"Wohlfahrtsstaat – leb wohl!" Drucken
Geschrieben von: mvp   
Montag, 29. Juli 2013

Christoph Braunschweig: Wohlfahrtsstaat – leb wohl! Der wirtschaftliche und moralische Zerfall des Wohlfahrtsstaates, LIT Verlag (Politikwissenschaft Band 194), Berlin 2013, 317 S., 29,90 Euro. 

Nach „Die demokratische Krankheit“ hat Christoph Braunschweig, Professor an der staatlichen Wirtschaftsuniversität Jekatarinenburg in Russland, einen zweiten „Reader“ in Buchform zur „Wählerbestechungsdemokratie“ vorgelegt. Wie schon in seiner ersten positiv aufgenommen Krisenanalyse der Gegenwart argumentiert Braunschweig erneut, dass ein überzogener Wohlfahrtsstaat mit Überschuldung und Moralverfall einhergehe und auf einem verfehlten Geldwesen beruhe. Falsche Bildung(spolitik) und Religionsverlust würden zusammen mit anti-marktwirtschaftlichem Denken zum Verfall beitragen.

Der neue Band „ Wohlfahrtsstaat – leb wohl!“ ist in der Absicht verfasst, einen leseffizienten Überblick über die Hintergründe des fortschreitenden Niedergangs des Wohlfahrtsstaats aufzuzeigen. Zugleich sollen vielfältige Illusionen und Irrtümer der Wohlfahrtsgesellschaft entlarvt und die dahinter liegenden Denkrichtungen in der philosophischen Ideengeschichte offen gelegt werden.

Der Leser erhält zunächst einen publizistischen Überblick über den seinem Ende nahen Wohlfahrtsstaat. Pointiert wird, vielfach aus aktuellen Zeitungsartikeln, Blog-Beiträgen, Papern und Büchern kompiliert, die herrschende Kritik an den Defiziten des Wohlfahrtsstaates dargelegt. Die darauf folgende sehr umfangreiche, lexikonartige Aneinanderreihung namhafter Philosophen seit Beginn der Menschheitsgeschichte lässt zunächst nicht immer einen Bezug zum Thema Wohlfahrtsstaat erkennen. Das ändert sich naturgemäß mit Beginn der Neuzeit; schließlich werden Ökonomen der Gegenwart wie Buchanan und Hoppe vorgestellt. Mehrere Kapitel zum Liberalismus und seinen Schulen, zum Antiliberalismus und Anti-Kapitalismus, dem staatlichem Zwangsgeld sowie Fehlern der Mainstream-Ökonomie runden den Reader ab.

Als Kernaussagen lassen sich festhalten: Die Geschichte des Wohlfahrtsstaates ist die eines Verfalls. Das westliche Demokratiemodell steht zur Disposition. Im Streit zwischen Freiheit und Gleichheit seit der Antike wirkt der Kollektivismus amoralisch. Das „letzte Aufgebot“ der Politiker“ (A. Tögel) hat lediglich den Machterhalt im Sinn. Die Bologna-Bildung ist eine Kapitulation vor dem klassischen Ideal und führt tatsächlich zu einem Bildungsverlust. Eine fortschreitende Entchristlichung ist Teil des gesellschaftspolitischen Verfalls. Die „Wählerbestechungsdemokratie“ ist durch einen Verlust von Ethik und Moral sowie kollektive Unvernunft charakterisiert und läuft Gefahr eine politische Radikalisierung hervorzurufen.

Die Stärke des Bandes liegt erneut in der pointierten, teilweise auch polemischen Beschreibung, nicht aber in der Analyse. Für die angestrebte Leseeffizienz wäre eine stärkere Untergliederung hilfreich, da sich der Text mitunter ohne Absatz über zwei Seiten erstreckt. Für einen Reader ist der Band zu teuer. Freunde von „Die demokratische Krankheit“ werden mit „Wohlfahrtsstaat – leb wohl!“ erneut ein kräftiges Plädoyer für Marktwirtschaft und klassischen Liberalismus finden, die allein persönliche Freiheit und Massenwohlstand garantieren. Kritiker werden manche Thesen, die in liberalen Kreisen als selbstverständlich gelten, auch mangels solider empirischer Fundierung als ideologische Sicht monieren.

Michael von Prollius