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Last Knight of Liberalism (J. G. Hülsmann) PDF Drucken E-Mail
Freitag, 08. August 2008
CoverJörg Guido Hülsmann: Mises. The Last Knight of Liberalism, Ludwig von Mises Institute, Auburn 2007. ISBN 978 1 933550 18 3; 1143 S.; 43,00 USD.

Wer war Ludwig von Mises? Diese Frage können nur wenige Wissenschaftler, geschweige denn Politiker und Bürger im deutschen Sprachraum beantworten. Gründe, Ludwig von Mises (1881-1973) zu kennen, gibt es indes genug. Immerhin hat der österreichische Nationalökonom und Sozialphilosoph einen der bedeutendsten ökonomischen Artikel verfasst. In seinem Aufsatz „Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen“ (1920) wies Mises nach, dass rationale Wirtschaftsführung im Sozialismus mangels Privateigentum und Marktpreisen unmöglich ist. 70 Jahre später wurde dies eindrucksvoll bestätigt. Sein Hauptwerk „Nationalökonomie“ (1940), das 1949 in erweiterter Fassung unter dem Titel  „Human Action“ erschien, wurde trotz seines Umfangs und Anspruchs mit bisher über 500.000 verkauften Exemplaren zu einem wissenschaftlichen Bestseller. Diese Sozialphilosophie ist eine Art liberales Gegenstück zu „Das Kapital“ von Karl Marx.  Schließlich ließe sich anführen, dass Mises im 20. Jahrhundert den klassischen Liberalismus auf einzigartige Weise verkörperte: als Kopf der dritten Generation der „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“, als herausragender wirtschaftspolitischer Berater der österreichischen Regierung in den 1920er Jahren sowie Begründer einer „Mises-Schule“ und anti-etatistischen Graswurzelbewegung in den USA.

Zwischen der Bedeutung des Österreichers und der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Ludwig von Mises klafft eine Lücke. Einerseits ist es nicht übertrieben, Mises als Sozialtheoretiker in einem Atemzug mit Voltaire, Montesquieu, Tocqueville und John Stuart Mill zu nennen, wie dies sein Schüler, der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek trotz kritischer Distanz tat. In einem Nachruf urteilte Robert James Bidinotto, es sei schwer sich eine andere Person in der heutigen Zeit vorzustellen, die der Welt so viel gegeben habe und dennoch im Gegenzug so wenig belohnt worden sei. Andererseits ist sein Werk erst wenig erforscht. Nun hat Jörg Guido Hülsmann, Professor an der Universität d'Angers und Senior Fellow am privaten Mises Institut in Auburn, Alabama mit seiner über eintausend Seiten umfassenden Biographie eine Würdigung von Leben und insbesondere Werk des 1940 in die USA emigrierten Österreichers vorgelegt. Er schließt damit eine Forschungslücke; bisher gab es lediglich umfangreiche Essays, aber keine Biographie.[1] Zwar wächst das Interesse an der Österreichischen Schule [2], aber im Vergleich zu seinem Schüler Hayek haben Person und Werk weniger Beachtung gefunden. Die Gründe dafür sind vielfältig und haben sich auch auf den vorliegenden Band ausgewirkt. Erst Mitte der 1990er Jahre wurden in einem Moskauer Archiv wichtige Teile von Mises' Korrespondenz wieder entdeckt. Leider haben diese nur sehr begrenzt Eingang in Hülsmanns Arbeit gefunden, trotz in Auburn verfügbarer Kopien, wie Richard Ebeling in seiner kenntnisreichen Rezension im Independent Review konstatiert.[3] Außerdem ist Mises' Werk derart umfangreich, vielfach anspruchsvoll und hebt sich vom Mainstream ab – erwähnt seinen nur seine Praxeologie und Epistemologie –, dass insbesondere historische, profunde ideengeschichtliche und ökonomische Kenntnisse Voraussetzung für die Beschäftigung mit dem Manchester-Liberalen sind. In Deutschland fehlen dafür leider weitgehend die institutionellen Voraussetzungen.

Jörg Guido Hülsmanns chronologisch angelegte Biographie zeichnet sich durch Kenntnisreichtum aus. Erwähnt seien hier die historischen Einführungen und Einordnungen in die Ideengeschichte, für die das zweite Kapitel beispielhaft ist, mit einer Schilderung der Entwicklung der Österreichischen Schule von den spanischen Scholastikern über den neuzeitlichen Begründer Carl Menger sowie seine Nachfolger Eugen Böhm-Bawerk und Friedrich von Wieser.

Die sechs Abschnitte des Buches mit insgesamt 23 Kapitel entsprechen den Lebensabschnitten: „Young Ludwig“ zeichnet familiäre Wurzeln, Schul- und Universitätszeit bis 1907 nach. Hülsmann schildert wie Mises und seine Mitschüler in der intellektuell und kulturell goldenen Zeit des Habsburger Reiches nicht im standardisierten Schulbetrieb, sondern vielmehr in Wiener Cafe-Häusern ihren Wissensdurst durch gegenseitige Anregungen und Kritik stillen. Mit seinem berühmten Privatseminar sollte er diese Praxis bis ins hohe Alter fortführen. Mises wurde erklärtermaßen erst Weihnachten 1903 durch die Lektüre von Carl Mengers „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre“ vom Anhänger der Historischen Schule zum „Österreicher“ bekehrt. Stets sollte er seinen historischen Blick und daraus entwickelte Argumente beibehalten.
„The Austrian School“ verbindet die Kurzgeschichte der Menger-Schule mit Mises' schwierigem Start ins Berufsleben. Das Kapitel reicht bis zu seinem Durchbruch in der Handelskammer sowie als Nationalökonom mit seiner „spektakulären“ (S. 208) Habilitationsschrift „Theorie des Geldes und der Umlaufmittel“ (1912), die von Max Weber als „annehmbarste materiale Geldtheorie“ bezeichnet wurde.
„Officer, Gentleman, Scholar“ zeigt die eigentümlich Spannung in Mises Leben auf: von der Unterbrechung seiner Karriere durch den Ersten Weltkrieg, wo er sich als angesehener, hoch dekorierter Reserveoffizier an der Front bewährte, bis zur „kopernikanischen Wende“ (S. 369). Damit ist sein Aufsatz über die sozialistische Wirtschaftsrechnung und die umfassende Analyse des Sozialismus mit der Monographie „Die Gemeinwirtschaft“ (1922) gemeint. Mises führte in dieser umfassenden Systematik den Nachweis, das der Sozialismus ein intellektueller Irrtum ist, und beeinflusste eine Generation von Sozialwissenschaftlern in Richtung des klassischen Liberalismus. Zudem wird mit seiner Anti-Inflationskampagne vom Winter 1919 bis zur Geldstabilisierung 1922 einer der seltenen Fälle sichtbar, da die Politik Mises' Argumente hörte – auch im Deutschen Reich – und umsetzte.
In „Mises in his prime“ kehrt sich diese Entwicklung gleichsam um. Mises steht auf dem Höhepunkt seines bisherigen Lebensweges, als „Chef-Ökonom“ Österreichs, als Gründer des Instituts für Konjunkturforschung, finanziert von der Rockefellerstiftung, und wegen seines großen Ansehens im Verein für Sozialpolitik 1929/30. Mises Geld- und Konjunkturtheorie war die dominierende Theorie im deutschsprachigen Raum bis die John M. Keynes in Unkenntnis des Forschungsstandes die Oberhand gewann. Hülsmann urteilt, Mises, der Exzentriker von 1912, sei zum wissenschaftlichen Führer aufgestiegen. Die Nationalsozialisten setzt dieser Entwicklung ein jähes Ende und trieben den 53jährigen ins Schweizer Exil.
Nach nunmehr fast 700 Seiten folgt das Intermezzo „Mises in Geneva“, wo der Appellationsprofessor unter günstigen Arbeitsbedingungen sein Hauptwerk „Nationalökonomie“ vollendet. Der unglückliche Titel verstellt den Blick auf die darin enthaltene Sozialphilosophie, die einem konsequenten methodologischen Individualismus folgt. Durch einen mutmaßlichen Entführungsversuch bestärkt emigriert Mises erneut und erreicht mit seiner Frau auf abenteuerliche Weise New York im August 1940.
Das letzte und längste Kapitel „Mises in America“ schildert zunächst die bitteren Jahre als mittelloser Emigrant in New York. Für den 59jährigen berühmten Ökonomen gibt es keine (universitäre) Verwendung. Umso bemerkenswerter ist sein mühsamer Aufstieg im neuen Kulturraum. Nach einigen Jahren verfügt Mises als privat bezahlter Gastprofessor an der New York University erstmals über eigene akademische Schüler auf Basis seiner Lehre. Eine libertäre Bewegung gegen den Etatismus entsteht und erreicht ihren vorläufigen Höhepunkt 1958. Heute gehen Teile mit anarchokapitalistischen Zügen streckenweise  über die Lehre der „Österreichischen Schule“ hinaus.

Ludwig von Mises' Werk lässt sich als schonungslose Analyse der Ideen, die zur Verherrlichung des Staates führen, und des staatlichen Handelns bezeichnen. Mit seinem methodischen Ansatz untersuchte er, ob die gewählte Politik geeignet ist, anvisierte Ziele auch zu erreichen. Fast durchgängig kommt Mises zu dem Ergebnis, dass die politischen Mittel für die selbst gesteckten Zielen kontraproduktiv sind. Mises sieht die Aufgabe der Politik darauf beschränkt, Konflikte zu lösen.

Das Leben des prinzipientreuen Außenseiters besitzt, nicht nur an den selbst gesteckten Zielen gemessen, tragische Züge. Die Gründe treten in Hülsmanns Schilderungen nur teilweise zutage, darunter der ideengeschichtliche Zeitgeist und der für Mises unglückliche Lauf der Geschichte. Mises war, trotz vieler anziehender Eigenschaften, eine schwierige Persönlichkeit. Seine Starrheit und seine solide, aber bei weitem nicht glänzende Kommunikationsfähigkeit bildeten Wettbewerbsnachteile im Vergleich zu anderen herausragenden Intellektuellen seiner Zeit. Zudem konnte Mises fast zwei Jahrzehnte Forschung und Lehre nur zusätzlich zu seiner Vollzeittätigkeit in der Handelskammer durchführen.
 
Nicht nur in dieser Hinsicht ist es ein gravierender Mangel, dass Jörg Guido Hülsmann weitgehend darauf verzichtet hat, von der miseanischen Perspektive abzuweichen und systematisch Einschätzungen von Werk und Person durch Wegbegleiter und insbesondere Kontrahenten einfließen zu lassen. Andersdenkende werden vom erklärten großen Mises-Bewunderer gleichsam als Häretiker behandelt, darunter der Nobelpreisträger Hayek. Mises gerät im Lichte von Murray N. Rothbards Frühwerk gar zu einem (punktuellen) Etatisten. Die Abgrenzung vom interventionsfreudigeren Neoliberalismus kann auf den Leser einen obsessiven Eindruck machen. Dies gilt besonders, wenn New Deal und Neoliberalismus in einen Zusammenhang gestellt werden (S. 711) und für die Betrachtung von Wilhelm Röpke. Die Entwicklung des Vereins für Sozialpolitik bis 1932 ist ohne Berücksichtigung der „Ricardianer“ unzutreffend dargestellt. Hinzu kommen Versehen wie die deutsche Währungsreform von 1948 als Werk Ludwig Erhards und nicht der USA zu bezeichnen (S. 877).
Letztlich bewegt sich Hülsmann ganz im Fahrwasser von Mises, wenn er kontrafaktisch urteilt, ein früheres Erscheinen der „Nationalökonomie“ hätte Hayek und andere zur reinen Lehre des Laissez-faire-Liberalismus bekehrt. Hülsmann überschätzt Mises' Einfluss und die Bedeutung der reinen Vernunft gegenüber Traditionen und Instinkten hinsichtlich herrschender Ideen. Hayeks langfristige Strategie eines Elitenwandels und Röpkes soziologischer Ansatz waren vergleichsweise sehr erfolgreich.

Die Beschäftigung mit Mises' Werk stellt für die Sozialwissenschaften weit über die Ökonomie hinaus, aber nicht ohne ein Verständnis ihrer Bedeutung, eine fruchtbare Herausforderung dar. Dass der Preisprozess eine Realität kreiert, die anders nicht bekannt werden kann, geht auf Mises zurück. Außerdem kann die Österreichische Theorie anders als der Homo oeconomicus der (Neo)Klassik jede menschliche Handlung erklären (S. 598). Ob Kooperation statt Klassenkampf, die Rolle des Eigentums, Einheit von Renaissance, Aufklärung und klassischem Liberalismus, Integration des Feminismus in den Liberalismus oder Prognose und Erklärung der Weltwirtschaftskrise – Mises' Werk bietet nicht nur das jüngste geschlossene Gedankengebäude mit einem realistischen Zugang zu unserer Welt, sondern auch einen besonders fruchtbaren intellektuellen Apparat, um die Funktionsweise von Gesellschaften zu allen Zeiten und an allen Orten zu verstehen, wie es sein streckenweise spannend schreibender Biograph formuliert (S. 1049).


[1] Beispielhaft Israel M. Kirzner: Ludwig von Mises, The Man and his economics, Wilmington 2001.
[2] Siehe Carsten Pallas: Ludwig vom Mises als Pionier der modernen Geld- und Konjunkturtheorie, Marburg 2005.
[3] Siehe Richard M. Ebeling: The Life and Works of Ludwig von Mises, in: The Independent Review XIII (2008) 1, 99-109.
 
Quelle: In gekürzter Fassung erscheint diese Rezension von Michael von Prollius demnächst bei H-Soz-u-Kult.
 
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