|
Bemerkenswert aktuell ist Wilhelm Röpkes kleine Schrift (27 S.) „Das Kulturideal des Liberalismus“, die 1947 bei G. Schulte-Bulmke in Frankfurt am Main erschien und von der Militärregierung der Besatzungsmächte zugelassen werden musste. Röpke geht unter dem Eindruck der zusammengebrochenen alten Welt und den zeitgenössischen Bedrohungen des Sozialismus der Frage nach, was Liberalismus ist? Zu dieser Zeit nämlich galt der Liberalismus als Verursacher der Weltwirtschaftskrise von 1929/30. Sein Versagen hatte zum Ersten Weltkrieg geführt. Die liberale Ideologie erschien zur Lösung der anstehenden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme endgültig ungeeignet. Röpkes Antwort wendet sich gegen den Zeitgeist. Seine kompakte Analyse vom Niedergang, vom Wesen und den Defiziten des Liberalismus erscheint zeitlos, . Es lohnt sich, die geistreichen Ausführungen in aktueller Perspektive zu betrachten.
Niedergang des Liberalismus Die zur Unkenntlichkeit kostümierten Begriffe Liberalismus, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, bilden den Ausgangspunkt von Wilhelm Röpkes Richtigstellung. Insbesondere der Liberalismus-Begriff wurde völlig verdreht: „Am merkwürdigsten unter diesen Begriffen ist es vielleicht dem ‚Liberalismus’ ergangen – so merkwürdig in der Tat, das man die Geschichte dieses Wortes zu einer Geistes- und Sozialgeschichte der letzten Generationen machen könnte.“ (S. 5) Entstanden sei der Begriff Liberalismus im Spanischen Bürgerkrieg [gemeint ist der napoleonische Befreiungskrieg] als ehrenvolles Gegenteil des „Servilismo“, als Inbegriff des Fortschritts in Freiheit und demokratischer Ordnung. Mit Stolz bekannte man sich zum Liberalismus. Damals dagegen sei in Deutschland eher die Auffassung Spenglers weit verbreitet, nach der der Liberalismus eine Sache für Tröpfe sei. Liberalismus ist mit egoistischer Hartherzigkeit, sozialer Härte und öder Diesseitigkeit verbunden. Aufschlussreich ist, dass alle totalitären Bewegungen, ob Nationalsozialismus, Kommunismus oder Faschismus, im Liberalismus ihren eigentlichen Gegensatz erkannt haben. Verleumdung und Beschimpfung waren die Folge. Treffend folgert der Wahlschweizer: „Es ist eine handgreifliche Wahrheit, dass die Krisis unserer Gesellschaft mit der Krisis des Liberalismus zusammenfällt.“ (S. 8) Systematisch hatte Röpke diese These in seiner Triologie ausgearbeitet, die mit dem Band „Gesellschaftskrisis der Gegenwart einsetzt. Als Ordoliberaler ist Röpke – anders als die klassischen Liberalen etwa der Österreichischen Schule – überzeugt, dass der Liberalismus erhebliche Schuld am eigenen Niedergang trage. Dies gebe zugleich Anlass zur Hoffnung. Schließlich seien Änderungen möglich, zumal bisher nichts notwendiges getan worden sei. Das Wesen eines unvergänglichen Liberalismus Der deutsche Sozialphilosoph urteilt, dass der Liberalismus ganz allgemein das Wesen der abendländischen Kultur schlechthin ausmacht. Spezifischer betrachtet handele es sich um eine geistige, politische und soziale Bewegung des 19. Jahrhunderts, die aus der allgemeinen abendländischen Idee wie ein Schössling aus dem Stamm hervorgegangen ist. Im ersten Sinn sind wir alle Liberale, im zweiten fragt sich Röpke, ob noch irgendjemand ein Liberaler ist? Die Wurzeln des Stammes sind ehrwürdig. Das Jahrtausende alte Werk wurde von den antiken Griechen begonnen und vom Christentum vervollständigt; es reicht über die Philosophen der Aufklärung bis heute. Zu den Kernbestandteilen zählt Röpke: die menschliche Vernunft, die Würde des Menschen, die Unantastbarkeit natürlicher Ordnungen sowie die geistige und rechtliche Abkehr von der herrschenden Willkür. Dem Christentum komme eine entscheidende Bedeutung zu, erstens durch die Befreiung der „Kinder Gottes“ von der Umklammerung des Staates. Und zweitens durch die Transformation der antiken Freiheit, einer Kollektivfreiheit des zwar souveränen Volkes, das jedoch die Unterwerfung des Individuums unter die Polis duldete, in eine „abendländische Freiheit der Rechte der menschlichen Person, die dem Staate Schranken setzt, und zum Rechte des einzelnen, der Familie, der Minderheit, der Opposition und der universellen Glaubensgemeinschaften“ (S. 13). Eine ganz wesentliche Eigenschaft des Liberalismus besitzt für Röpke einen ambivalenten Charakter – die Selbstbefreiung des Menschen durch den Appell an die Vernunft. Im christlichen Naturrecht trat dieser Gedanke noch gebändigt auf, dann wurde er so vehement, dass Individualismus und Rationalismus zur Gefahr für den Liberalismus selbst wurden. Gehen wir der eingangs gestellten Frag nach „Was ist der Liberalismus?“ Der 1899 in der Lüneburger Heide geborene Exilant hebt folgende Merkmale hervor: - Humanistisch: Der Liberalismus geht von einem zum Guten fähigen Menschen aus, dessen Einmaligkeit und Existenz sich erst in der Gemeinschaft erfüllt.
- Personalistisch: Jeder Mensch ist unmittelbar zu Gott, ist das Maß aller Dinge und nicht das Kollektiv die Gesellschaft.
Antiautoritär: Staatliche Organisation ist kein romantischer Selbstzweck; der Staat darf nur in beschränktem Maße das fordern, was er für seine begrenzten Aufgaben benötigt. - Universal: Die vorstehenden Merkmale sind grenzenlos gültig, eine Vergottung des Staates im Namen von Nationalismus, Imperialismus und Machiavellismus ist abzulehnen.
- Antiautoritär: Das permanente Misstrauen echter Liberaler gilt jeder Machthäufung, ob politisch, geistig oder wirtschaftlich – mit den Worten von Lord Acton: „Power tends to corrupt, absolute power corrupts absolutely.“ Ein anderes Wort für Liberalismus ist folglich Dezentralismus.
- Realistisch: Der Liberale rechnet mit bestenfalls durchschnittlichen Menschen. Er wundert sich nicht über schwarze Märkte, da diese Folge einer „schwarzen Finanzpolitik“ sind. Liberale setzten sich für ein Wirtschaftssystem ein, dessen Grundlage Eigentum, Selbstverantwortung und Konkurrenz sind.
Das Verhältnis Liberalismus – Demokratie beschreibt Wilhelm Röpke als das, einer engen Verwandtschaft mit Spannungen. Es gelte die Macht des Volkes nicht mit seiner Freiheit zu verwechseln. Liberale seien sich bewusst, dass Demokratie zur Tyrannis ausarten könne, und hingen deshalb nicht dem mystischen Glaube an, das Volk könne sich selbst nicht knechten. Missbrauch bleibe Missbrauch, auch wenn er mit der Souveränität des Volkes verklärt werde und der tyrannische Staat das demokratische Alibi vorweisen könne. Ständige Aufgabe ist es, den Staat in die Schranken weisen, innen- wie außenpolitisch. In diesem Sinne ist Montesquieus „Esprit des Lois“, nicht aber Rousseaus „Contrait Social“, maßgeblich. Stabile Demokratien begrenzen Parlamentsherrschaft, besitzen eine föderative Staatsstruktur, Gemeindefreiheit und ein Zweikammernsystem, teilen die Gewalten streng, unerschütterlicher Rechtsstaats, und ein Geist, der die Freiheit nicht der Gleichheit zu opfern bereits ist. „Es sind Demokratien, in denen die demokratische Frage der Bestimmung des Trägers der Macht und die liberale Frage der Bestimmung ihres Inhalts gleichwichtig genommen werden.“ (S. 20) Kritik am vergänglichen Liberalismus Wilhelm Röpke spart, ähnlich wie sein Freund Alexander Rüstow, Kritik am klassischen Liberalismus nicht aus. Irrtum und Verwirrung seien dem Liberalismus anzulasten. An erster Stelle nennt er das problematische Verhältnis des Liberalismus zur Vernunft. Besonders im Übermut des Rationalismus sei die Ambivalenz deutlich geworden, mit einer auflösenden und zersetzenden Kraft. Wie eine Mahnung an die Libertären klingt es, wenn Röpke die Wertelosigkeit anprangert, all jene kritisiert, die im Namen der Freiheit alles Gewordenen in Frage stellen und auflösen. Die „Liebe Gottes ist höher als die Vernunft“ zitiert Röpke das neue Testament. Der Menschen sei eingebettet in Geschichte und Natur, die Atombombe Ausdruck des Rationalismus. Aber auch falsche Toleranz und der Relativismus aller Werte, ein losgelöster Materialismus ohne Ideale und ein atheistischer Positivismus sind zersetzende Substanzen einer letztlich dekadenten Bourgeosie. Röpke mahnt, die natürliche Ordnung anzuerkennen. An zweiter Stelle liberaler Irrtümer nennt Röpke das problematische Verhältnis zur Gemeinschaft. Hier leiste ein unpassender Individualismus durch die Verkennung der sozialen Integration des Einzelnen der Auflösung einer modernen Gesellschaft Vorschub. Mit Bezug auf Hayek mahnt er, der menschliche Verstand reiche nicht aus, die Komplexität der Gesellschaft und Wirtschaft zu begreifen, sowie erst recht nicht, diese nach einem bewussten Gesamtplan zu lenken. Hier zeige sich eine merkwürdige Nähe des Liberalismus zum Kollektivismus. Schließlich weist Röpke drittens auf das Verhältnis zum Wirtschaftsleben hin. Die freie Marktwirtschaft sei einerseits nicht vorrangiges Ziel des geistig-politischen Liberalismus. Andererseits könnten ökonomische Ziele keine Endzwecke bilden. Zwar erlaube nur die Marktwirtschaft die Wahrung einer freien Gesellschaft. Gleichwohl sei aber die Wirtschaftsordnung „nur das Instrument, das den … überwirtschaftlichen Zielen entspricht.“ (S. 26) Das Kulturideal des Liberalismus endet mit der Hoffnung, dass ein Friedensschluss zwischen Liberalen und liberalen Sozialisten möglich ist. Ihre vielen gemeinsamer Ahnen und die Tatsache, dass beide an der Welt gezimmert hätten, die heute zusammenbreche, berechtigten nach Ansicht Wilhelm Röpkes zu dieser Hoffnung. Dafür sei eine gemeinsame Front erforderlich. Es bleibt die Anmerkung, das Röpke am Aufbau dieser Front tatkräftig mitwirkte. Der meistgelesene deutsche Publizist seiner Zeit war auch als Berater der Regierung Adenauer einer der Architekten der Soziale Marktwirtschaft, dem zunächst freiheitlichen Kompromiss zwischen Liberalen und liberalen Sozialisten, die sich bis heute Sozialdemokraten nennen.
|