Die Natur des Menschen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: mvp   
Mittwoch, 09. März 2011

Eckart Voland: Die Natur des Menschen. Grundkurs Soziobiologie, C. H. Beck, München 2007, 175 S., 18,90 Euro.

Soziobiologie befasst sich mit den evolutionären, biologischen Grundlagen menschlichen Verhaltens, teilweise auch mit tierischen Verhaltensmustern. Eine wesentliche Erkenntnis lautet, dass Gefühle und Verhaltensweisen evolutionär hervorgebracht wurden, dass sie überlebt haben, weil sie uns fitter machen. Xenophobie ist beispielsweise eine Angst, die einer höheren Wahrscheinlichkeit in engen, unüberschaubaren Stellen angegriffen zu werden, entspringt. Bemerkenswerterweise ist das biologische Entwicklungsgeschehen ein durch und durch ökonomisches Prinzip. Kosten-Nutzen-Abwägungen dominieren - vielfach intuitiv, teilweise sogar für eine Reflexion unzugänglich - unser alltägliches Handeln gerade auch in nicht-ökonomischen Belangen.

Liebe ist demnach eine Art Gen-Shopping, etwas differenzierter: „Sie ist das Produkt einer überaus komplexen, dabei im Wesen kalkulierenden, 'quasi-klugen', Kosten und nutzen abwägenden Verhaltenssteuerung.“ Eckart Voland bemerkt anschließend: „Das Tröstliche ist nur, dass die unsentimentale Nüchternheit, mit der Liebe biologische Nützlichkeit maximiert, uns bewusstseinsmäßig verborgen bleiben muss.“ Deshalb bleibe sie auch Wunder, Rätsel, Erfüllung und Fluch. Welche Genkombination besonders gut ist, das entscheide zunächst der Geruch, denn Liebe gehe zu allererst durch die Nase.

Positive und negative Emotionen seien Ausdruck biologischer Programme, die mit Gewinn und Verlust reproduktiver Ressourcen einhergingen – ohne transkulturelle Unterschiede. Angst spüren signalisiere Veränderungen im Verhalten wahrzunehmen. Trennungsangst etwa entspreche dem drohenden Verlust eines Kooperationspartners.

Emotionen definiert der Professor für Philosophie der Biowissenschaften als „evolutionäre geformte adaptive Antworten der menschlichen Verhaltenssteuerung auf fitnessrelevante Situationen.“ Angst ist demnach eben vorteilhaft, weil sie die Überlebenschancen verbessert.

Die Verwandschaft von Evolution und freien Märkten zeigt sich in der Funktionslogik, nach der Evolution keine dauerhaften Mängel hervorbringen kann. Mehr als eine Randbemerkung ist die Erkenntnis wert, dass Evolution permanent Ungleichheit schafft, schon durch das permanente Einebnen von Unterschieden als Ausgangspunkt neuer Fitnessselektionen.

Den Schluss der 18 kurzen, aus Vorträgen hervorgegangenen Lektionen zur Entstehung menschlicher Neigungen bildet das Thema Lernen. Lernen sei nicht Folge von Lehren, sondern von eigeninteressiertem Lernen, Voland spricht von „Selbstkonstruktion“. Lernen sei sowohl evolutionär als auch biologisch als auch erlernt und somit kulturell. Menschen sind also außerordentlich lernfähig, aber nicht belehrbar, und das treffe zugleich den Kern der Soziobiologie.

Michael von Prollius

 
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