Startseite Zum Mitnehmen Bibliothek Quergedacht Über das Wesen des Krieges (C. Nordstrom)
Über das Wesen des Krieges (C. Nordstrom) PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, 05. November 2009

altCarolyn Nordstrom: Leben mit dem Krieg. Menschen, Gewalt und Geschäfte jenseits der Front, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005, 279 S., 6,99 EUR.
Carolyn Nordstrom ist Professorin für Medizinische Anthropologie an der University of Notre Dame, Indiana/USA. Sie hat sich jahrelang in Kriegs- und insbesondere Bürgerkriegsgebieten aufgehalten, darunter Angola, Mozambik und Sri Lanka. Die Eindrücke und Ergebnisse ihrer Feldforschungen hat Carolyn Nordstrom in einer lesenswerten Studie über Krieg und Frieden, Schattenökonomie und -kultur sowie von ihr auch als gefährlich eingeschätzte Profite zusammengetragen. Ein bemerkenswerter Lese- und Erkenntnisgewinn besteht in dem geradezu dialektischen Charakter der Aktivitäten, die sich im Schattenreich zwischen Legalität und Illegalität, Staatlichkeit und Nicht-Staatlichkeit, regionalem Handeln, eingebunden in globale Netzwerke, und ökonomischen Vorteilen für alle Beteiligte sowie (macht)politische Vorteile nur für wenige bewegen.

Die Ausführungen und anschaulichen, episodenhaften Einblicke in das Geschehen mitten in der Kriegszone, vor allem aber jenseits im Hinterland, sind geeignet, bestehende Annahmen und Stereotypen über die Realität des Krieges infrage zu stellen. Einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen Gespräche mit und Geschichten über Kriegsteilnehmer, Kriegsopfer, Logistiker des Krieges, darunter Piloten, sowie politische und ökonomische Führungspersonen. Unter den vielen anschaulichen Beispielen findet sich der Mob, der in Colombo wütet, und ein ausdifferenzierter Medikamentenmarkt in einem bürgerkriegszerrütteten Gebiet.

Nicht immer gelingt es Nordstrom, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Besonders eindrucksvoll ist jedoch das Bild, dass sie vom Wesen des Krieges zeichnet. So verläuft die Front mitten innerhalb von Kleingruppen, etwa in ethnisch heterogenen Gebieten. Ferner gibt es eine Gleichzeitigkeit von unmenschlichem und menschlichem Handeln. Schließlich sind klare Trennungen kaum möglich: Wo verläuft die Grenze zwischen Krieg und Nicht-Krieg? Wo hört die Verantwortung für Krieg auf? Die beiden Fragen lassen sich umso schwerer beantworten als sich Gewalt weit über die Kampfzone hinaus erstreckt; das gilt gerade für die nicht-körperlichen Formen: „Das Schlimmste am Krieg ist nicht die körperliche Gewalt, am schlimmsten ist es, dass man der Gewalt ausgeliefert ist. ... wir haben Angst vor dem, was der Krieg aus uns gemacht hat, wir fürchten, unsere Menschlichkeit zu verlieren, wir fürchten uns vor dem, was aus Menschen im Krieg werden kann.“ erklärte ihr jemand, der an der Front lebte.

Einen anschaulichen Eindruck erhält der Leser zudem von den weit ausgreifenden ökonomischen, insbesondere logistischen Aktivitäten – der sogenannten informellen oder Schattenökonomie. Beispielhaft mag hierfür die Expertise zehnjähriger Jungen in Angola zu den Wirkungen und Wirkstoffen von Medikamenten aus aller Welt stehen, die im Straßenhandel für einen Bruchteil des Preises der legalen Apotheken zu haben sind. Auch die Verwicklung von Regierungen und ihrer Administrationen scheint auf, nicht zuletzt in der Überlagerung von nicht-staatlichen, in der Regel globalen Netzwerken, die Staaten durchdringen und mit ihren politischen Führern verflochten sind.
Leider mangelt es Nordstrom an einer soliden ökonomischen Theorie, insbesondere einer Theorie des Handelns. Deshalb gelingt es ihr letztlich nicht, die analytische Schärfe aufzubringen, die ihren wegweisenden Beobachtungen entspricht. Hätte sie beispielsweise konsequent von Konsumenten statt von der Unternehmensseite aus gedacht, wäre bereits mehr gewonnen als mit lediglich wohlklingenden Beschreibungen, die sich auf den überschätzten Philosophen Pierre Bourdieu stützen. Das gilt auch für die Abschnitte, die sich mit moralischem Handeln und der leider diffus bleibenden Gefahr von Profiten befassen.

Insofern ist die Stärke des Buches, nämlich den Blick auf die Dialektik des menschlichen Handelns in Kriegsgebieten und deren komplexe Folgen zu werfen, zugleich eine Schwäche. Es bleibt methodisch bei der anthropologischen Beobachterin. Das schmälert jedoch weder den Erkenntnisgewinn noch die lohnende Herausforderung, den ertragreichen Band gleichzeitig mit Erkenntnisgewinn zu lesen und die Ausagen kritisch zu hinterfragen. Machen Sie selbst diese Erfahrung!

Michael von Prollius

 
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