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Buch des Monats Januar 2013 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: mvp   
Samstag, 05. Januar 2013

Alain de Benoist: Totalitarismus. Kommunismus und Nationalsozialismus – die andere Moderne 1917 – 1989, Junge Freiheit Verlag, Berlin 2001, 182 S., 9,90 Euro.

Das jahrzehntelange Tabu, Kommunismus und Nationalsozialismus miteinander vergleichen zu dürfen, hat nicht nur das Verständnis beider Gewaltherrschaften verringert, es versperrte auch den Blick auf verwandte Phänomene. Das Tabu, den roten internationalen Sozialismus und den braunen nationalen Sozialismus als totalitär zu begreifen, hat sich nicht nur die Analyse ihrer Ziele und Mittel beschränkt, es hindert uns auch aktuelle mildere Varianten wie die „entfernte Verwandtschaft“ (W. Schivelbusch) besser zu begreifen.

Alain de Benost gebührt der Verdienst mit seinem fruchtbaren Vergleich eine Bresche in die ideologische Panzerung von Wissenschaft und Politik geschlagen zu haben. Pointiert und zuweilen mit logischer Eleganz geht er in 25 konzisen Kapiteln der „Ordnung durch Terror“ (A. Doering-Manteufel/ J. Baberowski) auf den Grund. Mit klarem Blick für die wesentlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse, dabei als Pariser Journalist und Publizist mit französischem Akzent, gelingen de Benoist methodische und inhaltliche Fortschritte, zahllosen Anfeindungen als Begründer und führender Theoretiker der Nouvelle Droite in Frankreich zum Trotz: Der Vergleich sei nicht nur legitim, sondern notwendig, sonst blieben beide Erscheinungen unverständlich. „Vergleichen bedeutet natürlich nicht gleichsetzen“; immerhin habe der Kommunismus noch mehr Menschenleben zerstört als der Nationalsozialismus und dennoch würden Nationalsozialisten als viel schlimmer als Kommunisten angesehen. Zugleich entschuldige kein Verbrechen ein anderes. Der vermeintlich bessere Zweck heilige nicht die (kommunistischen) Mittel. Beide Systeme hätten vermeintliche hohe Ideale geboten und angestrebt. Aber: „Statt zwischen den richtigen und falschen Ideen zu unterscheiden, unterscheidet man lieber zwischen ‚guten’ und ‚schlechten’“. Die Verurteilung der Verbrechen des Kommunismus relativiere nicht den Nationalsozialismus, das Tabu indes übernehme die stalinistische Rhetorik. Das Bündnis zwischen Stalinismus und westlichen Demokratien bewirke bis heute eine außerordentliche Verblendung und beschere Kommunisten noch heute einen Toleranzbonus. Möglicherweise liegt hier auch ein tieferer Grund für den verbreiteten Antikapitalismus.

Von großer aktueller Tragweite ist die auf Alexis de Tocqueville gestützte Sicht, dass eine neue Form der Unterdrückung sanft und mit Einverständnis der Menschen erfolgen könne: „Zahlreiche Autoren haben festgestellt, dass die Abschaffung der Vielfalt der Menschen und Ideen, der Meinungen und Empfindungen sowie ihre Ausrottung zugunsten eines homogenen Einheitsmodells ebenso gut durch Überredung und Konditionierung erzielt werden können wie durch brutale Gewalt.“

Das Buch ist zugleich eine Mahnung: Kästchendenken – zumal mit Vor-Urteilen auf der Grundlage ideologisierter Raster (hier: „neue Rechte“) – führt in die intellektuelle Sackgasse. Stattdessen sollten wir die Phänomene insgesamt betrachten, ihr Wesen und Prinzip erfassen, und uns mit Argumenten und Sichtweisen auseinandersetzen. Das ist eine Binsenweisheit, die heute mehr denn je in Erinnerung gerufen werden darf.

 
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