Der Fünffache Zehnte PDF Drucken E-Mail
Sonntag, 06. Mai 2007

Der Steuerbescheid traf diesmal nach ca. acht Wochen ein. Die Schnelligkeit der Bearbeitung hätte mich stutzig machen müssen. Und so stellte sich dann eine beträchtliche Nachzahlung heraus. Die Einnahmen des Fiskus zu beschleunigen, die Ausgaben herauszuzögern, das ist konsequentes Liquiditätsmanagement.

Nach Rücksprache mit der zuständigen Sachbearbeiterin lautete das Credo: Selbständigkeit im Kleinstverdienstbereich lohne sich in Deutschland nicht. Ohnehin sollte eine Mutter mit Steuerklasse fünf und Selbständigkeit besser den Haushalt verwalten als ihn durch Arbeitsteilung verarmen zu lassen. Geht man davon aus, dass ein nennenswerter Teil der Bevölkerung mit den Steuerklassen V und III hantiert, stellt sich die Frage, ob die staatlich angeordnete Steuerklassen-III-Arbeitslosigkeit nicht in die Arbeitslosenstatistik mit einbezogen werden müsste.

Diesem so erfahrenen Schicksal fügt sich ein nächstes an: Die Steuerklärung sei nicht sachgemäß bearbeitet worden, schalt die Finanzamtsangestellte, und empfahl für das nächste Mal einen Steuerberater, der ihr die Arbeit erleichtern würde. Entrüstet sagte sie: „Ich habe fünf Stunden für Ihre Steuererklärung gebraucht!“ Auf meinen Hinweis, dass dieser nicht mehr absetzbar sei, kam erst ein Schulterzucken und nach einer kurzen Pause die Empfehlung: „Nehmen sie doch unser hausinternes Elsterprogramm.“ Dass diese Steuerklärung mit einem gleichwertigen Programm angefertigt worden war, sorgte für Verwunderung. An einer mangelnden Bildung konnte es bei den beiden promovierten Eltern offenbar nicht gelegen haben, aber vielleicht an der fehlenden Ausbildung zum Steuerfachgehilfen? Auf jeden Fall hatten wir nicht genug abgesetzt. „Was können wir denn noch absetzen?“ fragte ich. „Ja, das haben Sie schon, das auch, das auch, hmm. Na, dann müssen Sie halt öfter Essen gehen.“ Mir wurde anders. Wollte ich doch eigentlich abnehmen.

Es ist schon merkwürdig, so ist es doch der Finanzbürokratie maßgeblich zu verdanken, dass aus den deutschen Kriegern friedliche Schnäppchenjäger und Schlupflöcherkriecher  geworden sind. Aber irgendwie weckte das bei mir Assoziationen – Jäger und Sammler, verdammte Arbeitsteilung … Nur wurde damals niemandem mehr als fünf Zehntel des Rehs oder der Beeren abgenommen. Und ächzten nicht im Mittelalter die Bauern unter dem einen Zehnten?

Und das Ende vom Lied? Offenbar weiß der Staat mit seinen absurden Steuermodalitäten und unsinnigen Schlupflöchern selbst nicht, was er tut. Aber er nimmt gerne, im Voraus. So führe ich jetzt das geregelte Leben eines Staatsbürgers, denn jedes Quartal beginnt nun mit meiner Vorleistung, der Vorkasse auf die unsicheren Einnahen meines Kleinstverdienstes. Hätten wir simple Steuergesetze, ohne das unwürdige Streben nach Absetzmöglichkeiten, müsste die Finanzbeamtin sich nicht fünf Stunden ärgern, ich würde nicht in Versuchung geführt werden, ansetzende, aber absetzbare Abendessen zu mir zu nehmen, und ich würde vielleicht eine Haushälterin anstellen. Ach, was soll’s, wir haben doch jetzt endlich den Aufschwung.

 
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