Startseite Zum Mitnehmen Bibliothek Quergedacht Provokationen für jedermann (H. Mencken)
Provokationen für jedermann (H. Mencken) PDF Drucken E-Mail
Donnerstag, 12. März 2009

Henry Louis Mencken: Gesammelte Vorurteile, Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2000, 172 S., (EUR – derzeit nur antiquarisch erhältlich).

H. L. Mencken ist krass, klug und schreibt klasse. Der US-amerikanische Kulturkritiker und Essayist deutschen Ursprungs besaß insbesondere in den 20er Jahren einen großen, mit Kurt Tucholsky vergleichbaren Einfluss. Mencken verkörpert den erfrischenden Gegenpool zur ermüdenden, überwiegend den Intellekt beschämenden „political correctness“. Kostprobe gefällig? „Jede Regierung ist, ihrem Wesen nach, eine Verschwörung gegen das überlegene Einzelwesen; sie legt es darauf an, das Individuum zu unterdrücken und zum Krüppel zu machen.“ oder zur Entstehung der Demokratie: „Das Demokratiekonzept entstand ... in den poetischen Hirnen einiger hochgestellter Herren – sentimentaler Menschen, die erschreckt feststellen mußten, daß der Esel überladen war, und die als Reform vorschlugen, den Esel künftig in den Karren zu setzen.“
Mencken schrieb nicht nur berüchtigte Artikel in der Rubrik „The Free Lance“ (Baltimore Evening Sun), sondern auch das erste Buch über Nietzsche in englischer Sprache und gründete ein anspruchsvolles Kulturmagazin namens „American Mercury“, an dem unter anderem F. Scott Fitzgerald mitarbeitete. Menckens zweibändige sprachwissenschaftliche Abhandlung „The American Language“ wurde Standardwerk und Bestseller zugleich. Sein skeptisches Temperament verband sich mit Lebenslust und kam in einer schwungvollen, konkreten, nie zu Kompromissen bereiten kraftvollen Sprache zum Ausdruck.
Die „Gesammelten Vorurteile“ enthalten über 60 Artikel, die ein weites Themengebiet umspannen; es reicht von Menschentypen über den weiblichen Verstand, die Todesstrafe und den Selbstmord bis zu den Griechen. Viele Gedankenführungen regen zum Nachdenken an: „Eine echte Aristokratie zeichnet sich durch eine innere Sicherheit aus, deren sichtbarstes Zeichen die Freiheit ist“. Wegweisend sind stets Menckens Dekonstruktionen, etwa die des Begriffs „Ehre“: „Jeder Mann, wie ehrenhaft er auch immer sein mag, opfert hinter der Tür seine Ehre der bloßen Moral – so wie jeder moralische Mensch seine Moral gelegentlich dem Selbstinteresse opfert.“
Wenn Sie einmal querdenken möchten, wenn Sie die ewige öffentlich-rechtliche Gleichförmigkeit satt haben, dann empfehle ich Ihnen Mencken zu lesen. Sollten Sie dieses Verlangen nicht verspüren, dann sind die „Gesammelten Vorurteile“ Pflichtlektüre. pk
 
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