Söhne und Weltmacht PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: mvp   
Freitag, 07. Januar 2011

Gunnar Heinsohn: Söhne und Weltmacht. Terror im Aufstieg und Fall der Nationen, Erstauflage 2003, Piper Verlag 2008, 189 S, 8,95 Euro.

Ein Überschuss an jungen Männern („youth bulge“) ohne Aussicht auf persönliches Fortkommen führt zum Aufbau und zur Zerstörung von Reichen. Das ist die zentrale These, die der Bremer Soziologe und Ökonom Gunnar Heinsohn in seinem lesenswerten Essay „Söhne und Weltmacht“ ausbreitet. Für die Zukunft und anhand der Vergangenheit versucht Heinsohn aufzuzeigen, dass die Brisanz der bisher größten – islamischen – Sohneswelle nicht aus knappen Ressourcen oder Ländereien resultiert. Vielmehr mangelt es in den Gesellschaften massiv an akzeptablen Positionen für junge Männer. Nicht eine Überbevölkerungskrise, sondern eine Krise der Perspektivlosigkeit bedroht demnach den Westen.

Gunnar Heinsohn argumentiert empirisch-statistisch und -historisch. Kolonisation, Expansions- und Bürgerkriege sowie Terrorismus behandelt er im Kolumnenstil. Die Europäische Geschichte der Neuzeit wird einem demographischen Revisionismus unterzogen. Zugleich ist sein Essay durchweg gegenwartsbezogen. Er endet mit einer perspektivischen Lagefeststellung für den Westen angesichts des islamischern Jungmännerüberschusses auch in den Städten. Besonders gelungen sind bei der durchweg pointierten Darstellung die apodiktischen Passagen: „Nicht aus Armut und Mangelernährung kommen die Terroristen. Um Brot wird gebettelt. Getötet wird für Status und Macht.“ Bedenkenswert sind Feststellungen wie, Religion diene lediglich als Rechtfertigung für Gewalt, bilde aber nicht deren Ursache. Plausibel ist, dass brutale, auf Zwangsapparate gestützte Unterdrückung den Youth bulge unter Kontrolle halten kann, das dürfte nicht nur für Ägypten, Iran und Saudi-Arabien gelten.

Gleichwohl hat die empirische Argumentation eine Reihe von Schwächen. Es fehlt an bekannten Gegenbeispielen, darunter Bangladesch, Brasilien, China, Indien. Heinsohn setzt einfach Konflikte voraus, Vermehrungskonflikte. Das Beispiel Irak unter Saddam zeigt aber, dass ein Despot keineswegs auf die Wut der jungen Männer angewiesen ist. Zudem hat der Aufstieg des Kapitalismus einen bis dato einzigartigen Bevölkerungsanstieg verursacht, ohne dass das 19. Jahrhundert ein außergewöhnlich zerstörerischer Jahrhundert war. Streckenweise wirkt der Youth bulge wie eine leere Metapher, die nahezu die gesamte Geschichte neu erklären soll. Durchweg problematisch sind die Passagen zur Eigentumsökonomik wie ausführlich an anderer Stelle bei FOP nachzulesen ist.

Offenkundig muss ein Bevölkerungsüberschuss erst auf einen unfruchtbaren Boden fallen. Das kann einerseits bedeuten, dass Staatsführungen freie Märkte unterbinden und damit Handlungsmöglichkeiten und Perspektiven der Menschen drastisch beschneiden wie etwa im arabischen Raum. Andererseits können politische Gruppierungen die jungen Männer instrumentalisieren. Das fällt ihnen umso leichter, wenn freie Märkte unterbunden werden und an ihre Stelle eine Korruptions- und Privilegienwirtschaft tritt wie etwa in Pakistan.

Heinsohn verfängt sich in den selbst gesponnenen Argumentationsfäden. Die Youth bulge-These setzt in der präsentierten Form eine (zentral) gesteuerte Bevölkerungsentwicklung ganzer Gesellschaften voraus, blendet aber politisch beeinflusste Faktoren jenseits der Demographie angesichts vermeintlich gegebener Männer-Perspektivlosigkeit aus. Wie so häufig bei Makro-Theorie will die Realität nicht dem allumfassenden Modell folgen. Das hat gravierende Folgen wie das Plädoyer für Präventivkriege als „allerletztes Verteidigungsmittel“ zeigt. Dennoch sind derartige Querdenkanstöße eine Bereicherung – sie regen zum Nachdenken an und haben einen treffenden Kern.

 
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