"Unter Beschuss" PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: mvp   
Dienstag, 28. Dezember 2010

Marc Lindemann: Unter Beschuss. Warum Deutschland in Afghanistan scheitert, Econ Verlag, Berlin 2010, 283 S., 18,95 Euro.

„Strategie ohne Taktik ist der langsame Weg zum Sieg – Taktik ohne Strategie ist nur der Lärm vor der Niederlage.“ besagt eine Weisheit des chinesischen Militärstrategen und Philosophen Sunzu, den auch Marc Lindemann zitiert. Damit ist eine Kernaussage und (An)Klage des Reserveoffiziers benannt, der zwei Mal im Afghanistaneinsatz war und seine Eindrücke in einem flott geschriebenen politischen Sachbuch zusammengefasst hat. Stand Anfang 2010 sieht er die fast neun Jahre währende Mission grundsätzlich in Gefahr. Praktisch sei nichts erreicht, die Sicherheitslage schlechter als zuvor, die Bundeswehr heftig unter Beschuss, der Wiederaufbau lediglich ein Mythos, die internationale „Gemeinschaft“ militärisch mit vielen Problemen behaftet.

Überzeugend ist Marc Lindemanns Darstellung der selbst erlebten und analysierten Defizite des Afghanistan-Einsatzes, die gleichermaßen (erschreckend) grundsätzlich wie umfangreich sind. Alle Fäden führen letztlich ins politische Berlin. Das Scheitern Deutschlands in Afghanistan erscheint als ein Paradebeispiel für Politikversagen. Weniger überzeugen internationale Betrachtungen wie die massive Unterschätzung der Wirtschaft für Obamas Mid-Term-Wahlkampf. Zudem bleibt Lindemanns Plädoyer für realistische Ziele als Ausweg aus der Misere im selbst auferlegten Auftragsdenken stecken. So klingen „Lösungen“, die es vermutlich nicht (mehr) gibt, zumindest was das von Beginn an unrealistische Streben nach Demokratisierung und Umgestaltung des Landes betrifft, leider nach Durchhalteparolen: Man müsste ... Hier fehlt eine theoretische Tiefenrecherche und Systematik wie sie etwa - durchaus umstritten - Gunnar Heinsohn in Söhne und Weltmacht zur Diskussion stellt. Das ändert nichts an der Empfehlung, das Buch zu lesen und über das Geschriebene nachzudenken. Die Stimme des Insiders sollte auch im politischen Berlin gehört werden, nicht zuletzt im Hinblick auf kommende Einsätze. Dort dürfte er allerdings als politisch unkorrekter Kritiker negiert werden.

Was in Deutschland fehlt ist eine Grundsatzdebatte über die von Marc Lindemann formulierte These: „Es ist eben nicht das Sterben an sich, was falsch ist. Es ist das sinnlose Sterben!“

Michael von Prollius



 
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