Austrian Investing statt Mäuse managen Drucken
Geschrieben von: mvp   
Dienstag, 28. Oktober 2014

Rahim Taghizadeghan, Ronald Stöferle, Mark Valek: Österreichische Schule für Anleger. Austrian Investing zwischen Inflation und Deflation, Finanzbuchverlag, München 2014, 347 S., 24,99 Euro.

Balsam für die gehetzte Seele bietet der kompakte Theorie- und Praxis-Band für Anleger und Leser, die sich für tiefere Einsichten in das Finanzsystem interessieren. Die drei „Österreicher“ Rahim Taghizadegan (Institut für Wertewirtschaft, Wien), Ronald Stöferle (Incrementum AG, Liechtenstein) und Mark Valek (Incrementum AG, Liechtenstein) kombinieren philosophischen, ökonomischen und Investment-Sachverstand. Das Ergebnis ist ein zeitloses Standardwerk für Anleger aus der Perspektive der „Österreichischen Schule der Ökonomik“, die der aktuellen Gratwanderung zwischen Inflation und Deflation Augenmerk schenken möchten.

Der systematische Aufbau des Bandes ist eine Stärke; gerade für Unruhegeister unter den Lesern stellt diese Herausforderung im Falle einer Bewältigung die Alternative zu kurzfristig orientierten „Mäuse-Managern“ und Anlagegeheimtipps von Börsengurus dar. So steht am Anfang eine Erläuterung der Grundlagen, die die „Österreichische Schule“ nicht zuletzt für Anleger auszeichnet: Subjektivismus, Marginalismus, Individualismus und Realismus. Anschließend wird das heute dominierende Wohlstandsdogma erschüttert. Die eigenen und volkswirtschaftlichen Vermögensverhältnisse werden überschätzt – es wird zu wenig gespart, zu viel konsumiert, die Kapitalstrukturen sind verzerrt. Das Kapitel „Prognosen und Prophezeihungen“ bilanziert die treffenden Mustervorhersagen österreichischer Ökonomen – von Mises und Hayek über Hazlitt und Somary bis Baader, Schiff und Taleb.

Nach diesem Einstieg geht es ad fontes, zu den ordnungsökonomischen Grundlagen des Papiergeldzeitalters. Sachverständig, aus vorangehenden Publikationen und vielen Erörterungen in Seminaren schöpfend, werden die Elemente und Tektonik des heutigen Geldsystems erläutert, von der Frage was Geld ist über die Geldmenge bis zu den gleichzeitig wirkenden Kräften der Inflation und Deflation. Auch deren Folge, die durch den Geldsozialismus verzerrte Kapitalstruktur und die monetären Konjunkturzyklen werden eingehend analysiert. Stets bleiben die betrachteten Grundlagen nicht theoretisch abgehoben wie nicht nur die Abschnitte über den Cantillon-Effekt (der politisch-finanzielle Komplex gewinnt, Konsumenten und Sparer verlieren) und der Wolkenkratzer-Index belegen.

Mit diesem Handwerkszeug ausgestattet ist es den Autoren möglich, Szenarien aufzuzeigen. Dreien kommt eine herausgehobene Bedeutung zu: Hyperinflation versus Hyperdeflation, Stagflation und Finanzielle Repression mit Zwangsabgaben. Hier hätten zusammenfassende Übersichten etwa in Form von Indikatoren-Checklisten für noch mehr Mehrwert gesorgt.

Zu den Stärken des Buches zählt auch das vorletzte Kapitel zur „Österreichischen Anlagephilosophie“. Der Leser erhält hier das erforderliche Rüstzeug für seine Anlageentscheidungen, aber auch für ein wertvolles, sinnstiftendes Leben. Von der Moral des Sparens über Horten, Investieren und Konsumieren bis zum Stiften reichen die lebensnahen Ausführungen, die nie in die heute üblichen einfachen und bedrängenden Lifestyleempfehlungen abdriften. Dennoch werden die drei Anlage-Musketiere konkret: Ihre Portfolioempfehlung für nachhaltig angelegtes Vermögen lautet: 30% liquide Horte (Bargeld, klein gestückelte Edelmetallmünzen), 30% Prozent Kapital (Unternehmensbeteiligungen, Maschinen, Werkzeuge, vermietete Immobilien), 30% langlebige Konsumgüter (bewohnte Immobilie, Kunstgegenstände, hochwertige Gebrauchsgegenstände), 10% Stiftungen (Anteile an Unternehmungen für kulturelle, friedensstiftende, wissenschaftliche Zwecke).

Das abschließende Kapitel ist eine ausführliche, kompakte Erläuterung der „Österreichischen Anlagepraxis“. In ihrem Mittelpunkt stehen Investitionsmöglichkeiten wie Edelmetalle, Aktien, Anleihen und Wertpapierfonds sowie Investitionsanalysen.

Stets zeigen die Autoren auf, was sie können und was nicht möglich ist: Mustervorhersagen auf der Grundlage einer bewährten Theorie: ja, ein Blick in die Glaskugel zur Vorhersage der Zukunft: nein. Kompetente Bescheidenheit ist eine Tugend.

Das Vademecum für den Anleger der drei auch persönlich überzeugenden „Österreicher“ bietet einen unentbehrlichen Kompass und weiteres Handwerkszeug zum Navigieren in schwierigen Zeiten. Es sollte nachdenklich stimmen, einerseits wie sehr Wirtschaft und Gesellschaft von Wohlstandsillusionen durch- und zersetzt sind; es gilt Roland Baaders Diktum „Krankes Geld – kranke Welt“, für deren Zustand wir alle mitverantwortlich sind, andererseits im Sinne von besonnenem, fundierten Nachdenken.

Michael von Prollius