| Marktwirtschaft ist nicht genug! (H. J. Hennecke) |
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Zuerst kam die Kulturkrise dann die Konjunkturkrise, schließlich verbanden sich beide. Sowohl die Zeit um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. als auch vom 20. zum 21. Jahrhundert lässt sich, stark verkürzt, auf diese Formel bringen. Ökonomisch bilden damals wie heute geld- und ordnungspolitische Missstände den Rahmen für die Konjunkturprobleme. Indes fallen sozio-ökonomische Verwerfungen nicht vom Himmel. Vielmehr sind sie verflochten mit den sozialen und moralischen Voraussetzungen einer Gesellschaft im allgemeinen und der Marktwirtschaft im besonderen. Das Zusammentreffen eines Verlages, der die guten alten Dinge genauso wie die modernen Querdenker zu schätzen weiß und sie für die Öffentlichkeit verfügbar macht, mit einem ausgewiesenen Experten für den Ökonomen, Sozialphilosophen und Kulturkritiker Wilhelm Röpke stellt vor diesem Hintergrund eine glückliche Fügung dar. Hans Jörg Hennecke ist der Röpke-Biograph im deutschsprachigen Raum und vermutlich sogar weltweit die erste und beste Adresse. Dem ordoliberalen Politikwissenschaftler ist die Auswahl der deutschsprachigen Aufsätze und das exzellente Nachwort zu verdanken, in dem das Leben und Wirken des heute überraschend aktuellen Niedersachsen und Wahlschweizers wie in einem Brennglas nachgezeichnet ist. Die Manuscriptum Verlagsbuchhandlung hat Raum für 36 Aufsätze und Artikel geboten; der Band steht in einer Reihe (moderner) Klassiker, darunter Hans-Herrmann Hoppe mit „Demokratie. Der Gott, der keiner ist“ und Guido Hülsmanns „Die Ethik der Geldproduktion“. Röpkes gesammelte Aufsätze reichen von einem eindrucksvollen Erlebnisbericht der Schlacht von Cambrais-Arras am 21./22. März 1918 bis zu „Wir zornigen alten Männer“, einem Artikel der 1964 in der Welt am Sonntag erschien und gleichermaßen Kulturniedergang wie Umweltzerstörung als Elemente einer Entwurzelung der Menschen thematisierte. Die reiche Auswahl ist in sieben, überwiegend chronologisch geordnete Kapitel gegliedert: In der Weimarer Zeit war Röpke mit 24 Jahren der jüngste deutsche Professor und erarbeitete sich einen Ruf als profilierter Konjunkturtheoretiker. Seine konsequente Kritik von Totalitarismus und Kollektivismus führte zur Vertreibung durch die Nationalsozialisten zunächst nach Istanbul. In der Kriegs- und Nachkriegszeit zählte Röpke, der seit 1937 inmitten der weltpolitischen Brandung in Genf eine neue Heimat gefunden hatte, zu den führenden Intellektuellen Europas und den meist gelesenen Publizisten. Föderalismus, Marktwirtschaft und Westbindung gehen letztlich auf Wilhelm Röpke zurück. Während er sich stets für eine weltoffene Freihandelszone Europa einsetzte, kritisierte der Verfechter einer menschenwürdigen Ordnung die Vorformen der heutigen EU als Variante einer internationalen Planwirtschaft, deren Zentralbürokratie er als unvereinbar mit der Wertetradition des Westens ablehnte. Das Titelthema „Marktwirtschaft ist nicht genug“ sowie der Abschnitt „Kulturverteidigung und Zivilisationskritik“ beschließen die Textauswahl. Der Band ermöglicht Einsteigern einen Überblick über Röpkes Gesamtwerk und bietet Kennern eine reiche Sammlung mit dem einen oder anderen erstmals öffentlich zu betrachtenden Juwel. Das macht aus den gesammelten Aufsätzen eine ideale Ergänzung zu den nur noch antiquarisch wehältlichen Textzeugnissen eines Gelehrtenlebens „Gegen die Brandung“ von 1959. Für den neoliberalen Wilhelm Röpke bilden Freiheit und Selbstverantwortung alternativlose Grundfeste einer Wirtschaftsordnung, die wiederum eine unverzichtbare Voraussetzung für politische Freiheit darstellt. Gleichwohl ist für den Programmatiker einer menschenwürdigen Gesellschaft mit einem Höchstmaß lokaler und regionaler Selbstverantwortung eine funktionsfähige Marktwirtschaft eben nicht genug. Das Schicksal des Westens entscheidet sich für ihn „jenseits von Angebot und Nachfrage“, womit die brandaktuelle Frage nach der geistigen und moralischen Substanz des Westens verbunden ist. Trefflich streiten lässt darüber, ob die Kulturkritik gerechtfertigt ist, zumal sie seit der Antike kontinuierlich vorgetragen wird. Am staatspolitischen Versagen als Ursache der Rezession sollten hingegen keine Zweifel bestehen. Die Ankündigung immer neuer Gesellschaftsklempnereien, wie im aktuellen Wahlkampf einmal mehr zur Schau gestellt, hätten Wilhelm Röpke als schonungslosen Kritiker ordnungspolitischer Verwahrlosung auf den Plan gerufen. Einer von vielen Gründen in seinen Texten zu stöbern. Michael von Prollius |






Hans Jörg Hennecke: Wilhelm Röpke. Marktwirtschaft ist nicht genug. Gesammelte Aufsätze, Manuscriptum Verlag, Waltrop und Leipzig 2009, 464 S., 24,80 EUR.