| Fortgesetzte Geldillusion: Negative Leitzinsen |
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Die Politik des billigen, zeitweise kostenlosen Geldes hat in absoluten Zahlen die größte Weltwirtschaftskrise aller Zeiten verursacht. Als Gegenmaßnahme wurden die Leitzinssätze durch die führenden Zentralbanken der Welt erneut auf nahezu Null Prozent abgesenkt. Einigen Ökonomen in den USA reicht das größte Geldmengenwachstum seit dem Beginn der statistischen Erhebungen im Jahr 1918 nicht aus. Sie spielen mit dem Gedanken, negative Leitzinsen festzusetzen. Dabei handelt es sich nicht allein um ein Gedankenspiel aus dem Elfenbeinturm, sondern um ein handfestes Lehrstück von Gesellschaftsklempnerei. Zentralbanken sind grundsätzlich nicht in der Lage „optimale Leitzinsen“ zu ermitteln: „Keine Behörde kann im Vorhinein feststellen, sondern nur der Markt kann entdecken, was die 'optimale Geldmenge' ist.“ urteilte Friedrich August von Hayek. Schließlich ist der Zins Ausdruck unüberschaubaren menschlicher Handlungen. Zinsen bilden den Marktpreis gegenwärtiger Güter in Abhängigkeit künftiger Güter ab. Je höher durch Sparen der aktuelle Konsumverzicht, desto niedriger ist der Zins. Folglich steht mehr Geld für Investitionen zur Verfügung und der Wohlstand kann kräftig wachsen. Welche Manipulation des Geldes und damit der handelnden Menschen negative Leitzinsen auslösen, deutet ein Perspektivwechsel an, weg von der aktuellen monetären Zentralplanwirtschaft hin zu einem künftigen Free Banking System: Welcher Unternehmer würde Geld kostenlos verleihen und zusätzlich noch jedem Kreditnehmer Geld schenken? Können Sie sich jemand vorstellen, der das folgende Angebot macht: Legen Sie Ihr Geld bei mir an und Sie bekommen garantiert weniger zurück als Sie angelegt haben! Offensichtlich handelt es sich bei negativen Zinsen um anti-unternehmerischen Szientismus. Negative Leitzinsen würden den ohnehin aufgeblähten Bankensektor und zusätzlich Schuldner begünstigen. Erschwerend tritt die absehbare Antizipation durch Konsumenten und Investoren hinzu, die ein stetiges weiteres Absenken erforderlich machen würde und schließlich doch nur zur Hyperinflation führen kann. An diesen Grundsätzen ändert auch eine Deflationsphase nichts. Eigentlich ist Deflation eine im Verhältnis zum Güterangebot schrumpfende Geldmenge. Infolgedessen sinken Preise. Heute wird indes fälschlicherweise sinkende Preise auf breiter Front als Deflation bezeichnet. Grundsätzlich lassen sich zwei Formen von Deflationen unterscheiden. Bei der Angebotsdeflation sinken Preise durch Produktivitätsfortschritte in den Unternehmen – die Vermehrung der Güter steht einer gleich bleibenden Geldmenge gegenüber. Derartige Deflationen waren ausgesprochene Prosperitätsphasen, etwa zum Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland und den USA. Bei der Nachfragedeflation, besser sekundären Depression, kommt es im Konjunkturabschwung zu einer Kreditkontraktion. Die Verminderung der Kreditmenge ist Folge einer erhöhten Liquiditätsreservebildung der Banken. Im Falle eines kumulativen Prozesse, wie in der Weltwirtschaftskrise nach 1929, geht das Geldangebot zurück und es kommt zu einer allgemeinen Verunsicherung angesichts erwarteter sinkender Auslastungen und fallender Preise. Starre Löhne führen bei fallenden Preisen zu Arbeitslosigkeit und anschließendem Nachfrageausfall. Ob in diesem speziellen Fall billiges Geld die vermehrte Liquiditätsnachfrage befriedigen sollte, ist zwischen Monetaristen und Keynesianern einerseits und Österreichern andererseits umstritten. Österreicher plädieren für eine Liquidation nicht finanzierbarer Projekte, da sonst neue Inflationsblasen entstehen und außerdem Kapital und Arbeit nicht optimal verwendet werden. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob überhaupt zu wenig Geld im Umlauf sein kann. Weniger verfügbares Geld bedeutet ja lediglich geringere nominale Preise. Die realen Preise, also das tatsächliche Knappheitsverhältnis zwischen den bestehenden Gütern, bleibt unverändert. Kein Auto, Computer, Kasten Bier oder Apfel verschwindet, nur weil die Geldmenge sinkt. Lediglich die Preise als Informationsanzeiger der aktuellen Knappheitsverhältnisse sinken. Es spricht viel dafür, dass moderne Ökonomen wie schon Silvio Gesell einer Geldillusion aufsitzen: Güter schaffen Wohlstand, Geld aber nicht. Der Konsum ist nicht mehr und nicht weniger als das Ziel, Investitionen und Produktion mehren den Wohlstand – oder glauben Sie, das die Menschen der Erde sich reich shoppen können, noch dazu mit immer mehr gedrucktem Geld? Auf die falsche Gleichsetzung der Nachfrage nach Gütern mit der Nachfrage nach Arbeit hat Hayek in seiner glänzenden Darstellung des Stroms der Güter und Leistungen hingewiesen. Silvio Gesells Schwundgeldexperiment in Wörgl scheiterte post mortem 1932 innerhalb weniger Monate. Ähnlich dürfte es den modernen Geldmanipulationen ergehen, die die Einführung negativer Leitzinsen begleiten müßten. Nach zufälliger Auswahl Geldscheine ungültig werden zu lassen, wie Gregory Mankiw vorschlägt, würde dem obertsen Gebot einer kontinuierlichen Wirtschaftspolitik widersprechen und massiv Unsicherheit schüren. Der Staat betriebe ein gigantisches Casino mit Filialen in jedem einzelnen Haushalt. Zugleich bleibt unklar, warum eine höhere Umlaufgeschwindigkeit für mehr Wohlstand sorgen soll. Genauso wenig wie wir uns reich shoppen können, ist es möglich, durch schnelles Weiterreichen von Banknoten unseren Wohlstand steigern. Es entsteht lediglich eine flüchtige Wohlstandsillusion. Der Vorschlag, einen Unterschied zwischen Bar und Buchgeld zu verordnen, so dass Wechselkurse entstünden, würde schließlich wie bei einer Stempelpflicht von Geldscheinen zu Ausweichbewegungen auf andere Währungen führen. Auch die derzeit praktizierte Politik der quantitativen Lockerung, also eine Vergrößerung der Geldmenge durch Aufkauf von Wertpapieren wie Staats- und Unternehmensanleihen, kann das Grundsatzproblem nicht lösen: Die durch Kreditpyramiden aufgeschichteten Papiergeldillusionen haben Projekte geschaffen, die sich nicht aufrecht erhalten lassen. Es sei denn durch Inflation. Dann bleiben sie aber wie der Scheinrise bei Jim Kopf, Herr Tur Tur, eine Illusion. Nur die gleich gerichtete Manipulation der großen Währungen mittels quantitativer Lockerung hat einen sichtbaren Absturz des US-Dollar verhindert. Im Wettbewerb freier Währungen käme das gesetzliche Zahlungsmittel stark unter Druck. Auch hier heizt der Staat viel gescholtene Spekulationen an. Die Verschuldung in Währungen mit niedrigen Renditen wie dem US-Dollar und die anschließende Anlagen in Währungen mit hohen Zinsen, etwa dem südafrikanischen Rand, liegt auf der Hand Es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei: Unser Problem ist heute nicht zu wenig, sondern zu viel Geld. |




