| Nicht konsequent abgewrackt |
|
|
|
| Montag, 02. August 2010 |
|
Die abschließende Empfehlung von Hans-Olaf Henkel lautet (bekanntlich), eine „Hall of Shame“ zu errichten, die vor den Abwrackern der Marktwirtschaft warnt. Als ehemaliger Praktiker liefert der frühere IBM-Deutschland-Chef gleich einige Kandidaten: Middelhoff, Schrempp und Piëch. Bezeichnenderweise finden sich keine Politiker unter ihnen. Der Untertitel verspricht hingegen noch Aufklärung darüber, wie Zocker und Politiker unsere Zukunft verspielt haben. Dieser Widerspruch ist kein Zufall und weist auf eine Merkwürdigkeit hin. Hans-Olaf Henkel ist für seine eingängigen marktwirtschaftlichen Plädoyers bekannt, die noch dazu gut zu lesen sind. Das gilt auch für die vorliegende sehr persönliche Beschreibung und Erklärung der aktuellen Wirtschaftskrise. Der Leser erhält immer wieder Einblicke in Lebens- und Karrierestationen des Hamburgers, darunter die Tätigkeit in mehreren Aufsichtsräten, etwa der IKB vor deren fahrlässigen Geschäften. Bemerkenswert ist die Darstellung des Conti-Schäffler Falls entgegen der veröffentliche Meinung. Die aktuelle Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung bezeichnet er zurecht als Neosozialismus. Drei Blasen drohen zu platzen: die Beschäftigungs-, die Schulden und die Sozialblase. Lesenswert ist auch die Beschreibung der amerikanischen Immobilienkrise mit den beiden Krisentreibern Politik des billigen Geldes und Häuser-für-jedermann-Politik von Gutmenschen. En passent korrigiert der frühere BDI-Chef zunehmend bekanntere Irrtümer wie die BIP- und Warenkorbmessung im Hinblick auf Scheinproduktivität und Manipulation. Zugleich wird deutlich, dass sich Hans-Olaf Henkel vollkommen im Systemrahmen bewegt, etwa wenn er sämtliche Sonnen- oder Regenschirme des Staates für bedrohte Finanzinstitute für gerechtfertigt hält und ihre Verstaatlichung (nur) zur Vermeidung eines Gesamtkollaps befürwortet. Im Mainstream liegt auch seine Vorliebe für Massenpychologie, für den Herdentrieb. Ausgeblendet werden hingegen die eingangs noch thematisierten, politisch gesetzten Anreize und weitreichenden Regulierungsfehler. Sollen es nun ausgerechnet die Neosozialisten richten? Wie passt die Forderung nach einer europäischen (staatlichen) Ratingagentur ins Bild? Vielleicht so: Das konsequente Eintreten für die Marktwirtschaft als Gewinn- und Verlustsystem endet bei vielen Freunden der Freiheit, sobald es darum geht, der unsichtbaren Hand zu vertrauen. Stattdessen gewinnen sichtbare personifizierte Lösungen schnell die Oberhand. Das gilt im vorliegende Fall auch für das neoszialistische Geldsystem, das ungeschoren davonkommt. Michael von Prollius |






Hans-Olaf Henkel: Die Abwracker. Wie Zocker und Politiker unsere Zukunft verspielen, Wilhelm Heyne Verlag, 5. Auflage München 2009, 256 S., 19,95 EUR (Taschenbuch 8,99 EUR).