Armut überwinden PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: mvp   
Samstag, 15. Oktober 2011

Hans-Gert Braun: Armut überwinden durch Soziale Marktwirtschaft und Mittlere Technologie. Ein Strategieentwurf für Entwicklungsländer, LIT Verlag, Berlin 2010, 296 S., 39,90 Euro.

Die Überwindung von Armut zählt zu den großen Herausforderungen der Menschheit. Zugleich geht es den Menschen – wie auch der Umwelt – kontinuierlich besser, allen Schreckensmeldungen zum Trotz. Das gilt insbesondere dort, wo die Marktwirtschaft Fuss fassen kann. Zwar beanspruchen Politiker und Regierungen genauso wie Vertreter von Nichtregierungsorganisationen die Überwindung der Armut als ihre Aufgabe. Allerdings ermöglicht allein die Marktwirtschaft mehr Wohlstand, andere Institutionen wie der Staat können lediglich Rahmenbedingungen zum Guten wie zum Schlechten ändern und Entwicklungsstrategien verfolgen.

Hier setzt Hans-Gert Braun, Emeritus der Universität Stuttgart, mit der Synthese seines Lebenswerks an: „Dieses Buch will Reformen – sowohl der nationalen Entwicklungsstrategie und Entwicklungspolitik von Entwicklungsländern als auch der ausländischen Entwicklungshilfepolitik.“ Ausdrückliches Ziel der Publikation ist es, der Politik zu helfen. Der Titel des Bandes ist Programm: „Armut überwinden durch Soziale Marktwirtschaft und Mittlere Technologie“. Der ehemalige Leiter der Entwicklungsländerforschung des ifo-Instituts beabsichtigt nicht weniger als Wohlstand für alle zu schaffen. Dazu soll die Politik die geeigneten Rahmenbedingungen durchsetzen, durch Etablierung einer Sozialen Marktwirtschaft unter Beachtung ihre konstituierenden Prinzipien, und eine Technologiepolitik betreiben, die auf Vollbeschäftigung ausgerichtet ist. Die Kurzformel dafür lautet „beschäftigungsorientierte Entwicklungspolitik“. Als Erfolgsbeispiel dient unter anderem Singapur.

Hans-Gert Brauns Strategie erfordert einen Paradigmenwechsel. Zunächst sollen alle wirtschaftspolitischen Maßnamen der Vollbeschäftigung untergeordnet werden. Es muss ein dauerhafter, nachhaltiger und die Gesamtwirtschaft erfassender Entwicklungsprozess ins Leben gerufen werden, der ohne Hilfe von außen auskommt. Dazu soll der Staat eine wirtschaftliche Infrastruktur schaffen und systematisch ausreichend Einnahmen erzielen. Nicht Spitzen-, sondern Mittlere Technologie sei der Erfolgsschlüssel, also die Technik, die in Deutschland vor rund 50 Jahren „state of the art“ war. Weniger Kapitalintensität sei zumeist gefordert, die im Land eingesetzte Technologie müsse der Faktorausstattung angepasst werden. Der Aufbau eines entsprechenden Finanzsektors, bei dem Ausländische Direktinvestitionen eine unterstützende Rolle zugemessen bekommen, weil der Selbsthilfe auch hier ein Primat zukommt, sei ebenfalls von großer, zumeist unterschätzter Bedeutung. Erst in einer zweiten Phase geht es um Produktivitätssteigerungen und Wachstumsorientierung.

Der langjährige Direktor und Chefvolkswirt einer internationalen Entwicklungsbank hat stets sowohl eine kurz- als auch eine langfristige Perspektive im Blick. Seine sorgfältig durchdachte Strategie legt Hans-Gert Brauns in drei großen Teilen mit insgesamt 13 Kapiteln vor:

  • „Nationale Entwicklungsstrategie“ umfasst Herausforderungen und das innovative Modell selbst.

  • „Nationale Entwicklungspolitik“ enthält die erforderlichen politischen Maßnahmen in den Bereichen Infrastruktur, Landwirtschaft, Gewerbe und Industrie, Technologie und Finanzen.

  • „Internationale Entwicklungszusammenarbeit“ unterzieht die bisherige Praxis einer kritischen Prüfung und zeigt eine totalreformierte Alternative auf.

Die Strategie erscheint sehr erfolgversprechend. Sie hat sich in der Vergangenheit in ähnlicher Form als geeignet erwiesen. Das Buch ist zudem mit seiner klaren Argumentationsführung und hilfreichen Zusammenfassungen („Quintessenz“) geeignet, die anvisierte Zielgruppe zu erreichen. Dennoch kommt bei der Lektüre ein mulmiges Gefühl auf.

Hans-Gert Braun bezeichnet seinen Ansatz als liberal. Ein Mises-Zitat gleich zu Beginn und zahlreiche Hinweise auf Prinzipien wie Subsidiarität bestätigen zunächst diesen Eindruck. Zugleich entstehen Zweifel mit Blick auf manches andere vorangestellte Zitat, besonders Erhard Epplers mythisch anmutende Verklärung des NS-Autbahnbaus, der nun nachweislich gerade nicht Ursache der Krisenüberwindung war. Es gibt einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Beschäftigung, die jeder schaffen kann, etwa das keynesianische Löcher schaufeln, und Arbeit, die echten Wohlstand schafft. Auch die scheinbare Begeisterung für Großprojekte wie Chandigarh – eine Retortenstadt ähnlich wie Brasilia – weckt Zweifel. Hier scheint für konsequente Liberale die Anmaßung großer Männer durch, die es besser wissen als die dezentrale Koordination von Millionen Menschen. Unweigerlich stellt sich die Frage nach „Maß und Mitte“ im Sinne von Wilhelm Röpke und dem „Ende der Großen“ nach Leopold Kohr. Erfolgreich mag das Vorgeschlagene im Einzelfall sein. Liberal ist es nicht. Die Marktwirtschaft ist ein dynamischer Prozess von Entdeckungen und Entscheidungen, kein zentral geplantes und koordiniertes Top Down Entwicklungsprojekt.

Irritierend wirkt es, wenn Hans-Gert Braun die herausragende Leistungsfähigkeit von (Entwicklungs)Diktatoren benennt, nicht zuletzt hinsichtlich der Effizienz und Durchsetzungsfähigkeit, und das autoritäre Singapur zu einem Vorbild für Entwicklungspolitik wird, zumal in Zeiten eines zunehmenden EU-Zentrismus. Das gilt auch für vermeintlich notwendiges oder erfolgreiches anti-marktwirtschaftliches Regierungshandeln darunter Protektionismus und Entwicklungszölle, Preismanipulationen in der Landwirtschaft (administrierte "Mindestpreise") oder ein Technologieinstitut, das eine Art unternehmerische Entdeckungs- und Vermittlungsfunktion übernehmen soll. Leider fehlt auch die Kritik an Steueroasen und der Hinweis auf den vermeintlichen Arbeitgeberanteil nicht. Leider haben sich Mikrokredite auch nicht als marktwirtschaftliches Mittel erwiesen.

Erich Weede („The Capitalist Peace“) hat aufgezeigt, dass empirisch keine Zweifel daran bestehen, dass wirtschaftlich freie Staaten wohlhabender sind als unfreie. Zugleich existiere kein glaubwürdiges Argument für die Behauptung, Kapitalismus oder Globalisierung, Freihandel oder Auslandsinvestitionen würden weniger entwickelten Ländern oder deren armen Schichten Schaden zufügen. Wirtschaftliche Öffnung sei zugleich der Gegenpol zu Krieg und gesellschaftlicher Gewalt.

Bei Hans-Gert Braun kommen dem Staat umfassende Aufgaben zu: fördern, entwickeln, abschotten, schützen, unternehmerisch tätig sein. Es liegt nahe, dass hier ein Überschätzung der Regierungen und ihrer Administrationen vorliegt. In einem Buch, das für die Politikberatung konzipiert ist, mag dieser Vorwurf billig erscheinen. Zugleich haben Berit Bliesemann de Guevara und Florian P. Kühn mit „Illusion Statebuilding. Warum sich der westliche Staat so schwer exportieren lässt“ auf zahllose, kaum überwindbare Hürden hingewiesen. Und von der Public Choice Theorie wissen wir um den Mythos des starken Staates, von der Überschätzung der Politik und der Regierungen, die einfach nur das Ideale tun müssten, es aus vielerlei Gründen aber nicht tun, zumal sie entsprechende Anreize für ihr vom Gemeinwohl abweichendes Handeln haben. Diktatoren verfolgen selten das Interesse der Bevölkerung, geschweige denn der Konsumenten, und sie sind schwer loszuwerden. So gibt es einer aktuellen VN-Studie zufolge zwar die höchsten Wachstumsraten in Diktaturen. Der Schluss, eine wirtschaftliche Entwicklung müsse auf autoritäre Weise erfolgen, geht allerdings fehl. 90% der autoritären Regime versagen wirtschaftlich vielfach kläglich.

Vor diesem Hintergrund wirft die Empfehlung einer letztlich autoritär gelenkten Entwicklung mit marktwirtschaftlichen Elementen nach Plan viele Fragen auf. Was wäre die von Afrikanern inzwischen selbst angemahnte Alternative zur „Dead Aid“ (Dambisa Moyo)? Das Problem der Entwicklungsländer ist ganz wesentlich zu viel Interventionismus, der Herrscher und Helfer, und zu wenig Entfaltungsmöglichkeiten für die Menschen auf Märkten. Also sollten zunächst die interventionistischen Hürden beseitigt werden, damit sich der Wohlstand für alle entfalten kann. In diesem Sinne wären Laissez-faire-Regime in Verbindung mit einer Politik des strikten Freihandels und Non-Interventionismus seitens der Industrieländer (Christopher J. Coyne: After War) eine Alternative. Sie steht im Einklang mit vielen Analysen und praktischen Entwicklungspolitiken von Hans-Gert Brauns lesenswerter Studie (wie auch dem Ausweg für Afrika von Dambisa Moyo), darunter Sicherung von Eigentumsrechten und Kapitalisierung von Eigentum verbinden lassen. Ein derartiger Ansatz hat den Charme, zu Hause anzusetzen, durch Marktöffnungen für Exporte aus armen Ländern, Förderung der wirtschaftlichen Freiheit und Intensivierung privater Hilfe.

Michael von Prollius

 
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