Warum wir lieben PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: mvp   
Samstag, 19. März 2011

Helen Fisher: Warum wir lieben … und wie wir besser lieben können, Knaur Verlag, (engl. Erstauflage 2004) München 2007, 339 S., 8,95 Euro.

„Liebe lebt, liebe stirbt, keiner weiß warum.“ (Maria Schell) Wissen Sie es? Helen Fisher, eine der weltweit bekanntesten Liebesexpertinnen, sucht das aufregendste Mysterium dieser Welt zu entschlüsseln. „Ich habe geliebt und gewonnen, und ich habe geliebt und verloren. Ich kenne das Glück und den Schmerz romantischer Liebe.“ schreibt die an der Rutgers-University in New Jersey lehrende Anthropologin. Ihre Untersuchung, die mit zahlreichen Zitaten der Weltliteratur und umfangreichen anthropologischen und ethnologischen Studien angereichert ist, zielt auf eine wissenschaftliche Erklärung der Verzückung und Verzweifelung, auf ein besseres Verständnis der Liebe, um sie länger lebendig zu halten.

Gegliedert ist die gut geschriebene „Gebrauchsanleitung für die Liebe“ in neun Kapitel über Verliebtsein, die Chemie der Liebe, warum wir uns aussuchen und – aus evolutorischer Perspektive – warum wir überhaupt lieben. Behandelt wird systematisch die verlorene Liebe. Das Beherrschen der Leidenschaft und der Triumph der Liebe beschließen den Band.

Für Helen Fischer ist romantische Liebe eine der drei zentralen Strukturen zur Steuerung von Paarung und Fortpflanzung – ein elementarer menschlicher Antrieb wie Durst und Hunger, der zugleich entsetzliches Leid birgt. Romantische Liebe ermöglicht uns, die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Person zu lenken, was Paarungszeit und -energie spart. Die Bindung, das Gefühl von Ruhe, Einklang und Geborgenheit, welches sich häufig in einer langjährigen Beziehung einstellt, dient dazu, mit dem Partner zusammen zu bleiben bis der Nachwuchs aus dem Gröbsten heraus ist. Gefühle sind nun aber nicht einfach nur Gefühle, sondern – wie romantische Liebe insgesamt – strukturell und vor allem chemisch im Gehirn verankert. Umfangreiche Experimente zur Untersuchung der Gehirnaktivitäten illustrieren diese Erkenntnis und zwar altersunabhängig. Genauso wie die Liebe (chemisch) unkontrolliert kommt, so kann sie sich davon stehlen: Neurowissenschaftler taxieren die Dauer des Verliebtseins auf durchschnittlich 12-18 Monate. Dem schließt sich idealerweise die gegenseitige Bindung an, ein „Gefühl der Ruhe und Geborgenheit an der Seite des Menschen, den man liebt“. Zuvor leben Liebende im „Reich des Du“, werden von „intrusiven Gedanken“ beherrscht, d.h. einer zwanghaften Beschäftigung mit der geliebten Person, die positiv überzeichnet wird. Das starke Einfühlungsvermögen in die angebetete Person kommt in einem von zahlreichen Zitaten Fishers zum Ausdruck, das aus ihrem persönlichen Erfahrungsschatz stammt: „sie lachte seine freude sie weinte seinen schmerz (sic!)“. Die Quintessenz aus den Ausführungen zur „Chemie der Liebe“ lautet: Romantische Liebe ist eine Sucht und Droge; Liebe ist Dopamin, Norepinephrin, Serotonin. Diese Erkenntnis gewinnt an Bedeutung für alle, die enttäuschte Liebe erfahren. Helen Fisher erklärt, was man tun kann, um mit dem Leben fertig zu werden, wenn die Chemie nicht mehr stimmt.

Angesichts einer umfassenden Analyse der Entstehung und Funktionsweise von Liebe fällt der Schluss recht knapp und wenig überraschend aus; die Handlungsanleitung, wie wir besser lieben können, bleibt eine individuelle Herausforderung. Das Geheimnis glücklicher Paare lässt sich pauschal offenbar nur teilweise entschlüsseln. Liebe bleibt in letzter Konsequenz ein Mysterium. Das nimmt dem modernen Klassiker aber nichts von seiner Faszination: Liebe und ihre Entschlüsselung als persönliche Lebensaufgabe.

Michael von Prollius

 
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