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Kultur der Freiheit? (U. di Fabio) PDF Drucken E-Mail

CoverUdo di Fabio: Die Kultur der Freiheit, C.H. Beck Verlag, München 2005.
Ein fulminanter Titel, aber ordnungspolitisch kein großer Wurf! Ein kluges Buch, aber in seiner verwickelten Vielheit, Vagheit und gleichzeitigen konservativen Verbindlichkeit kein Masterplan für eine Kultur der Freiheit. Ein merkwürdiges Buch, das zunächst durch seine 17 Seiten Inhaltsverzeichnis und dann durch „intellektuelle Fingerübungen“ irritiert.

Die Kernthese ist gleichermaßen richtig wie bekannt: Ohne eine Wertbindung der Menschen, ohne eine Wertefundierung der offenen Gesellschaft kann Freiheit, und damit Marktwirtschaft und Demokratie, nur schwer aufrechterhalten werden – „Die Kultur der Freiheit entfaltet sich nur, wenn wir ihre lebendigen und das heißt im besten Sinne bürgerlichen Grundlagen wieder freilegen, ihren positiven Lebensentwurf stärker artikulieren.“ (S. 33). Wilhelm Röpke hatte bereits in den vierziger und fünfziger Jahren vehement für diese Auffassung gekämpft und die Entwurzelung der Menschen durch Vordringen von Sozialingenieurstum und der Entfremdung von der Natur angeprangert. Hier, in der Kritik von Entbürgerlichung, Rationalismusprimat und kulturellem Niedergang liegen die Stärken des im Kern konservativen Buches.

Der Richter des Bundsverfassungsgerichts fordert eine Neubestimmung der Gemeinschaften durch Wertschätzung und Förderung von Familie, Religion und Nation. Er wirbt für ein neues bürgerliches Zeitalter. Positiv hervorzuheben gilt es di Fabios kleine deutsche Nationalgeschichte („Die Identität der Deutschen im Banne ihrer Geschichte“), die er gegen den politisch korrekten linksintellektuellen Strich bürstet. Irritierend ist jedoch seine Nebenthese, die auf dem Cover abgedruckt ist: „Der Westen gerät in Gefahr, weil eine falsche Idee der Freiheit die Alltagsvernunft zerstört.“ Udo di Fabio prangert – zu Recht – die Verwerfungen an, die die 68er angerichtet haben. Sie jedoch wie den Irrweg des Sozialstaates in den Zusammenhang einer falschen, übersteigerten Idee der Freiheit zu stellen, ist angesichts des puren Sozialismus dieser Bewegung eine gefährliche Fehlinterpretation. Zudem irritiert di Fabios kritische Sicht des Marktes, der Ökonomisierung, der Vermischung von real existierendem Kapitalismus und erstrebenswertem Liberalismus verstanden als Verfassung der Freiheit. Diese antiliberale Sicht scheint immer wieder durch (S. 80, 122-132, 124 (!)). Udo di Fabio ist weder Sozialphilosoph noch Ökonom, sondern Jurist und Bildungsbürger. Das führt dazu, dass er wortgewaltig argumentiert, aber häufig an der Oberfläche haften bleibt. Mangels Prinzipien, mangels Vorwärtsgewandtheit, mangels  tiefer Verwurzelung in der Tradition, ja in der Kultur der Freiheit bleibt di Fabio eine kulturelle Ordnung der Freiheit schuldig.

Konservative können keine Alternative anbieten, zu der Richtung, in der wir uns bewegen. Sie befürworten die Mitte, den Kompromiss, aber Freiheit verträgt keine Kompromisse. Moralische Überzeugungen und Appelle allein werden Deutschland nicht aus der Krise führen. Die Kultur der Freiheit bleibt die zentrale Herausforderung.

Paul Kühn

 
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