| Das Ende des Wirtschaftswunders |
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| Dienstag, 19. Oktober 2010 |
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Klug wird man bekanntlich weniger durch das Lesen von Büchern, sondern durch Nachdenken über das Gelesene. „Das Ende des Wirtschaftswunders“ ist ein Buch, das eine Fülle von Detail- und Grundsatzerkenntnissen bietet und zusätzlich zum Nachdenken anregt. Das liegt an den nachgezeichneten historischen Ereignissen selbst und dem auf diese Weise hervortretenden Wesen der Politik. Entstanden ist eine Art wirtschaftspolitisches Handbuch, das drei Dekaden sowie zwei Koalitionen umfasst und über die Zäsur von 1989 hinaus reicht. Dementsprechend heißen die drei großen Abschnitte: „Das Jahrzehnt der Illusionen 1970 – 1980“, „Das Jahrzehnt der unvollkommenen Konsolidierung 1980-1990“ und „Die Bewältigung der Deutschen Einheit 1990-1998“. Gérard Bökenkamp löst seinen selbst gestellten Anspruch ein, eine „anschauliche Beschreibung der wirtschaftspolitischen Zusammenhänge, wie sie sich in der realen Welt abzeichneten“ zu liefern. Als Quellen dient ihm vor allem die Wirtschaftsberichterstattung der großen Wochenzeitungen, bedarfsweise ergänzt um Tageszeitungen sowie insbesondere Jahresgutachten des Sachverständigenrats. Der Band schließt die historiographische Lücke zwischen den gut erforschten 60er Jahren und der mit ähnlichen Quellen erarbeiteten Monographie von Hans Jörg Hennecke zur ersten Legislaturperiode der rot-grünen Koalition („Die dritte Republik“). Das dokumentierten wirtschafts-, sozial- und finanzpolitischen Absichten, Praktiken und Ergebnisse ermöglichen eine Bewertung politischen Handelns, die ganz und gar nicht schmeichelhaft ausfällt: Die Regierungen schürten wiederholt Krisen; sie schufen ohne Not Massenarbeitslosigkeit und eine überbordende Staatsverschuldung, für deren Beseitigung keine Partei bisher eine geeignete Antwort bietet. Das gilt umso mehr als das Ausgabenproblem strukturell bei der Politik und nicht bei einzelnen Parteien liegt wie am Übergang zunächst zur sozial-liberalen und bald auch bei der christlich-liberalen Regierung deutlich wird. Allerdings zeigt Gérard Bökenkamp, dass Helmut Schmidt zunächst die Hauptverantwortung als Schuldenminister und Schuldenkanzler zukommt. Alle Regierungen handelten wiederholt gegen die ökonomische Vernunft, aber im Einklang mit vermeintlichen und tatsächlich geringen Spielräumen. Inkonsistenz und Improvisation zeichnen 30 Jahre Regierungshandeln aus, was zur „Renten-“ und zur „Steuerlüge“ (1976, 1991) führte. Bei der Lektüre wird deutlich, dass Politik im großen Stil per se nicht die Lösung unserer Probleme sein kann. Verbreitete Erwartungen an große, zentrale politische Lösungen müssen regelmäßig enttäuscht werden. Bezeichnend ist Jürgen Möllemanns Überzeugung: „Das bisschen, was man für das Wirtschaftsministerium braucht, lerne ich über Weihnachten.“ Anschaulich tritt immer wieder hervor wie sehr sich Regierungen im Gestrüpp des Interventionismus verfangen und welches Ausmaß der permanente politische Kleinkrieg innerhalb einer Partei oder Koalition regelmäßig erreicht. Es ist haarsträubend. Dementsprechend labil war die Stellung einzelner Minister, darunter auch Karl Schiller, der ohne Hausmacht vom Wohlwollen des Kanzlers abhing. Zugleich zeigt Gérard Bökenkamp u.a. am Beispiel Stoltenbergs als Finanzminister wieviel Anstrengung erforderlich ist, um auch nur eine halbwegs vernunftgeleitete Politik zu praktizieren. Neben diesen strukturellen Erkenntnissen zum Regierungshandeln bietet der Band eine Fülle inhaltlicher Ergebnisse, die durch regelmäßige resümierende, einordnende und bewertende Abschnitte hervortreten. Einige Beispiele: Gérard Bökenkamp kommt zu dem Ergebnis, dass Helmut Schmidt zwar ein Staatsschauspieler, aber sicher kein Weltökonom war. Um die viel beschworene Unabhängigkeit der Bundesbank war es nicht gut bestellt, wie die politische Bestellung ihrer Präsidenten, ferner Karl Schillers Öffentlichkeitsarbeit für eine Aufwertung der D-Mark und schließlich der politischen Vorgaben geschuldete Umtauschkurs bei der Wiedervereinigung belegen. Bemerkenswert ist Bökenkamps Einschätzung, dass der Umtauschkurs angesichts der drastischen Lohnerhöhungspolitik durch die Gewerkschaften wenig bedeutsam war. Treffend wird der totale Bankrott der DDR beschrieben. Erhellend ist die Rücksichts- und Ahnungslosigkeit beim Aufbau des Transfersystems Ost sowie der Angleichung von Sozialstandards durch Gewerkschaften und Sozialpolitiker. Wie stark die Gewerkschaften Einfluss auf die Politik nahmen, lässt sich auch ihrem Anspruch in den 70er Jahren ablesen, den Arbeitsminister zu bestimmen. Wer ein Beispiel für einen geldpolitischen Boom und Bust sucht wird sowohl zu Beginn der der 70er Jahre als auch im Anschluss an die Wiedervereinigung fündig. Gut dokumentiert ist ferner die Erkenntnis, dass Konjunkturpolitik nicht funktioniert und zu spät kommt. Erwähnt sei auch die Familienpolitik, die bereits in den 80er Jahren an ihren selbst gesteckten Zielen scheiterte, während die Regierung Kohl die demographische Zeitbombe zwar erkannte, aber ticken ließ. Erwähnt sei schließlich die Einschätzung, dass eine EU nur mit den Deutschen als Zahlmeister realisierbar erschien. Und die Bevölkerung? Sie besitzt zwar offenkundig ein Gespür für falsche Politik, setzt aber unverdrossen auf die Verheißungen von Politikern und Parteien. So bestätigt die von Henning Köhler betreute Dissertation Bryan Caplans Mythos des rationalen Wählers. Das gilt auch mit Blick auf vielfach gewollte steigende Staatsausgaben bei gleichzeitig nur begrenzter Bereitschaft für steigende Steuerbelastungen. Eine Anregung zum Schluss: Eine peppige Kurzfassung in Form eine Essays, ähnlich wie Dominik Geppert: Maggie Thatchers Roßkuhr, würde der verdienstvollen Studie die Breitenwirkung verleihen, die sie verdient hat. Michael von Prollius Eine Kurzfassung dieser Rezension erschient in der Dezember-Ausgabe von eigentümlich frei. |






Gérard Bökenkamp: Das Ende des Wirtschaftswunders. Geschichte der Sozial-, Wirtschafts- und Finanzpolitik in der Bundesrepublik 1969-1998, Lucius & Lucius, Stuttgart 2010, 569 S., 49,00 Euro.