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Wirtschaftsgeschichte des Kaiserreichs PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: mvp   
Donnerstag, 26. April 2012

Die Wirtschaftsgeschichte des Kaiserreichs von Carsten Burhop, Professor am Seminar für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte der Universität zu Köln, zeigt wie sich Deutschland vom rückständigen Agrarstaat zu einem wirtschaftlich modernen und politisch-gesellschaftlich vorrevolutionären Staat wandelte. Im Mittelpunkt stehen die „zahlreichen kleinen Wendungen und Bewegungen der Gesamtwirtschaft, der Wirtschaftspolitik und der in der Wirtschaft handelnden Unternehmen und Menschen.“ (S. 11)

Mit seinem volkswirtschaftlich fundierten Band folgt Carsten Burhop in dreizehn thematischen Kapiteln einem traditionellen Ansatz. Zwischen knapp gehaltener Einleitung und Schluss wird zunächst in „Politik, Gesellschaft und Verfassung“ die gesellschaftspolitische Lage des Kaiserreichs und zuletzt sinnvollerweise die Kriegswirtschaftsgeschichte als „integraler Bestandteil des Kaiserreiches“ (S. 13) skizziert. Dazwischen liegen zehn thematische Kapitel, die sich in drei Teile zu je drei Kapiteln zusammenfassen lassen.

1. Die Entwicklung des Sozialprodukts umfasst Produktion und Konsum, d.h. das Wirtschaftswachstum aus nationaler und internationaler Perspektive sowie die Konjunktur.

2. Die Analyse der Wirtschaftspolitik konzentriert sich auf Fiskal-, Außenhandels- und Zoll sowie Geld und Währungspolitik, sie bietet zugleich einen Einblick in die Ordnung der Wirtschaft.

3. Unternehmen und Märkte werden mit Schwerpunkt auf Grußunternehmen, Konzentration und Kartellierung sowie Banken und Finanzmärkte dargestellt.

In Anlehnung an und Abgrenzung zu Knut Borchardt legt Carsten Burhop sein Hauptaugenmerk auf gesamtwirtschaftliche Prozesse, er betont Wachstum statt Krisen und konzentriert sich stärker auf unternehmenshistorische Aspekte statt Strukturwandel und Branchenentwicklung. Leider fehlen Schilderungen wirtschaftspolitischer Debatten wie etwa bei Heike Knortz im chronologisch anschließenden UTB-Band über die Wirtschaftsgeschichte der Weimarer Republik. Dafür seien – auch aus aktuellem Anlass – der instruktive Abschnitt über die Geld- und Währungspolitik sowie die Schilderung des Bankwesens empfohlen. Außerdem lässt Carsten Burhop eigene Forschungsergebnisse einfließen, darunter einen neuen Index zur Industrieproduktion. Dessen Auswertung ergibt: „Das „Produktivitätswachstum innerhalb der Sektoren ist wesentlich wichtiger als der Strukturwandel.“ 80 Prozent des Anstiegs der Arbeitsproduktivität zwischen 1871 und 1913 gehen demnach auf das intra-sektorielle Wachstum der Arbeitsproduktivität zurück. Der Erste Weltkrieg habe die wirtschaftliche Leistung einer ganzen Generation vernichtet. Dennoch sei der durchschnittliche Bewohner des Kaiserreiches wohlhabender als zur Reichsgründung gewesen.

Hinsichtlich der Arbeitsproduktivität habe Deutschland zu Großbritannien aufgeschlossen, in den USA wurde am kapitalintensivsten produziert. Konkurrenzfähig sei Deutschland bis zum Ersten Weltkrieg vorwiegend durch niedrigere Industrielöhne geblieben. Den über Außenhandel und Weltwährungssystem eng integrierten internationalen Konjunkturzyklus teilt Burhop in sechs Zyklen ein, deren Datierung statistisch uneindeutig bleibe.

Enthalten ist auch ein Blick auf das entstehende Management, Angestellte als „Privat-Beamte“ und die Lebenssituation der Arbeiter. Allerdings bleiben sozialgeschichtliche Aspekte weitgehend ausgeblendet. Die Stärken des Bandes liegen in den Bereichen Gesamtwirtschaft und Finanzsektor.

Die Kapitel werden regelmäßig mit volks-, teilweise auch betriebswirtschaftlichen Theorieerläuterungen eingeleitet. Das bewährt sich, ist allerdings nicht immer plausibel: Der positive Effekt von Zollschutzmauern ist lediglich ein Mythos, sobald man Konsumenten wie Steuerzahler einbezieht. Der Hinweis auf junge Industrien trägt nicht, da alle zukünftig profitablen Industrien eine adäquate private Finanzierung benötigen. Burhops treffende Kritik am ineffizienten Agrarsektor, dessen Anpassung durch Schutzzölle zusätzlich behindert wurde, unterstreicht dies.

Eine Strukturierung des Textes mit Überschriftenfeldern und Textboxen würde zusätzlich zu Schaubildern und Tabellen einen angenehmes Lesen ermöglichen. Ungeachtet dessen liegt eine lesenswerte ökonomische Darstellung zur Wirtschaftsgeschichte des Kaiserreichs vor, die eine schnelle thematische Orientierung für Studienanfänger und Interessierte auch außerhalb der Wissenschaft bietet.

Berlin Michael von Prollius


Rezension von: Carsten Burhop, Wirtschaftsgeschichte des Kaiserreichs 1871 - 1918. (UTB Geschichte), Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht, 2011, 236 S., 16,90 € ist in leicht gekürzter Fassung erschienen in: Historische Zeitschrift 294 (2012), 550f.

 
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