Startseite Zum Mitnehmen Bibliothek Quergedacht Über das Schönreden der SED-Diktatur (H. Knabe)
Über das Schönreden der SED-Diktatur (H. Knabe) PDF Drucken E-Mail
Samstag, 29. August 2009

Hubertus Knabe: Die Täter sind unter uns. Über das Schönreden der SED-Diktatur, Propyläen, 3. Aufl. 2007, 384 S., 9,95 EUR (Taschenbuch).
„Von der Öffentlichkeit unbemerkt, haben sich die entmachteten Funktionäre des SED-Regimes wieder aufgerappelt und reorganisiert.“ schreibt der Direktor der Gedenkstätte Berlin-Schönhausen Hubertus Knabe und konstatiert: „Nachdem sie zunächst den Abwehrkampf gegen Strafverfahren und Rentenbeschneidungen geführt haben, geht es ihnen jetzt um etwas, das nicht nur sie betrifft: das zukünftige Bild der untergegangenen DDR.“ Damit ist das Anliegen des Autors und der Stoff des Fakten gesättigten Buches benannt.

Der frühere Pressesprecher der Partei Die Grünen (1983) entwickelt in vier Kapiteln seine Kernthesen: Im Mittelpunkt steht die Verklärung der Diktatur bei gleichzeitigem wiedererstarken der SED-Kader. Hinzu kommt die fehlgeschlagene juristische Aufarbeitung; während DDR-Täter ohne Strafe bleiben und sich auf die bundesdeutsche Justiz stützen können, haben die Opfer des Unrechtsstaates keine Lobby und finden kaum Gehör. Schließlich mahnt Knabe, dass die Stasi weiter lebt und gegen die öffentliche Aufarbeitung der SED-Diktatur kämpft.

Leider ist die Strategie der SED-PDS-DIE LINKE sehr zielführend: Mit ihrer offenkundig kontraproduktiven Wirtschaftspolitik vergrößert sie das Heer der Arbeitslosen und Vereinigungsverlierer, die auf staatliche Alimentierung angewiesen sind. Gysi, Lafontaine, Bisky und Co. spielen sich parallel als vermeintliche prominente Fürsprecher ihrer tatsächlichen Opfer auf. Zugespitzt kommentiert ließen sie sich als latent totalitäre Wölfe in wohlfahrtsstaatlichen Schafspelzen charakterisieren. Konsequent bedienen sie sich der Mechanismen des bundesdeutschen Systems. So ist die GRH (Gesellschaft zur rechtlichen und humanitären Unterstützung e.V.) faktisch ein „Hilfsverband für Kriminelle“, der Regimeträger juristisch, finanziell und politisch unterstützt. Das hinderte das Berliner Finanzamt nicht eine Gemeinnützigkeit anzuerkennen. Die Steuerzahler finanzieren folglich die Verherrlichung der SED-Diktatur und die Privilegierungsaktivitäten ihrer Kader. Leider ist das Beispiel kein Einzelfall, sondern steht exemplarisch für den Umgang mit dem SED-Regime.

Hubertus Knabe diagnostiziert: „Die SED-Kader bilden eine verschworene Gemeinschaft, die mit der Beseitigung der DDR ihre Privilegien verloren hat und sich deshalb als Verlierer der Geschichte empfindet.“ und urteilt: „[W]eil sie in der Gegenwart nicht angekommen sind leben sie weiter in der Vergangenheit“. Seine Bilanz ist deprimierend. Aufgrund von BRD-(Un)Recht geht die überwältigende Mehrheit straffrei aus. Es ließe sich hinzufügen, offensichtlich lohnt sich das Engagement in einer Diktatur, die politische Klasse gewinnt nämlich fast immer. So gibt es eine üppige Rente für die Kader und eine schmale Rente für die Widerständler. Besonders treffend ist die Erklärung des Schauspielers Ulrich Mühe: „Ich habe bis vor kurzem gehofft, dass die ergangene gerichtliche Entscheidung den Sinn macht, unbehelligt und unbedroht das äußern zu können, was die Birthler-Behörde eindeutig und klar bestätigt hat: die zu Frau Gröllmann geführten Akten bezeugen eine freiwillige Statsi-Mitarbeit. Dieses Urteil wird erneut angefochten. Ich will meine Zeit nicht länger damit verbringen, diesen ungeheuerlichen Vorgängen in meinem Leben Raum zu geben, denn es ist sinnlos. ... Die Kanzlei Gysi mag dieses Land mit einstweiligen Verfügungen zupflastern und den Akten der Birthler-Behörde noch ein paar Jahre erfolgreich jegliche Beweiskraft abjagen. Das Material wird immer da sein!“

Hubertus Knabe ist ein streckenweise brillianter Schriftsteller, der sich auf eine umfassende historische Fachexpertise stützt. Sein politischer Sachverstand ist manchen Kritikern ein Dorn im Auge. Gäbe es mehr von seinem Kaliber, müsste  niemandem Bange sein um die bundesdeutsche Zivilgesellschaft. Schon deshalb lohnt sich die gründliche Lektüre der Aufklärungsschrift. Selten gab es ein implizit  klareres Plädoyer für eine freie Gesellschaft.

Michael von Prollius

 
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