Startseite Zum Mitnehmen Bibliothek Für Sie gelesen Der Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft (A. C. Mierzejewski)
Der Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft (A. C. Mierzejewski) PDF Drucken E-Mail
Montag, 13. April 2009
altAlfred C. Mierzejewski: Ludwig Erhard. Der Wegbereiter der Sozialen Marktwirtschaft. Biografie, Pantheon Verlag, 1. Aufl. 2006, 399 S., 12,90 EUR.

„Erhard hält, was er verspricht. Wohlstand für alle durch die Soziale Marktwirtschaft“ lautet der Text eines Wahlkampfplakates, das am Anfang der lesenswerten Biographie von Alfred Mierzejewski abgebildet ist. Der Slogan bringt drei zentrale Aspekte des Buches zum Ausdruck: Erstens den thematischen Schwerpunkt der Biographie, der auf der Wirtschaftsgeschichte der Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit liegt; zweitens die abgewogen positive Einschätzung Erhards durch den Biographen und drittens Erhards herausragende Leistung: Der spätere Wirtschaftsminister führte im Juni 1948 die „richtige“ Wirtschaftsordnung gegen massive Widerstände ein und ermöglichte so den Menschen in Westdeutschland ein besseres Leben. Passend urteilt Mierzejewskis zum Schluss seiner Einleitung: „Erhard war nur teilweise erfolgreich, doch in dem Maße, wie er es war, wurde Deutschland zu einem besseren Land.“

Diese klare Linie behält der US-amerikanische Historiker bei, da er der Ordnungspolitik eine herausragende Rolle zu misst, sowohl für den einzigartigen Wirtschaftsaufschwung der 50er Jahre als auch für  dessen Nachlassen aufgrund einer zunehmend interventionistischen Politik. Folgerichtig hält Mierzejewski die Erklärung des Bielefelder Wirtschaftshistorikers Werner Abelshauser für „inakzeptabel“, der mit seiner „Rekonstruktionshypothese“ – der quasi automatischen Rückkehr Deutschlands zu einem natürlichen Wachstumstrend nach einem in der NS-Zeit aufgestauten Konsum – und seiner Geringschätzung marktwirtschaftlicher Prinzipien eine Forschungskontroverse ausgelöst hatte.

Anschaulich arbeitet Mierzejewski heraus, wie sehr Erhards marktwirtschaftlicher Kurs durch persönliche Anfeindungen und interventionistische Verlangen durchkreuzt wurde. Da der texanische Wissenschaftler für ein breites Publikum schreibt, meidet er ideengeschichtliche Tiefen und konzentriert sich sehr pragmatisch auf die angewandte Wirtschaftspolitik. Deutlich wird, dass Erhard ein Sachpolitiker, aber kein Machtpolitiker war – anders als sein Gegenspieler Adenauer. Der wohl berühmteste Wirtschaftsminister Deutschlands vertrat mit einer teilweise bewundernswerten Sturheit unerschrocken seine Überzeugung, vernünftige Sachargumente für die überlegene Marktwirtschaft würden sich durchsetzen.

Erhard war ein glänzender und beliebter Kommunikator; er wandte sich vorwiegend mit Reden und Artikeln direkt an die Bevölkerung. Die bürokratische Führung des Ministeriums interessierte ihn auch mangels persönlichem Ehrgeiz hingegen genau so wenig wie parteipolitische Schachzüge. Im Kampf mit den gewieften und intriganten Machtpolitikern, die um kurzfristiger Erfolge willen ihren Kurs und ihre Werte anpassten, unterlag Erhard mehrfach. Das galt insbesondere für Auseinandersetzungen mit Adenauer, von dem Erhard wiederholt gedemütigt wurde. Nach seiner Lebensleistung, der Wirtschaftsreform im Juni 1948, führte Erhard mit seinen Verbündeten praktisch nur noch Abwehrkämpfe. Eine weitere bedeutender Reform gelang ihm nicht mehr. Der Versucht, mit dem Konzept der „formierten Gesellschaft“ Mitte der 60er Jahre eine geistige und sozialpolitische Wende einzuleiten, misslang bereits im Ansatz.
 
Vom freiheitlichen Standpunkt aus lässt sich der Interventionismus der 50er Jahre bereits als furchtbar bezeichnen. Das Gezerre hinter den Kulissen und das permanente Streben, Politik gegen den Markt und für Sonderinteressen zu machen, illustriert Mierzejewski eindringlich. Dazu gehört das zehn Jahre lang verschleppte und 1957 schließlich nur noch durchlöchert verabschiedete Kartellgesetz, auch zahlreiche Milliarden schwere Wahlgeschenke oder diverse von Erhard immerhin geschickt abgeschwächte Pakete zur Stimulierung der Konjunktur oder zwischenzeitliche Maßnahmenpakete, um diese zu dämpfen, seien genannt. Ein besonders übles Beispiel ist die  Zwangsabgabe der Konsumgüterindustrie an die Schwerindustrie in Höhe von 1 Mrd. D-Mark. Die Zahlung erfolgte erst im Sommer 1952 als der Engpass bei der Kohleproduktion bereits überwunden war.
Sonderinteressen wurden in den 50er Jahren durch einen „Kuchenauschuss“ bedient, der gezielt Wählergruppen oder wichtige Interessengruppen subventionierte. Mangelnder marktwirtschaftlicher Sachverstand paarte sich dort mit der Weigerung, die Herrschaft des Rechts allgemeiner Regeln durchzusetzen. Wie erforderlich das gewesen wäre, zeigt folgendes Beispiel: Der BDI-Vorsitzende Fritz Berg kommentierte in einer Debatte den Hinweis, dass zu viel Kohle abgebaut werde, schroff: „Dann scheiß ich auf die Marktwirtschaft“.

Mierzejewski spart nicht mit Urteilen. Manche erscheinen etwas vorschnell und pauschal, etwa zu Röpkes Ordnungskonzeption, aber auch Erhards Haltung bezüglich einer freien Marktwirtschaft bleibt undeutlich. Gleichwohl heben sich die Urteile des Professors für deutsche Geschichte an der North Texas University positiv vom Mainstream ab: Die Rentenreform von 1957 markiert für Mierzejewski das Ende der Sozialen Marktwirtschaft. Die Gründung des Gemeinsamen (europäischen) Marktes ist für ihn in Übereinstimmung mit Erhard ein interventionistischer Aufbruch in ein undemokratisches, bürokratisches Regime. In dem mangelnden Verständnis einer freien Marktwirtschaft bei der Masse der Deutschen sieht Mierzejewski den Schlüssel zur deutschen Nachkriegsgeschichte. So blieben Befürworter einer (per se) sozialen Marktwirtschaft letztlich Außenseiter, trotzt publizistischer Unterstützung durch die „Erhard-Brigade“.

Dabei strebte Ludwig Erhard eine menschenwürdige Gesellschaft an. Er wollte die Menschen von „der Tyrannei kleinlicher Beamter befreien.“ Schutz der Bürger vor der Knechtschaft der Bürokratie und Vermachtung durch private Institutionen, um „ihr Leben in Freiheit und Würde nach eigenem Ermessen gestalten zu können“ gingen Hand in Hand. Ziel war eine Gesellschaft freier Menschen, die aus freien Stücken ihre moralische Verantwortung gegenüber der Gesellschaft akzeptieren.

Der Leser erhält mit diesem Buch einen gut geschriebenen Überblick über die deutsche Wirtschaftsgeschichte der Nachkriegszeit bis zum Ende der 50er Jahre. Knapper behandelt wird Erhards Kanzlerschaft, die wenige Höhepunkte bot, einschließlich der Intrige um seine Absetzung. Die sich anschließende Zeit als unpolitischer Mensch wird nur gestreift. In seiner chronologischen Erzählung beschreibt Mierzejewski Ludwig Erhard als einen Normalbürger, der seinen kleinbürgerlichen, individualistischen Wurzeln treu blieb. Als sanftmütiger Mensch und Optimist ging es dem Franken stets um die Verbreitung freiheitlicher Ideen, dessen wichtigstes Vermächtnis seine Wirtschaftsphilosophie einschließlich des Fair Play-Gedanken sind.

Die Vorteile vieler angelsächsischer Wissenschaftspublikationen kennzeichnen auch die Erhard-Biographie: Sie ist gut lesbar, teilweise spannend geschrieben, und zugleich fundiert. Alfred Mierzejewskis Schilderung des Wegbereiters der Sozialen Marktwirtschaft wird zudem von einem inneren Kompass geleitet, dessen Nadel auf eine freie Marktwirtschaft als integralem Bestandteil einer freien Gesellschaft zeigt.
 
Michael von Prollius
 
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