Der Brandbrief PDF Drucken E-Mail

Lehrer, Schüler und Elternvertreter der Robert-Blum-Oberschule haben einen Brandbrief an die Senatsverwaltung Bildung, Wissenschaft und Forschung verfasst, der Anfang November dem Berliner Schulsenator Jürgen Zöllner überreicht wurde. In dem Brief und einer Pressemitteilung schildern sie die Lage des Gymnasiums in Berlin Tempelhof-Schöneberg, das einem „Verschiebebahnhof für Lehrkräfte“ gleiche: 

Fast zwei Wochen nach dem Beginn des Schuljahres sollten drei vermeintlich überflüssige, aber ausgelastete Lehrer abgezogen werden, während zuvor noch eine Lehrerin aus der Berliner Peripherie gegen ihren Willen von der Bildungsverwaltung zugewiesen worden war. Dies war der berühmte Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. So gab es im Schuljahr 2006/07 vier grundsätzlich geänderte Stundenpläne, zum Halbjahr wurden die 9. Klassen und zum Schuljahresende auch die 7. Klassen zusammengelegt. Abschlussrelevante Lerngruppen durften vier Lehrer innerhalb von fünf Monaten im selben Fach erleben. Möglicherweise ist dies lediglich die Spitze des Eisbergs, da in diesem Schuljahr gar 32 Lerngruppen von Umverteilungen und von Lehrerwechseln betroffen sein könnten, zudem bereits Wahlmöglichkeiten eingeschränkt, naturwissenschaftliche und ethische Kurse gestrichen und Deutsch-Förderkurse gekürzt wurden. Unruhe und Verunsicherung unter Eltern, Schülern und Lehrern, die sich unter anderem auf Elternversammlungen Bahn brechen, sind eine unausweichliche Folge.

Zugleich propagiert die Senatsverwaltung frisch und fröhlich mehr Wahlmöglichkeiten, die Förderung der Naturwissenschaften und den Ausbau von Deutsch als Zweitsprache (die Robert-Blum-Oberschule führt einen beträchtlichen Teil von zumeist türkischen Muttersprachlern zum Abitur und ist für ihre gute Integrationsarbeit bekannt). Eingefordert wird die Identifikation der Lehrer und Schüler mit ihrer Schule. So weit zur Lage an einer deutschen Staatsschule unter (rot-roter) Bildungsverwaltung.

Bemerkenswert ist die Ursachenfeststellung: Die Senatsverwaltung arbeitet mit einem Schüler-Lehrer-Schlüssel, preist ihre statistisch „punktgenauen“ Planungen auf Landesebene, deren Feinschliff nicht zuletzt die oben kritisierten kurzfristigen Abordnungen und Umsetzungen von Lehrern ermöglichen. Zugleich sieht Berlins Bildungsverwaltung in der Praxis hilflos den Folgen der Parallelanmeldungen von Kindern an mehreren Schulen zu. Da ein Kind natürlich nur auf eine Schule gehen kann, haben manche Schulen plötzlich weniger Schüler als geplant. Die Bildungsorganisatoren reagieren ad hoc mit zentral gesteuerten Lehrerrochaden. Mit den Folgen sind Lehrer, Schüler und Eltern gleichermaßen konfrontiert.
Verschärft wird die problematische Lage durch eine unzureichende Personalausstattung. Schon die Planungen – 100% plus 3% Vertretungsreserve – gehen an der Realität vorbei, argumentieren die Verfasser des Brandbriefes. Erforderlich wäre eine Reserve von 10% bei voller Personalausstattung. Zu Recht kritisieren die Verfasser das offensichtlich mangelhafte betriebswirtschaftliche Rüstzeug des Berliner Bildungssenats. 

Das klingt alles sehr nach Plan- und nicht nach Marktwirtschaft, nach Bildungssozialismus statt Betriebswirtschaft, ohne die keine Schule auskommt. Der Brandbrief spricht von „sture(r) Verwaltungs-Arithmetik  der Senatsverwaltung“ und einer rein „rechnerische(n) Schüler – Lehrer – Relation“ ohne die erforderliche Zuordnung zu Lerngruppen und Fächern. Die schöne Planungswelt des Senats erinnert an die heile DDR-Planungswelt, in der statistisch manches erträglich erschien..

Anders als Privatschulen können Staatsschulen nicht scheitern, von echtem Wettbewerb als Entdeckungsverfahren für die besten Lernverfahren und Schulformen in einer staatlich dirigierten Branche ganz zu schweigen. Der Skandal von Schulzuweisungen nach Wohnbezirk kommt noch hinzu; ganz nach dem Motto: Freie Schulwahl, wo kommen wir denn dahin? Das würde die Bildungsbürokratie komplett durcheinander wirbeln. Mündige Eltern würden über das Wohl ihrer Kinder eigenverantwortlich entscheiden. Hier liegt zugleich der Widerspruch der Robert-Blumler: Eine Staatsbürokratie kann per se niemals die erforderlichen privatwirtschaftliche Methoden einsetzen. Ihre diesgerichtete Forderung muss ins Leere laufen.

Mal ganz ehrlich, es ist doch kaum zu glauben, dass ausgerechnet die Bildung respektive das Lernen von Schülern und Studenten in Deutschland durch eine Bildungszentralverwaltungwirtschaft gewährleistet wird! Einzig ein Trost bleibt, der staatliche Zwang trifft Lehrer, Schüler und Eltern gemeinsam. Vielleicht verbünden sich diese künftig häufiger öffentlichkeitswirksam und fordern wie die Robert-Blumler das humboldtsche Bildungsideal ein. Bildungsgutscheine in den Händen der Eltern und freie Schulwahl wären in diese Richtung ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein riesiger Schritt für Berlin.

 
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