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Überoptimismus als Krisenursache PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: mvp   
Montag, 05. Juli 2010

Diese These stand im Mittelpunkt eines inspirierenden Vortrags, den Tyler Cowen am 05.07.2010 im Liberalen Institut der Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit in Potsdam hielt: „Too many things went too good for too long“. Spätestens seit 1989 habe die Welt eine außerordentlich glückliche Entwicklung erlebt, darunter den Fall der Berliner Mauer und die Öffnung des Eisernen Vorhangs sowie den Aufstieg Indiens aus dem Elend und die erstaunliche Prosperität Chinas. In den letzten 25 Jahren sei mehr Gutes passiert als je zuvor und vieles werde dauerhaft erhalten bleiben.

Die Schattenseite besteht für Tyler Cowen, der gut deutsch spricht und derzeit einen Forschungsaufenthalt in Europa absolviert, in Zufriedenheit, Trägheit und allzu viel Vertrauen in eine Fortsetzung der Erfolgsgeschichte. In den USA hätte die erfolgreiche Überwindung aller Finanzkrisen seit dem großen Crash von 1987 diesen Trend verstärkt. Zwar gebe es mehr als 30 Einzelgründe für die Finanzkrise. Ausschlaggebend sei aber der Überoptimismus, der insbesondere in den USA kulturell bedingt eine stark Ausprägung besitze. Deshalb gehe es pessimistischen Ländern wie Deutschland und Kanada derzeit auch relativ besser. Außerdem habe es in der Geschichte kaum allgemeine Prosperitätsphasen von mehr als 30 Jahren gegeben. Und China wachse nun einmal bereits seit rund 30 Jahren mit etwa 10% p.a.

Eine Große Depression bleibe möglich. Die globale Krise sei lediglich in den transparenten Ländern zuerst zum Vorschein gekommen, allen voran in den USA, und erst zuletzt in Griechenland. Das ist aber für den Ökonomie-Professor von der George Mason University noch nicht das Ende. Seine Mustervorhersage gründet auf einem Drei-Wellen-Modell:

  • Die erste Krisenwelle liegt mit den Ereignissen in den USA um den Hypothekensektor und das Finanzwesen weitgehend hinter uns, auch wenn die Probleme fortbestehen; die Politik werde sowohl in den USA als auch international nichts Nennenswertes ändern.
  • Die zweite Welle hat uns erreicht, es ist die Krise der Staatsfinanzen. Das Scheitern des Euro in seiner herkömmlichen Form sieht Tyler Cowen mit einer Wahrscheinlichkeit von mindestens 60:40 eintreten. Zugleich wird die zweite Welle erst dann ein Ende finden, wenn entweder die Krisen-Staaten (verkürzt die PIIGS-Staaten) wieder wettbewerbsfähig sein werden oder aber – und das ist für Cowen der wahrscheinlichere Fall – wenn ein Bankenrun die Situation zunächst in Griechenland und anschließend in anderen Staaten über Nacht, überraschend und ungeplant „bereinigt“. Menschen auf Märkten werden feststellen, dass ein Euro in Griechenland weniger wert ist als in Deutschland, davon zeigte sich der Betreiber des Blogs Marginal Revolution überzeugt. Das sei aber nicht schlimm, denn mit einer neuen Währung könnten die Länder ihre Wettbewerbsfähigkeit wie bereits in den vergangenen Jahrzehnten wieder herstellen. Zurück bleibe  wahrscheinlich eine Kern-Euro-Zone von sechs bis acht Euro-Staaten.
  • Die dritte Welle stellt das alles in den Schatten. Der am wenigsten transparente Staat sei China! Das Land besitze erhebliche Überkapazitäten und - neben einer Fülle ungeklärte ökonomischer Fragwürdigkeiten – beruhe auf dauerhaft nicht haltbaren Wachstumserwartungen, die aber die Grundlage allen Wirtschaftens bilden. Bereits ein Wachstumsrückgang auf 5% käme einem Kollaps gleich mit entsprechenden Folgen für die Weltwirtschaft: Double oder Tripple Dip, Große Depression, auf jeden Fall ein jahrelanges Ende des Überoptimismus und der Prosperität.

Tyler Cowens ganzheitliche Diagnose mit Perspektive stellt eine in sich geschlossene, plausible Theorie dar. Sie hebt sich angenehm von den düsteren Prognosen ab, die sich bisher nicht bewahrheitet haben. Das gilt auch für die differenzierte, aber stringente Argumentation, die auch einer Fülle von Fragen stand hielt. Cowens These steht dem Wesen nach Großtheorien wie der von Paul Kennedy: „Aufstieg und Fall der großen Mächte“ nahe. Der Charme einer solchen Makro-Theorie ist zugleich eine Schwäche, da sie ein Stück weit unhintergehbar und damit tautologisch anmutet. Was sind die Gründe für den diagnostizierten Überoptimismus – eine allzu glückliche historische Phase mit erfolgreicher Krisenüberwindung? Spielen Politik und Regulierung keine entscheidende Rolle genauso wenig wie das Handeln der Akteure auf Märkten – ist alles nur Stimmung? Bleibt eine Makro-Theorie ohne Mikro-Fundierung nur eine elegante Behauptung? Die Realität wird uns bald Hinweise und erste Antworten liefern - hoffentlich auch in Form eines Buches von Tyler Cowen.

 
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