| Die überstrapazierte Nation (H.-H. Gockel) |
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Das Buch will eine Bestandsaufnahme sein und den Ist-Zustand dieser Nation dokumentieren (S. 210). Suchen Sie eine unterhaltsame und populäre Darstellung der allgegenwärtigen Krisensymptome Deutschlands im Sat.1-Stil, dann sind Sie bei Hans-Hermann Gockel genau richtig. Die zahlreichen Politikerzitate vermitteln einen bemerkenswerten Einblick in den Ernst der Lage; hier noch einmal dokumentiert und kommentiert geraten sie nicht in Vergessenheit, wie es ihr eigentlicher Zweck ist. So wirkt die „Bilanz jahrzehntelanger Fehlentwicklungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“ Staatsgläubigkeit und Untertanentum entgegen. Hans-Hermann Gockel hat sich vermutlich die unhaltbaren Missstände, mit denen er in seiner täglichen Arbeit konfrontiert wird, von der Seele geschrieben. Erwähnt sei aber auch, was Sie nicht bekommen: etwas Neues. Die Fakten sind bekannt. Ob Deutschland noch zu retten ist oder scheitert, haben bereits Ökonomen und Historiker problematisiert. Überdies bleibt die Ursachenforschung oberflächlich. Dies führt immer wieder zu Missverständnissen und Fehlern, z.B. geht der Wirtschaft nicht die Arbeit aus (S. 48), sondern Arbeitsplätze sind in Deutschland nicht wettbewerbsfähig und ein echter Niedriglohnsektor kann innerhalb der aktuellen, politisch gewollten Rahmenordnung nicht entstehen. Außerdem wird Staatsvermögen nicht verscherbelt (S. 130), denn jeder Besitz des Staates beruht auf einem Verzicht des Volkes. Die liberalen Gründerväter der Bundesrepublik Deutschland, wie der Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft Alexander Rüstow, hatten es deshalb abgelehnt, dass der Staat selbst als Wirtschaftssubjekt in Erscheinung treten darf. Insofern steht das plakative Buch beispielhaft für den jahrzehntelangen Erosionsprozess des Verständnisses von Marktwirtschaft und Ordnungspolitik. Letztlich liefert Hans-Hermann Gockel uns also gute Gründe, den Verstand der Menschen in Deutschland zu „strapazieren“. Michael von Prollius |






