Startseite Zum Mitnehmen Bibliothek Für Sie gelesen Weniger Staat - mehr Mensch! (R. Sprenger)
Weniger Staat - mehr Mensch! (R. Sprenger) PDF Drucken E-Mail
Montag, 09. Oktober 2006

CoverReinhard K. Sprenger: Der dressierte Bürger. Warum wir weniger Staat und mehr Selbstvertrauen brauchen. 196 S., Campus Verlag, Frankfurt/ Main 2005

Reinhard K. Sprenger ist unserer Zeit voraus. Während Deutschland angesichts von Reformstau, Besitzstandwahrung und politischer Alternativlosigkeit wehleidig Nabelschau betreibt und Wissenschaft und Wirtschaft immer neue altbekannte Reformvorschläge zur Stabilisierung des über- und verkommenen bundesdeutschen Systems diskutieren, stellt der zum Philosoph gereifte Managementberater die Systemfrage. Mehr noch, er erklärt das bundesdeutsche System für gescheitert. Er fordert eine Neuordnung der Gesellschaft. Seine konkrete Utopie lautet: Freiheit. Sein Ausgangs- und Zielpunkt ist der Mensch – selbst bestimmt, selbst verantwortlich, selbst vertrauend. Ein Manifest der Freiheit! .

 

Für Diagnose und Therapie hat der profilierte Fachmann für Motivation, Führung und Vertrauen ein Eins-Drei-Eins-System gewählt: In Vorwort und Einleitung skizziert er sein Anliegen. Sprenger ist wegen permanenter Gängelung und allgegenwärtiger Erziehungsversuche zum Staatsfeind geworden. Dieser heute weithin unbekannte oder ignorierte Etatismus ist zugleich die Ursache für die deutsche Misere. Weil der Staat den Bürger entmündigt hat und der Bürger als Souverän abgedankt hat (S. 11), sind die Mentalitäten der Menschen – Herrscher wie Beherrschte – Problem und Lösungsansatz zugleich: „Es gibt keine Lösung ohne Entmachtung des Staates“. (S. 12) Es folgen drei erhellende und erschütternde Kapitel, die beschreiben und erklären wie es soweit kommen konnte. Ergebnis der Bestandsaufnahme im ersten Kapitel ist ein allgemeiner Verlust des Selbstvertrauens: „Uns geht es schlecht, weil wir so ängstlich sind; und wir sind so ängstlich, weil wir uns daran gewöhnt haben, gelenkt zu werden.“ (S. 26) Aufgeworfen wird damit zugleich die klassische Frage nach dem Verhältnis staatlicher Steuerung und individueller Freiheit. Eine Bereicherung ist der Perspektivwechsel des zweiten Kapitels mit der Frage „Wie schaut der Staat auf seine Bürger?“ (S.13) Das Resultat ist alarmierend! Einerseits prägt Misstrauen die Einstellung des Staates, also der Politiker und Bürokraten, gegenüber den Bürgern – „Dieser Staat misstraut der Freiheit, dem Aushandeln, der Selbstverantwortung.“ (S. 13), andererseits pflegen die Staatsdiener eine Selbstversorgungsmentalität, die wie das Misstrauen auch durch eine umfassende Steuerung abgesichert wird. Vortrefflich ist das dritte Kapitel „Kollateralschäden“, das den Hauptteil des Buches ausmacht und die Folgen staatlicher Lenkung untersucht. Die tiefe Ursachenforschung stützt sich auf ein Grundgerüst aus Systemtheorie, Sozialpsychologie und Verhaltensforschung. Das Ergebnis vermag nur Illiberale zu überraschen: Der Staat, respektive die Politik, ist nicht die Lösung, sondern das Problem! Hervorgehoben sei ein groteskes Beispiel des Staatsinterventionismus und seiner Rückkopplungsgeflechte, die „Schwanzprämie“ (S. 71f.). Nicht minder ätzend ist der zu Grunde liegende Mechanismus: „Der Staat beschäftigt sich zu 90 Prozent mit Problemen, die er selbst erzeugt hat.“ (S. 78) – stets geht Absicht vor Wirkung. In dieser Hinsicht wird Wissenschaftlern und Liberalen nicht viel Neues geboten. Deutlich wie selten zuvor wird jedoch, dass wir zwei verflochtene Probleme haben: ein Mentalitäts- oder Werteproblem und ein Steuerungsproblem, weil (zentral) gesteuert wird. Wir Bürger leben in einem Obrigkeitsstaat als Untertanen und Bittsteller, als Erfüllungsgehilfen fremder Absichten. Permanent sollen wir Dinge tun, die wir nicht wollen. Wir werden dressiert und verlernen die Fähigkeiten, “unabhängig vom Staat zu handeln“. (S. 99) Das Ergebnis lautet: Staats-, nicht Marktversagen, Effizienz- und Legitimitätslücke zwischen Staat und Mensch.

Gegen den „Lenkungstotalitarismus“ (S. 145) der Achse Berlin-Brüssel hilft nur eine Devise – nicht lenken. Die Therapie, immerhin ein knappes Viertel des Buches, skizziert den auf 15 Jahre (!) verkürzbaren Ausweg aus der nicht nur tiefen Wirtschafts-, sondern tatsächlich umfassenden Zivilisationskrise. Die Menschen müssen wieder ihr eigenes Leben führen dürfen. Notwendig sind Strukturreformen, also Verfassungsänderungen, und ein Mentalitätswechsel. Konkret nennt Sprenger u.a. einen Minimalstaat (äußerer Schutz, Erlassen und Sichern allgemeiner Regeln) mit föderalem Wettbewerb und Plebisziten, (10%) Flat tax und Streichen aller Subventionen, Separatismus bis hin zur Gemeindeebene zulassen, Abschaffen von Zwangsmaßnahmen wie Kündigungsschutz, Mindest-/ Höchsteinkommen oder Meisterzwang. Warum? „Der Bürger braucht in seiner übergroßen Mehrheit nicht geschützt zu werden; er ist kein potenzielles Opfer und kein zu förderndes Mängelwesen. Man kann ihm vertrauen… Was er braucht sind .. Herausforderungen, die ihn wecken …“ (S. 186)

Das alles klingt nach Utopie. Ist es auch, aber nur für dressierte Bürger. Wir brauchen weniger Staat und mehr Selbstvertrauen, nicht allein zur Überwindung der Wirtschaftskrise, sondern für unsere eigene Entwicklung und Entfaltung, um unsere gemeinsame Existenz auf Erden zu befreien, unserem Streben nach Glückseeligkeit bessere Chancen zu verleihen. Reinhard K. Sprenger stellt in seinen Arbeiten konsequent das Individuum, den Menschen in den Vordergrund. Nach nur fünf Jahren hat sein „Aufstand des Individuums“ in den Unternehmen eine Fortsetzung für die deutsche Gesellschaft gefunden. Sprenger bietet geistige Orientierung und praktische Hilfe – für jeden. Das Buch ist glänzend geschrieben, enthält viele prägnante Formeln (S. 51, 60ff., 88), Wortwitz (S. 52, 54, 142), Ironie (S. 56, 60, 64), zeigt geistige und sprachliche Verhunzung (Weil etwas nicht machbar ist, tue ich lieber etwas Falsches, S. 66, Schutz als Bevormundung, S. 108) wie verbreitetes Unwissen (Staat hat kein Geld, S. 122, Unternehmen zahlen keine Steuern, S. 164) auf. Zwar fehlt der Mikroebene angesichts der bruchstückhaft gebliebenen Ordnungskonzepte noch eine Entsprechung auf der so genannten Makroebene. Gleichwohl ist Sprenger Teil einer Bewegung, einer Art zweiter Aufklärung. Offenbar formiert sich der Widerstand der Freunde der Freiheit und gewinnt Anhänger. Von hier ist es nicht mehr weit bis zu einer Freiheitspartei und Bürgern mit Selbstvertrauen. Lesen Sie dieses Buch!

Michael von Prollius

 
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