Startseite Zum Forum Ordnungspolitik ... und ihre Ahnen und Nachkömmlinge Adolf Gasser (1943) Gemeindefreiheit als Rettung Europas – Kommunalismus
Adolf Gasser (1943) Gemeindefreiheit als Rettung Europas – Kommunalismus PDF Drucken E-Mail

Der schweizer Historiker Adolf Gasser (1903-1985) schloss sein Studium in Heidelberg und Zürich mit Promotionen in Geschichte und klassischer Philologie ab. Von 1928 bis 1969 unterrichtete er als Gymnasiallehrer in Basel. Im Zuge seienr Lehraufträge wurde er 1936 Privatdozent, 1942 Lehrbeauftragter und 1950 außerordentlicher Professor für Verfassungsgeschichte an der Universität Basel. Nach dem Zweiten Weltkrieg entfaltete der Universalhistoriker eine rege Vortragstätigkeit in der Bundesrepublik Deutschland. Gasser war zudem politisch aktiv, etwa als Mitbegründer des Rates der Gemeinden Europas, von 1953-1968 als freisinniger Basler Grossrat und als Leiter der FDP des Kantons Basel.

Gassers wissenschaftliches und politisches Werk zeichnet sich durch eine historisch begründete Gemeinschaftsethik aus, in der Gemeindefreiheit und Föderalismus die Grundlage eines vereinten Europa darstellen. Eine umfassende kommunale Ermessensfreiheit war für Gasser im Angesicht des Zweiten Weltkriegs und des massenhaften Untergangs europäischer Demokratien eine unentbehrliche Voraussetzung für jede politische, soziale und moralische Gesundung Europas. Sein Hauptwerk „Gemeindefreiheit“, aus dem der nachfolgende Text entnommen ist, hat einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Institution der Gemeinde in Europa geleistet. Die Europäische Charta der kommunalen Selbstverwaltung kann als Umsetzung der in diesem Werk enthaltenen Grundsätze in völkerrechtliche Normen betrachtet werden.
„Gemeindefreiheit“ erschien 1943 und zählt zu den großen Freiheitsbüchern, die im Zweiten Weltkrieg auf der Suche nach einer freiheitlichen Grundlage für ein neues Europa entstanden. Gleichwohl fiel die Rezeption bescheiden aus, auch wenn schließlich 2003 der Schweizerische Bundsrat darin einen „wichtigen Beitrag zur Stärkung der Institution der Gemeinde in Europa“ erkannte. Gasser zeigt die große Linie der Staats- und Gesellschaftsentwicklung seit der griechischen Antike auf, nennt Gründe für totalitäre Anfälligkeit sowie Immunität. Entscheidende Bedeutung misst er dem Verwaltungssystem zu. Demnach sind freiheitliche Gesellschaften durch kommunale Autonomie und Gemeinschaftsethik („Kommunalismus“) gekennzeichnet sowie einen Verwaltungsapparat, der von unten nach oben aufgebaut ist (Tradition der Selbstverwaltung). Subsidiaritätsprinzip, Wettbewerb vieler kleiner Einheiten – verbunden mit der Möglichkeit abzuwandern – sowie direkte Demokratie sorgen für eine wirksame Disziplinierung von Legislative und Exekutive. Diese Elemente umschreiben die Gemeindefreiheit oder Gemeindeautonomie. Ihr Wesen besteht in der Einbeziehung der Bürger in möglichst viele Entscheidungen auf kommunaler Ebene. Vertrauen und Vertragstreue, Verhältnismäßigkeit und Maß halten, die Kontrolle der Verwaltung durch die Bürger, freiwillige Solidarität und die Bindung an Recht zum Wohle der Freiheit, all dies kann durch Gemeindefreiheit ermöglicht werden.
Gasser ist ein Bindestrich-Liberaler („Sozialliberalismus“ und „Liberalsozialismus“), der sich trotz mancher Autoritätsgläubigkeit („demokratische Halbdiktatur“) beträchtliche Verdienste um den Non-Zentralismus insbesondere in einer totalitären Zeit erworben hat. Seine auf die heilvolle Erfahrung seines eigenen Landes gestützte Alternative, die Selbstverwaltung kleiner Gemeinschaftseinheiten, ist für eine Verfassung der Freiheit unersetzlich.


 
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