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Inflationskrise: Kontraproduktive Liquiditätspolitik verhindert Rückkehr zur Realität PDF Drucken E-Mail
Dienstag, 16. Dezember 2008

Zum ersten Mal haben die Zentralbanken am 9. August 2007 massiv in die Finanzmärkte eingegriffen und seitdem erfolglos gegen eine erklärte Kreditklemme, stark volatile und sinkende Börsenkurse sowie vor allem in den USA direkt zur Stützung von Unternehmen eingegriffen. Nach weit mehr als einem Jahr hat die Inflationskrise immer noch nicht ihren Höhepunkt und die Börsen ihre Tiefststände erreicht. Kämpfen die Zentralbanken einen aussichtslosen Kampf? 

Zwar ist die Zukunft solange offen bis sie zur Gegenwart geworden ist. Zugleich lässt sich aber festhalten: Das Bild einer generellen Kreditklemme bedarf der Differenzierung. So ist die Vergabe von Krediten durch Banken an Unternehmen in den USA nach offen zugänglichen Daten mit mehr als 9.000 Milliarden USD pro Woche zunächst gleich geblieben. Im September nach der Insolvenz von Lehman Brothers und der Ankündigung des 700 Mrd. USD „Rettungspaketes“ bis Anfang Oktober ist sie sogar gestiegen. Bisher scheint es keine schlagenden Belege zu geben, dass es tatsächlich zu einem allgemeinen „Credit freeze“ gekommen ist. Vielmehr wenden sich Banken  einer kaufmännisch vernünftigeren Kreditvergabe unter Beachtung der Bonität der Kreditnehmer zu. Zugleich stemmt sich die US-Regierung noch immer gegen die Rückkehr zur Realität nach dem künstlichen Boom. Die Nettokreditaufnahme wird 2009 rund 2.200 Mrd. USD oder 15% der BIP betragen. Der Leitzins ist mit 1% genauso niedrig wie in der Zeit als die Spekulationsblase richtig aufgepumpt wurde, Tendenz sinkend und damit weit entfernt vom natürlichen Zins. Die japanische Zinsfalle und ein Jahrzehnt Stagnation rückt ins Blickfeld. Das Gegenteil, eine scharfe Erhöhung der Zinsen, wäre erforderlich.

Welches Ausmaß die Flutung der Wirtschaft mit Geld angenommen hat deutet der Anstieg der Fed-Bilanzsumme seit Mitte September von 932 Mrd. USD auf 2.170 Mrd. USD an, Tendenz weiter steigend. Dabei verheddert sich die Geldpolitik immer stärker im Interventionismus: Den Märkten soll immer mehr Liquidität zugeführt werden, Banken von faulen Krediten entlastet werden, schlecht wirtschaftende Finanzinstitute gerettet, der Konsum und auch die Kreditnachfrage angekurbelt werden, letztere unter anderem durch abgesenkte Renditen auf den Anleihemärkten. Zugleich ist der Privatkonsum nicht auf dem zu hohen Niveau zu halten, das zeitweise von einem Entsparen begleitet wurde, zumal dieser erst im zweiten Quartal 2008 einen prekären Rekordwert von 70,9% erzielte.

Die Stützungsmaßnahmen wirken bereits auf mittlere Sicht vielfach kontraproduktiv, machen eine zweite große Depression wahrscheinlicher. Die verbreiteten Trugschlüsse über den New Deal nähren diese Politik. Zugleich ist absehbar, dass die stark expansive Geldmengenpolitik der Fed auch im Verbund mit den anderen Zentralbanken nicht genug Geld schöpfen kann, um die Finanzwirtschaft annähernd auf dem Stand zu halten, den sie vor der Krise inne hatte.

Das Problem ist – bei aller lediglich System bedingten Plausibilität für die staatliche Rettung von Finanzinstituten – nicht mit der Rettung von Banken gelöst. Schließlich sind nicht die Banken, sondern vielmehr das System staatlich-monopolistischer Produktion von wertlosem, unbegrenzt schöpfbarem Geld das Problem. Und dieses Geld hat durch die lose Geldpolitik der vergangenen Jahre und Jahrzehnte Ausmaße erreicht, die kaum noch Vorstellbar sind. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich beziffert den Umfang der Derivatemärkte weltweit auf 596 Billionen USD.

Zentralbanken und Politiker kehren immer wieder hervor, dass sich die vermeintlichen politischen Fehler der Weltwirtschaftskrise nicht wiederholen dürften. Ein Bankenrun müsse verhindert werden – man habe aus der Krise gelernt. Allerdings ist nicht die Liquiditätsknappheit das Problem, sondern die Unkenntnis der Bilanzsolidität der Marktteilnehmer. Dies liegt unter anderem an den neuen Finanzprodukten, die durch die angeschwollene Geldmenge und das Bruchteilreservesystem ermöglicht wurden. Leider ist es sehr schwer, diese zu identifizieren und noch schwieriger ihren Wert ohne Marktpreise festzustellen. Man kann nicht einfach faule Kredite herausnehmen. Ohnehin entscheidet der Markt erst darüber, welche Finanzierungen tragfähig sind und welche nicht.

Bereits Walter Bagehot, der erste Finanztheoretiker, vertrat in seinem Buch „Lombard Street: A Desription of the Money Market“ (1873) die Auffassung, dass Zentralbanken als „Lender of last resort“ die Lage nur verschlimmerten. Dies liegt nicht nur an ihrer unzulänglichen Geldpolitik, sondern ganz einfach an ihrer privilegierten Existenz selbst. Deshalb traute Bagehot seiner Regeln für die Regulierung der Zentralbanken und ihrer Geldpolitik selbst nicht. Konstitutionelle Schranken reichen nicht aus.

Angesicht der Strukturprobleme des 21 Jahrhunderts hilft alle Liquiditätspolitik, die nachträglich für die dreißiger Jahre propagiert wird, nicht. Hier werden vergangene und längst verlorene Schlachten noch einmal geschlagen wie Anna Schwartz, die mit Milton Friedman „A Monetary History of the United States“ (1963) schrieb, unlängst im Wall Street Journal darlegte. Die derzeitige Strategie statt das Bankensystem ersatzweise nun Banken zu retten verlängert nur die Krise. Hier wird Kapital für unrentable Zwecke eingesetzt oder Geld „gedruckt“, das zu neuen Blasen und schließlich Hyperinflation führen muss. Die Marktwirtschaft ist nun einmal ein Gewinn- und Verlustsystem. Sie kann ohne diese Doppelfunktion nicht bestehen. Die Lernschleife verhindert Marktversagen en gros durch das Aussortieren von fehlerhaften Entwicklungen. Untrainierte Menschen sehen hier nur Chaos, Ökonomen dagegen eine soziale Ordnung. Deshalb floriert das politisch-mediale Geschäft mit der Angst, zumal es von vielen Ökonomen unterstützt wird. Die Begründung gleicht derjenigen der Kartelltheorie: Sobald ein Einzelner ausschert bricht das Kartenhaus zusammen. Mit einem 100%-Reservesystem wäre die aktuelle Krise unmöglich.

Wie schwierig es ist, durch Eingriffe in die soziale Ordnung auch nur beabsichtigte Wirkungen zu erzielen, zeigt das Verbot von „Short selling“. Das Verbot hat nämlich eine destabilisierende Wirkung, da die Märkte durch die Ausschaltung dieses antizyklisch wirkenden Instruments volatiler werden. Schlechte Nachrichten schlagen nun plötzlich und ungebremst auf die Aktienkurse durch. Gleichzeitig senkt das Verbot das Interesse an der Kreditvergabe für gelistete Unternehmen. Derartiges Regulierungsversagen ist kein Einzelfall. Ein weiteres Beispiel: Zur Abwehr von Kursmanipulationen hat die US-amerikanische Börsenaufsichtbehörde SEC den Kauf unternehmenseigener Aktien faktisch unterbunden. Unternehmen haben diese früher üblichen Käufe aufgegeben, weil sie Manipulationsvorwürfe und Strafverfolgung fürchten. Vor dem Verbot war dies eine geeignete Maßnahme, um etwa durch Short selling bedingten Aktienkursänderungen entgegen zu wirken.

Zentralbanken sind Inflationsbehörden. Im Verbund mit gut gemeinter, jedoch angemaßter Regulierung haben sie bereits eine verheerende Wirkung entfaltet. Die kanadische Geschichte erweist sich diesbezüglich als instruktiv. Bis 1935 gab es dort keine Zentralbank und kanadische Banken konnten Währungen weitgehend regulierungsfrei ausgeben. Das Free banking brachte es mit sich, dass die Menschen in Kanada anders als in den USA von Bankenkrisen, Geldknappheit lange Zeit verschont blieben.

Geld- und Fiskalpolitik sollten die Marktkräfte aushebeln und eine bessere Welt schaffen. Wenn die Menschen doch nur so viel ausgeben würden wie zuvor, wäre alles gut, argumentieren die „Nachfrage führt zu mehr Nachfrage-Illusionisten“. Nun ist der Preis zu zahlen. Nach einer deflationären Entwicklung in einzelnen Marktsegmenten in Gestalt sinkender Preise steht uns die Aufdeckung einer stark inflationären Entwicklung aufgrund einer drastisch gewachsenen Geldmenge bevor. Die Marktwirtschaft ist beileibe kein Ponyhof. Aber derartige System-, ja Gesellschaft gefährdende Destruktivität gibt es nur im Interventionismus und Sozialismus, nicht aber in einer echten Marktwirtschaft. Wer auf die Regulierung des Finanzsektors und die krisentreibende Politik des letzten Jahrzehnts schaut wird eingestehen, dass nichts ferner ab der Realität liegt als für die aktuelle Weltwirtschaftskrise das Gespenst eines Laissez-faire-Kapitalismus verantwortlich zu machen.

Es führt kein Weg daran vorbei, das Preissystem wieder funktionsfähig zu machen. Preise sagen uns, was wir zu tun haben. Es mag schmerzhaft sein, dass dies häufig etwas anderes als unsere eigentliche Absicht ist. Aber die Führung durch Preise hat uns erst das Überleben einer stetig wachsenden Zahl von Menschen und anschließend den heutigen Massenwohlstand ermöglicht.

 

 
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