Startseite Zum Mitnehmen Bibliothek Für Sie gelesen Die Krise der Nationalökonomie in der Weimarer Republik
Die Krise der Nationalökonomie in der Weimarer Republik PDF Drucken E-Mail
Samstag, 26. Mai 2012

Roman Köster: Die Wissenschaft der Außenseiter. Die Krise der Nationalökonomie in der Weimarer Republik, Vandenhoeck & Ruprecht, 364 S., 56,95 Euro.

Krisen gehören zum Alltag und werden konstruiert. Allerdings ist es schwer, Krisen und Alltag abzugrenzen, weil Alltag oder Normalität kein statischer Zustand ist. Die Nationalökonomen der Weimarer Republik scheiterten an dem, was der Soziologe Gerhard Schulze als „Normalitätstheorie“ bezeichnet hat, an einer tragfähigen Erklärung alltäglicher Entwicklungen. Darüber hinaus mangelte es ihnen an methodischen Fertigkeiten, insbesondere kritischer Selbstbeobachtung und der Akzeptanz, dass es nur Vermutungswissen gibt. Infolgedessen änderten die Debatten der 20er Jahre wenig, wie Roman Köster resümiert: „Insgesamt befand sich die die Nationalökonomie der Weimarer Republik nach dem Krieg in einer Situation der existentiellen Verunsicherung und Orientierungslosigkeit.“ (S. 312)

Der in Frankfurt mit dieser Arbeit promovierte Münchener Historiker ging mit Blick auf die deutschsprachige akademische Nationalökonomie von 1918 bis 1933 der Frage nach, „warum das Fach nach dem Ersten Weltkrieg in eine Krise geriet, wie diese Krise sich äußerte und warum sie während der gesamten Zeit der Weimarer Republik nicht überwunden werden konnte.“ (S. 15) In seiner vielschichtigen, materialreichen Untersuchung kommt Roman Köster zu differenzierten Antworten, die sich wie folgt zusammenfassen lassen: 1. Eine Vermittlung zwischen den sich bekämpfenden Schulen war nicht möglich. Erkenntnisunsicherheit und Ratlosigkeit angesichts praktischer gegenwärtiger Problemen trafen auf inkompatible Systementwürfe; zugleich weigerten sich die Kontrahenten, die Differenz zwischen Beobachter und Wirklichkeit zu überbrücken – Krisenlernen wurde verhindert. 2. Nach der Historischer Schule bestand ein Methodisch-theoretisches Vakuum bei veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. 3. Der Krise staatlicher und wirtschaftlicher Ordnung begegnete die Nationalökonomie mit einem Totalerklärungsanspruch, weil die Wirtschaft nur auf Grundlage einer umfassenden Gesellschaftstheorie erklärbar schien. Dieser per se unerfüllbare Anspruch wurde auch von außen an sie gerichtet. 4. Die Kontrahenten verhedderten sich in methodisch-theoretischen Gefechten, deren Schärfe durch empfindliche Angriffe auf epistemologische Fundamente zunahm. Die Krise war eine Methodendebatte mit dem Ergebnis, dass es keine universelle Methode mit Alleinerklärungsanspruch gab. Folglich musste immer wieder neu angesetzt werden, bei permanenter Begründungsnotwendigkeit eigener Standpunkte. Insofern war die Lage der Disziplin in den fünfziger Jahren weitgehend unverändert im Vergleich zu 1918 und die Krise ein „langer, schmerzlicher Übergangsprozess“ zum neoklassisch-keynesianischem Paradigma.

Zusammengefasst zeigt Roman Kösters disziplingeschichtliche Ursachenforschung anschaulich die selbst erkannte, inszenierte Zerstrittenheit und das Nebeneinander verschiedener Schulen, Richtungen und Strömungen sowie die mangelnde Verbindung von Theorie und Praxis in einer Zeit grundlegenden gesellschaftlichen Wandels, mit der sich die Disziplin intensiv auseinandersetzte.

Die Untersuchung gliedert sich schlüssig in sieben Kapitel: 1. Niedergangsgeschichte der Historischen Schule, 2. Insitutionengeschichte der Nationalökonomie, 3. Neubegründung der Nationalökonomie nach dem Ersten Weltkrieg, damit verbunden 4. breite Methodendiskussion, 5. Krisenbeiträge von drei „soziologischen“ Nationalökonomen, 6. Aufstieg und Scheitern der Konjunkturtheorie, 7. Kartell- und Monopoldiskussion. Hervorgehoben sei, auch aufgrund der aktuellen Bezüge, die prägnant geschilderte wiederbelebte Konjunkturtheorie-Debatte. Es lässt sich streiten, ob sie wegen der Weltwirtschaftskrise als gescheitert angesehen werden muss, zumindest als geschlossene Theorie erscheint das zutreffend.

Während Schumpeter regelmäßig (zeitgenössisch vertretbar) als Orientierung dient, bleiben Seitenhiebe auf die Österreichische Schule, vor allem auf den angeblich stets schlecht gelaunten Mises überflüssig. Hingewiesen sei darauf, dass die „Österreicher“ im Zuge der Debatten selbst erkannten, gerade keine Neoklassiker des statischen Gleichgewichts zu sein. Bemerkenswert bleiben eine Reihe Aspekte und Einzelbewertungen, darunter dass Hayeks „erzwungenes Sparen“ schon von Marie Hirsch skizziert wurde (S. 247).

Roman Kösters schließt seine von Werner Plumpe betreute Arbeit mit dem treffenden Hinweis Luhmanns, paradigmatische Einheit sei keineswegs ein Beleg für Reife. Die Rezension schließt mit der Bemerkung, Ideengeschichte in der von Roman Köster dargeboten Weise ist spannend und stellt eine wichtige Voraussetzung auch für aktuelle Erkenntnisfortschritte der Disziplin dar. Insofern ist die Krise der Weimarer Nationalökonomie eine Chance, die Lektüre allemal.

Michael von Prollius

Quelle: Langfassung einer Rezension, die in der Historischen Zeitschrift erscheint.

 
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