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Assoziative Ökonomik - Rudolf Steiner reloaded PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: mvp   
Freitag, 20. Juli 2012

Christopher Houghton Budd: Finance at the threshold. Rethinking the real and financial economies, Gower Publishing Limited, Farnham 2011, 239 S., 78,99 Euro.

Die Finanzkrise hat das vorläufige Ende eines Irrwegs erreicht. Nicht nur Querdenker wie Christopher Houghton Budd haben erkannt, dass es sich um eine Sackgasse handelt. Einig sind sich vom Mainstream in Wissenschaft und Politik abweichende unabhängige Denker darin, dass nur eine Umkehr aus der Sackgasse führt. Während sich ihre Analysen ähneln, unterscheiden sich die Lösungsansätze teilweise diametral. Das mag der exemplarische Hinweis auf drei unterschiedliche monetäre „Schulen“ andeuten: Anhänger von Friedrich August von Hayek (Wettbewerbswährungen), von Silvio Gesell (Freigeld) und von Rudolf Steiner. Ursache ist das divergierende Verständnis von Ökonomik im allgemeinen und Geldtheorie im besonderen.

Der selbständige britische Wirtschaftshistoriker Christopher Houghton Budd hat eine durchweg unkonventionell anmutende Analyse und Therapie der Finanzkrise vorgelegt. Das ist wesentlich seinem methodischen Ansatz geschuldet: „assoziative Ökonomik“. Methodischer und inhaltlicher Bezugspunkt sind seine langjährigen Studien von Beiträgen des Anthroposophen Rudolf Steiner zur Ökonomie.

In dreizehn Kapiteln, die in vier Teile gegliedert sind, analysiert der Direktor des Centre for Associative Economics zunächst die Finanzkrise bis zum Jahr 2009, in dem die Studie abgeschlossen wurde. Nach dieser knappen Hälfte des Bandes schließt sich die Beschreibung der Gesellschaftskonzeption und monetären Analyse von Rudolf Steiner an. Der dritte Teil umfasst insbesondere Überlegungen zur Entwicklung des Finanzsystems im 20. Jahrhundert und der Keynes-Friedman-Kontroverse. Daraus abgeleitet wird im Schlussteil ein methodisch-inhaltlicher Ausweg aus der Krise von Ökonomie und Finanzsystem.

Sprache, Gedankenführung und vielfache Inkompatibilität mit herkömmlicher Ökonomik machen den assoziativen Ansatz kaum intuitiv verständlich. In Anbetracht dessen lassen sich folgende zentrale Aussagen machen: Die Weltwirtschaft stelle inzwischen eine ökonomische Einheit dar. (Seit) 2007 stehe die Welt an einer Schwelle: volkswirtschaftlich das Finanzsystem, betriebswirtschaftlich die Unternehmensführung insbesondere im Finanzsektor, schließlich grundsätzlich die Wirtschaftswissenschaft in methodischer und epistemologischer Hinsicht. Die Finanzkrise sei eine Krise überschüssigen Kapitals. Könne Kapital auch an etwas anderes gebunden werden als Immobilien und Aktienmärkte, fragt Christopher Houghton Budd, ohne dass es zu einem globalen Zusammenbruch der Wirtschaft komme. Als Lösung sieht er eine Art Umverteilung an die junge Generation vor – auf zweierlei Weise: „super-produktive Vermögenswerte“ wie Schulen und „hyper-produktive Vermögenswerte“ wie Bildung. Der erforderliche Ideenwandel werde eine Generation der Umerziehung benötigen. Erforderlich sei zudem eine Weltwährung und eine neue Art der Kostenrechnung. Dazu sei eine Trennung von Geld, das Güter repräsentiert, und Geld, das Kreativität und dergleichen repräsentiert (das eigentliche Kapital), erforderlich. Zu viel Kapital gehe mit zu viel unausgesprochenen Bestrebungen im sozialen Leben einher. Solange diese Verbindung nicht erkannt werde, suche sich Kapital stattdessen Immobilien als Anlage. Die Lösung, die erwähnte Bindung an die Jugend, erfordere nicht nur Bildung, sondern auch eine andere Erfahrung im Umgang mit und ein gewandeltes Verständnis von Geld, etwa durch entsprechende Angebote von Bankkonten.

Christopher Houghton Budd konstatiert zu Beginn von Kapitel 7: „For whatever reason, Rudolf Steiner's ideas enjoyed little oder no reception.“ (S. 153) Die Gründe für die Ablehnung liegen auf der Hand. Sie lassen sich auf die bekannte Formel bringen, dass das, was gut ist, nicht neu ist, und das was neu ist, nicht gut. Verdeutlichen kann das eine wissenschaftliche Position, die sich klar vom herrschenden neoklassisch-keynesianischen Mainstream unterscheidet, die Österreichische Schule der Ökonomie. Dann wird deutlich, dass Ökonomie nicht erst mit Adam Smith beginnt (S. XV), sondern mit den spanischen Scholastikern gut zwei Jahrhunderte zuvor. Auch die Überschrift von Kapitel 1 „Why Nobody Saw It Coming“ trifft nicht zu: Zahlreiche Ökonomen, darunter viele „Österreicher“, haben teilweise Jahre vor Ausbruch der Krise gewarnt und wurden dafür kritisiert. Schließlich ist die den gesamten Band durchziehende Kritik an der Neoklassik zwar wohlfeil, aber hinlänglich bekannt.

Irritierend wirkt der wiederholt benutzte, widersprüchliche Argumentationsstil: Zunächst wird beispielsweise die Arbeitswertlehre zurecht kritisiert, anschließend aber en passent rehabilitiert, wenn der Wert von Kultur nicht durch den Markt, sondern die Produktivität der Inspiration oder die Erleichterung vom Stress bestimmt werden soll (S. 115).

Geschichtswissenschaftlich zweifelhaft ist die unter dem Eindruck der Ereignisse vorgenommene Zäsur: Das Jahr 2007 mag als Schwellenjahr erscheinen, wenn auch zentrale Krisenursachen bis in die 70er Jahre zurückreichen (Community Reinvestment Act), aber 2009 markiert gerade nicht das Ende der Finanzkrise, sondern nur ein künstliches Zwischenhoch infolge der Politik billigen Geldes und umfangreicher Konjunkturprogramme. Die anschließende aktuelle zweite Phase der Schuldenkrise wurde ebenfalls von „Österreichern“ prognostiziert.

Vor diesem Hintergrund erscheinen wirtschaftswissenschaftliche Zweifel angebracht, dass die eigentliche Ursache, nämlich das staatliche Geldmonopol mit den Zentralbanken und ihrem „Transmissionsriemen“, den Geschäftsbanken, die Kreditgeld schöpfen, die von Christopher Houghton Bud verfolgte Lösung auf globaler Ebene sein kann – zumindest nicht in Form eines „Fiat Money“-Standards. Nicht nachvollziehbar erscheint, warum Geld kein Gut sein soll und wieso Preise eine separates Aggregat bilden sollen. (S. 102f.) Hier zeigen sich grundsätzliche Missverständnisse über die Funktionsweise einer Marktwirtschaft, die als ein dynamischer Prozess von Entdeckungen und Entscheidungen verstanden werden kann, nicht aber als Vehikel für Sonderinteressengruppen wie die Jugend.

Hier offenbart sich die folgenschwere Allianz zwischen assoziativer Ökonomie und Keynesianismus: das Denken in Aggregaten und die Machbarkeit einer Wirtschaft. Zwar fordert der Steiner-Forscher eine Metamorphose des Kapitalismus, „that … has to pass through the individual's own awareness and behaviour.“ (S. 55) Aber der Einzelne und seine handlungsleitenden Bedürfnisse fehlen in dem unkonventionellen Ansatz ebenso wie die zentrale Rolle des Unternehmers.

Ein Manko assoziativer Methoden ist ihre ekklektizistische Beliebig- und Vieldeutigkeit. Ein Paradebeispiel ist Oswald Spengler. Was bedeutet es, wenn der moderne Kapitalismus als adoleszente Phase der Entwicklung (S. 55) beschrieben wird oder Finance der Entwicklung unserer Kultur voraus sei (S. 84) Gravierender ist jedoch der abschließende Einwand: Ein assoziatives „Rethinking the Real and Financial Economics“ trägt entgegen bekundeter bester Absichten kollektivistische und etatistische Züge. Die Ideen des Experten müssten nur gehört werden, damit es der Menschheit besser geht. Zugleich bleibt jedoch das zentrale „Coordination Problem“ (Israel Kirzner) allen Wirtschaftens ungelöst. Welche Folgen hat ein solcher Denkansatz für Konsumenten und Investoren: Die Funktion von Geld müsse „fortwährend korrigiert werden“, Geld dürfe nicht in einer wilden, ungeführten Weise benutzt werden und es müsse „Intelligenz in den Prozess“ gebracht werden, wenn in einer Volkswirtschaft eine desaströser Punkt erreicht werde „hinsichtlich eines Preises einer oder einer anderen Sache, die benötigt wird“. (alles Rudolf Steiner S. 87)

Diese Therapie führt in wohlmeinender Absicht vielleicht aus der Sackgasse, droht aber in einem „langen Marsch“ und einem Kulturkampf zu münden.

Michael von Prollius


Quelle: erschienen in Bankhistorisches Archiv 38 (2012), Heft 1.

 
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