| Deutscher Kapitalismus |
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| Geschrieben von: mvp |
| Mittwoch, 13. Juli 2011 |
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Die nachfolgende Rezension ist zwar bereits 2007 in der VSWG 94 (2007), 514f. erschienen, bleibt aber in vielerlei Hinsicht aktuell.
In dem zu besprechenden Band fehlt sowohl der Ordnungsbegriff, obwohl ein gutes Dutzend Sozialwissenschaftler, Ökonomen und Wirtschaftshistoriker sich mit der Geschichte und Perspektiven der deutschen Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft beschäftigen, als auch der liberale Nobelpreisträger, obwohl dieser zu den wichtigsten (liberalen) Sozialwissenschaftlern des 20. Jahrhunderts zählt und in engem Kontakt mit den Gründervätern der Sozialen Marktwirtschaft stand, insbesondere mit Wilhelm Röpke. Überhaupt wird die Ideen- oder Geistesgeschichte weitgehend ausgeblendet, obwohl ihr vermutlich die entscheidende Rolle bei der Ausprägung von Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen zukommt. Alexander Rüstow, ein weiterer neoliberaler Gründervater der Bundesrepublik Deutschland, hat dies in seiner „Ortsbestimmung der Gegenwart“ eindrucksvoll nachgezeichnet. Vielleicht liegt dies daran, dass den Autoren liberale Positionen vielfach problematisch erscheinen – „marktradikal“, „neoliberal“, „radikalisierter Wettbewerb“. Die Wirtschaftspolitik der USA als neoliberal zu bezeichnen und die freie Marktwirtschaft als zumindest partiell unsozial zu begreifen, zeugt von der Umdeutung des Wortes Neoliberalismus. Gleichwohl steht hinter dem Projekt des Kolloquiums des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) vom Juni 2005, das in dem Band dokumentiert ist, der Abbau interdisziplinärer Mauern, um herauszufinden, „ob es nicht eben diese zeitlosen Fragen sind, die sie verbinden.“ (S. 7) Die von Jürgen Kocka eingeleiteten, in vier Teile gegliederten 13 essayartigen Beiträge sind an eine interessierte, auch nicht-akademische Öffentlichkeit gerichtet und behandeln „[d]urchweg […] die Eigenart und die Zukunftsfähigkeit des deutschen Wirtschafts- und Sozialsystems“ (S. 9). In Teil 1 skizzieren Volker Berghahn und Sigurt Vitols die Debatte für die Geschichts- und die Sozialwissenschaft in perspektivenreichen Forschungsüberblicken. Behandelt werden unter anderem die Sonderwegsthese, Kontinuität und Diskontinuität des „organisierten Kapitalismus“, Amerikanisierung, Einzigartigkeit oder Verwandtschaft der deutschen Volkswirtschaft und Pfadabhängigkeit. Allerdings dürften nicht nur nicht-akademische Leser vor allem nach der polit-ökonomischen Betrachtung etwas ratlos zurückbleiben, schließlich bleibt sowohl die Frage offen, was das deutsche Modell auszeichnet als auch wie es sich entwickelt hat und entwickeln könnte. Hier wären klare, Standort- oder Wertgebundene Aussagen hilfreicher als einen wenig überraschenden „stetigen Wandel der Institutionen Deutschlands“ (S. 54) zu konstatieren. Teil 2 enthält drei Beiträge zum deutschen Industriesystem und der internationalen Wirtschaft im 19. und 20. Jhdt. Sigrid Quack untersucht transnationale Kapitalismusbeziehungen, insbesondere den Transfer von Technik, Wissen und Kapital im 19. Jhdt. und den institutionellen Wandel am Beispiel des Code Napoleon, der französischen Handelskammern in Preußen und der Entstehung deutscher Privatbanken. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sich Deutschland im 19. Jahrhundert „durch eine vergleichsweise große Weltoffenheit, einen hohen Grad transeuropäischer Vernetzung […] und durch das liberale Weltbild der dominanten bürgerlichen Kräfte aus[zeichnete]“ (S. 81) Gerhard Lehmbruch thematisiert die vergleichende politische Ökonomie kapitalistischer Systeme anhand von koordinierten und liberalen Marktwirtschaften mit Blick auf die Affinitäten Japans und Deutschlands. Mary Noan setzt sich kritisch mit dem Konzept der „Amerikanisierung“ auseinander und folgert „Deutschland [ist] sowohl eines des am stärksten amerikanisierten Länder Europas, aber es existiert eine spezifisch deutsche Variante des Kapitalismus.“ (S. 103) In Teil 3 kommen Konsumforscher zu Wort. Michael Prinz untersucht die konsumgesellschaftliche Seite des „Rheinischen Kapitalismus“, während Jonathan Wissen Massenkonsum und Unternehmenskultur im Dritten Reich anhand zweier Organisationen betrachtet, der Rotarier und der Gesellschaft für Konsumforschung. Christian Kleinschmidt zeichnet die Entstehung und Entwicklung des staatlichen Verbraucherschutzes nach und Christoph Deutschmann behandelt das Konzept des „Consumerism“. Indes zeigt sich exemplarisch ein konzeptionelles Problem des Bandes, trotz der kompakten Beiträge: Für das Fachpublikum sind die Beiträge wenig ergiebig, Nicht-Akademiker dürften angesichts der Gleichzeitigkeit von punktuellen Betrachtungen und der Vielfalt der Perspektiven klare Standpunkte vermissen. Wird so das Ziel der Herausgeber erreicht, die zu Recht „kritisierte Distanz zwischen Wirtschaft und Politik einerseits und den Wissenschaften andererseits“ (S. 7) abzumildern? Teil 4 beginnt mit dem lesenwerten Artikel von Reinhard Neebe über Ludwig Erhards umstrittene Bemühungen, Deutschland in die Weltwirtschaft zu reintegrieren: „Die Durchsetzung des modernen, weltoffenen Handelsstaates in der Bundesrepublik und Westeuropa ist ganz wesentlich Erhard zu danken.“ (S. 183) lautet die vielfach unterschätzte Erkenntnis Neebes. Dagegen dürfte Werner Abelshausers Essay zum Kampf der Wirtschaftskulturen reichlich Anlass zum Widerspruch geben, etwa wenn Wirtschaftskulturen nicht in Wettbewerb treten, sondern miteinander kämpfen, wenn Liberalismus, Marktwirtschaft und Kapitalismus miteinander vermengt werden (S. 190) oder die Tobin-Steuer für Kapitalmärkte ins Spiel kommt. Realistischer erscheint der Essay von Anke Hassel, die fragt, ob sich „der deutsche Kapitalismus sein eigenes Grab geschaufelt [hat]“ (S. 201) und prognostiziert, dass ohne eine Erneuerung der Verbände der deutsche Kapitalismus nicht überlebensfähig sei. Demgegenüber kommt David Soskice in seinem (vulgär)keynesianischen Essay zu dem vermeintlich beruhigenden Ergebnis, Deutschland habe bereits erhebliche Reformen und vielfach erfolgreiche Anpassungen durchgeführt. Der Befürworter der Taxis verstrickt sich vielfach in Widersprüche, z.B. Reformfähigkeit versus Konsenszwang (S. 214), und ignoriert das Scheitern der Nachfragesteuerung bereits in den 1970er Jahren. Insofern zeigt Teil 4 exemplarisch die Diskrepanz zwischen den hier versammelten wissenschaftlichen Beiträgen und den praktischen Erfordernissen. Ohne ordnungspolitische Fundamentalkorrekturen lässt sich zwar am typisch deutschen Weg seit Bismarck festhalten, aber wohl nur um den Preis eines „Neu zurückfallenden Landes“ (Horst Siebert). Wertfreiheit der Wissenschaft und Positivismus stellen sich in diesem Sammelband als beträchtliche Probleme heraus. Orientierung bieten dagegen die neoliberalen Klassiker und ihr Kosmos. Michael v. Prollius |






Volker R. Berghahn/Sigurt Vitols (Hg.): Gibt es einen deutschen Kapitalismus? Tradition und globale Perspektiven der sozialen Marktwirtschaft, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2006, 229 S., 24,90 €.