Der Starkolumnist des Kapitalismus PDF Drucken E-Mail
Sonntag, 21. September 2014

Am 29. November 1964 kamen im New York University Club namhafte Liberale zusammen. Sie hielten Vorträge zu Ehren eines Jubilars, der gerade ein Buch über die Grundlagen der Moral publiziert hatte. Ludwig von Mises würdigte ihn in seinem Grußwort: „In dieser Zeit des großen Ringens für Freiheit und eine Gesellschaft, in der Menschen als freie Menschen leben können, sind sie unser Anführer.“ Anlass war der siebzigste Geburtstag eines der größten Freiheitspublizisten: Henry Hazlitt. 2014 jährt sich sein Geburtstag zum 120. Mal, zugleich liegt sein Todestag erst 21 Jahre zurück – klassische Liberale werden alt und geraten in Vergessenheit.

Henry Hazlitt war ein Autodidakt, ein echter Selfmademan, der sein Leben lang mit dem Selbststudium der Ökonomie und Wirtschaftspublizistik verbracht hat. Hazlitt war vielseitig tätig, als Literaturkritiker, Journalist und Herausgeber, Ökonom und Philosoph. Meilensteine sind seine Tätigkeiten für die New York Times von 1934 bis 1946 und anschließend für Newsweek, wo er zwanzig Jahre lang seine berühmte Kolumne „Business Tides“ schrieb. Als ökonomischer Publizist war er im 20. Jahrhundert vielleicht so brilliant wie sein Vorbild Frédéric Bastiat im 19. Jahrhundert.

1946 schrieb er in nur drei Monaten neben seinen journalistischen Verpflichtungen sein bekanntestes Buch: „Economics in one lesson“. Insgesamt wurden 700.000 Stück der ersten Auflage verkauft. Weltweit verkaufte sich die wirtschaftspolitische Einführung in die Grundprinzipien von Marktwirtschaft und Interventionismus bereits bis zum Ende der siebziger Jahre millionenfach. Die zeitlose Lektion lautet: Die Kunst guter Wirtschaftspolitik, besteht darin, nicht nur die aktuellen, sondern vielmehr die langfristigen Wirkungen der Politik zu betrachten; zugleich gilt es die Folgen der Politik nicht nur für eine Gruppe, sondern für alle Gruppen zu berücksichtigen, weshalb gute Wirtschaftspolitik allgemeingültig sein muss. Offenkundig können staatliche Eingriffe zwar kurzfristig erwünschte Zustände bewirken, langfristig stiften sie aber immensen Schaden, der über das Ausmaß des beklagten, auslösenden Zustandes weit hinausgeht. Mindestlöhne sind ein Beispiel. Hazlitt wurde vom Erfolg des Buches überrascht. Friedrich August von Hayek bezeichnete es als „brilliant“; er kenne kein Buch, von dem man so viel über die Grundsätze der Ökonomie in so kurzer Zeit lernen könne.

Henry Hazlitt war ein publizistisch begnadeter und fachlich bestechend konsequenter Verteidiger von Marktwirtschaft und Freihandel, Goldstandard und klassisch liberalen  Prinzipien. Er wurde als führende Stimme in den USA gegen Sozialismus, Etatismus, staatliche Planung und Lenkung gehört. Das galt auch für die Debatte um die überbordenden keynesianischen Einflüsse – Hazlitt bezeichnete die keynesianische Ökonomie als „eine der größten intellektuellen Skandale unserer Zeit“. Er konnte sich auf die von ihm verfasste, gründliche Auseinandersetzung mit der „Allgemeinen Theorie“ von Keynes stützen, die er Seite für Seite widerlegte („Das Fiasko der keynesschen Wirtschaftslehre“).

Hazlitt war Anfang der 1950er Jahre in den USA omnipräsent: im Radio, im Fernsehen, in den Printmedien; seine Bücher erreichten, auch über Reader’s Digest Fassungen, Millionen Menschen. Hazlitt debattierte mit hochrangigen Personen seiner Zeit, darunter Vizepräsidenten und Außenminister. 1950 gründete er zusammen mit John Chamberlain die Zeitschrift „The Freeman“, die lange Zeit die einzige konsequent liberale Zeitschrift blieb.

Hazlitt selbst schätzte, dass er etwa 10 Millionen Wörter geschrieben habe und seine gesammelten Werke 150 Bände umfassen würden. Er war ein dezidierter Gegner des Marshallplans und warnte vor der Inflation, bevor sie sichtbar um sich griff. Er begründete facettenreich, warum nur Marktwirtschaft zur Überwindung von Armut geeignet ist und verwarf Grundeinkommen und progressive Steuern. Hazlitt warnte 1969 vor dem Ausufern des Wohlfahrtsstaates, dessen Existenz er für das Ende des 19. Jahrhunderts aufzeigte. In seinem Roman „Time will run back“ zeigte er die Konsequenzen eines voll entwickelten Sozialismus auf: die Rückentwicklung der Zivilisation.

Hazlitts Erfolgsgeheimnis lag in der Verbindung von bemerkenswerter Expertise mit einer eleganten und massentauglichen Darstellung, die durch Qualität, Klarheit und Kürze bestach. Seine Rezension von Mises „Gemeinwirtschaft“ („Socialism“) machte den Band zu einem Klassiker in der angelsächsischen Welt. Hayeks Buch „The Road to Serfdom“ wurde durch Hazlitts erfolgreiche Bemühungen um eine Kurzfassung in Reader’s Digest und seine Rezension in der New York Times zum Bestseller. Ludwig von Mises bezeichnete Hazlitt als „das ökonomische Gewissen unserer Nation“ und als „herausragenden Ökonomen“. Und Milton Friedman schätzte Hazlitts Urteil so sehr wie von kaum jemandem sonst. Paul Samuelson studierte sogar Wirtschaft, weil er einen Artikel von Hazlitt gelesen hatte.

Hazlitt urteilte, dass er kein Ökonom war, der Neues entdeckt habe, dafür aber jemand, der die orthodoxen Lehren der Ökonomie seit Adam Smith gegen die „Neue Ökonomie“ verteidigt habe: „Alte Wahrheiten wieder zu entdecken kann häufig genauso hilfreich sein wie neue zu entdecken.“ Hazlitt sah die freie soziale Kooperation als Kern der Moral an, da die Tauschwirtschaft die Akzeptanz moralischer Regeln voraussetze. Ein System freier Marktwirtschaft und freien Unternehmertums könne nur innerhalb einer Ordnung von Recht und Moral funktionieren. Und der soziale Austausch könne Sympathie und Freundschaft erzeugen, die zu den schönsten menschlichen Erfahrungen zählen.

Im New York University Club ergriff Hazlitt selbst das Wort und zog Bilanz: „Wir haben die Pflicht, noch klarer und couragierter zu sprechen“. Auch die über Siebzigjährigen könnten nicht einfach in der Sonne Floridas dösen. Nicht weniger als die Zukunft der Freiheit stehe zur Disposition und damit die Zivilisation selbst.

Quelle: erschienen in Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 21.09.2014, 36.

 
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