung und Deregulierung, von Konjunktur und Geld- und Fiskalpolitik. In einem Parforceritt folgte eine Bilanz, die zum Filmmotto „Was bisher geschah ...“ gepasst hätte. Einige Kostproben: Von 8.108 US-Banken sind knapp 3.000 durch den Ausfall von Gewerbeimmobilienkrediten gefährdet. Die US-Gesamtverschuldung im Verhältnis zum BIP wurde auf eine nie zuvor erreichte Höhe getrieben. Immerhin steigt die Sparquote in den USA leicht an. Die größten Baufinanzierer, Versicherungen und Autokonzerne wurden faktisch verstaatlicht. Die Geldpolitik bleibt geradezu irregulär expansiv. Wohin wird die nahezu unbegrenzte, billige Liquiditätsversorgung führen? Die Konjunkturprogramme der westlichen Staaten waren jedenfalls gigantisch und lassen sich nicht weiter so fortführen. Zugleich wurde die vorläufige makroökonomische Stabilisierung mit hohen Kurzarbeiterzahlen erkauft. Und neue große Probleme sind bereits in Sicht, darunter Landesbanken wie die LBBW und das sechstgrößte Geldhaus Österreichs, die Hypo Group Alpe Adria. Der US-Kongress befürchtet neue Verluste in Höhe bis zu 300 Mrd. US-Dollar nicht zuletzt mangels refinanzierbarer Kredite. Tatsächlich gefährlich ist perspektivisch die Überschuldung von privaten und öffentlichen Haushalten bei sehr niedrigen Zinsen. Das gilt gerade auch für Großbritannien, neben Griechenland und Spanien.

Was ist für 2010 zu erwarten? Zunächst schlechte Nachrichten aus dem Bankensektor und hinsichtlich der Haushaltssituation der PIIGS-Staaten. Diskussionen über Sparmaßnahmen der öffentlichen Hand werden nach der Wahl in NRW beginnen. Die EZB wird versuchen Liquidität einzusammeln. Das Vertrauen zwischen den Banken ist nach wie vor nicht wiederhergestellt. Inflation wird 2010 (noch) kein Thema werden, da das geschöpfte Geld nicht nachfragewirksam geworden ist – es kreist in luftigen Höhen als Buchungsvorgang über uns und niemand weiß, wie die aus dem Liquiditätsmeer entstandenen Sturm- und Gewitterwolken zur Auflösung gebracht werden können, ohne heftige Schäden anzurichten. Die Bankenbranche steht vor schwierigen Zeiten aufgrund sinkender Bonität der Kunden. Strengere Regulierungen werden kommen mit höheren Kreditkosten. Banken sollen mehr Eigenkapital haben, was ihnen durch Basel II zuvor genommen wurde; Banken sollen außerdem kleiner werden; Banken sollen schließlich die Wirtschaft u.a. durch Kredite "schmieren" – zusammen eine kaum lösbare Aufgabe. Der Konsolidierungsprozess von Banken ist bereits angelaufen. Das Immobiliengeschäft wird nach drastischem Einbruch zunächst auf niedrigem Niveau verharren. Die Lage bleibt angespannt. Marktteilnehmer und Beobachter sind hochgradig nervös. Gute und schlechte Nachrichten wechseln Schlag auf Schlag. Niemand weiß wie es weiter geht. Es sieht nach einem sehr schweren Jahr 2010 aus.

An den Vortrag schloss sich eine engagierte Diskussion an, die eine Fülle von Themen streifte. Zwei Erkenntnisse seien hervorgehoben. Erstens werden die Staatsschulden nicht mehr zurückgezahlt, sondern lediglich umgeschuldet. Allerdings sind hierfür Grenzen auf den internationalen Kreditmärkten absehbar. Zweitens ist es praktisch unmöglich, die Staatsausgaben in ihrer derzeitigen Höhe aufrecht zu erhalten. Um es mit einem Beitrag bei Forum Ordnungspolitik zu formulieren: Rekordverschuldung erfordert Rekordentstaatlichung. Zugleich dürften nicht alle Teilnehmer den geradezu revolutionären Charakter der Forderung des Bankvorstands erfasst haben: Banken sollten sich wieder auf ihr eigentliches Geschäft konzentrieren – die Entgegennahme von Spareinlagen und (dadurch ermöglicht) die Vergabe von Krediten.

 
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