Startseite Newsroom Gastbeiträge Die Ökonomie ist tot, es lebe die Ökonomie! Ein Beitrag zum Methodenstreit (M. T. Kähler)
Die Ökonomie ist tot, es lebe die Ökonomie! Ein Beitrag zum Methodenstreit (M. T. Kähler) PDF Drucken E-Mail

Gastbeitrag von Malte Tobias Kähler


Wollte jemand die Volkswirtschaftslehre zu Grabe tragen, so würde man ihn mit Recht für verrückt erklären. Ebenso wie die physikalischen Gesetze der Schwerkraft gelten, gleichgültig, ob sie bekannt sind oder nicht, so sind auch die fundamentalen ökonomischen Gesetze der Knappheit, des Grenznutzens sowie des Angebot und der Nachfrage stets in Kraft, solange Menschen miteinander interagieren. Auf den ersten Blick macht es also wenig Sinn, eine Wissenschaft wie die Ökonomie überhaupt für tot zu erklären. Es hilft nicht, sie zu ignorieren. Und dennoch gibt es Grund zu der Annahme, dass man die Wirtschaftstheorie – zumindest so, wie sie derzeit gelehrt wird – begraben muss, um einen Neubeginn zu versuchen. Denn ihre wesentliche Teildisziplin, die Mikroökonomik, beruht auf absurden Annahmen.

Ein Vergleich soll das verdeutlichen: Nehmen wir an, die Physiker würden uns erklären, der Grund für die Bewegung eines Planeten am Firmament liege darin, dass eine Gruppe Riesen mit den Himmelskörpern Fangen und Werfen spielt. Dieses These wird in der Physik aus folgenden Gründen als eine unzutreffende Erklärung abgetan und daher zügig aufgegeben: Erstens wird die Annahme, Riesen würden die Planeten werfen und somit die Bewegung der Planeten verursachen, nicht durch die empirische Beobachtung gestützt (denn niemand hat die besagten Riesen je gesehen). Und zweitens verfügt die Menschheit bereits über eine befriedigende Erklärung der Ereignisse in Form der Gesetze der Himmelsmechanik und der Gravitation. Zu Recht würde die „Riesen-Theorie“ also ohne viel Federlesens aufgegeben werden.

Nicht so in der Ökonomie, dort dominiert nach wie vor der Glaube an die „Riesen“. So z.B. in der Annahme vom Homo Oeconomicus, dem allwissenden, stets rational entscheidenden und jederzeit simultan alle Alternativen abwägenden Modell-Menschen, der der mikroökonomischen Disziplin zugrundeliegt. Es ist zwar richtig, dass diese Annahme mittlerweile aufgeweicht wurde. Doch obwohl viele neuere Modelle mit „realistischeren“ Annahmen beginnen, fußen der gesamte Rohbau der mikroökonomischen Theorie und die meisten didaktischen Einführungen in das Thema der Wirtschaftswissenschaften sowie sogar so folgenschwere Behauptungen wie die des „Marktversagens“ nach wie vor auf eben diesem Modell eines unfehlbaren und allwissenden Nutzenmaximierers.

In der Tat ist der Theorienpluralismus, der in der Ökonomie aus der variierenden Strenge bei den  zugrundeliegenden Annahmen resultiert, ein unbefriedigender Zustand unserer Wissenschaft. Während mikroökonomische Modelle – insbesondere die Modelle, die das angesprochene „Marktversagen“ belegen sollen – meist auf der Überlegung der Existenz eines Homo Oeconomicus und dem Postulat einer statischen Welt beruhen, wird diese Prämisse in makroökonomischen Bereichen kurzerhand in sein Gegenteil verkehrt: Etwa dann, wenn Spekulationsblasen über die „animalischen“ Instinkte und Herdentriebe des Menschen erklärt werden sollen und auf einmal über dynamische Systeme geredet wird, die sich im Zeitverlauf von Gleichgewichten entfernen oder neuen zustreben. Es gelten also je nach Anwendung und zugrundeliegendem Weltbild verschiedene Prämissen, ganz so, wie es dem jeweils argumentierenden Ökonomen am besten passt. Man stelle sich vor, die Physiker würden die Gesetze der Schwerkraft zwar für die Analyse der Himmelskörper verwenden, nicht jedoch für die Steine auf der Erde. Kurzum: Der Zustand heutiger ökonomischer Theorien ist inkonsistent, die Annahmen werden oft genug aus Ermangelung einer befriedigenden Theorie  oder gar aus opportunen Überlegungen heraus ausgewählt.

Zur Verteidigung des „Modells“ vom Homo Oeconomicus wird dann meistens angeführt, dass die Annahme zwar unrealistisch, aber immerhin noch genügend genau sei, um eine Vielzahl ökonomischer Phänomene zu erklären. Das ist zwar völlig richtig, aber auch die Riesen-Theorie ist „hinreichend genau“, da sie trotz ihrer Absurdität eine hervorragende Erklärung dafür liefert, warum die Planeten sich durch das Sonnensystem bewegen. 

Um analog zu dem Riesen-Beispiel zu verfahren, gibt es jedoch zwei Gründe, warum die Idee des Homo Oeconomicus endlich ein für alle Mal begraben und aus allen Lehrbüchern verbannt werden sollte: Erstens ist kein empirischer Fall bekannt, in dem ein Mensch alle potenziell möglichen Handlungsoptionen und verfügbaren Angebote im Vorhinein auf mögliche Kosten und Nutzen abgewogen hat, bevor er beispielsweise ein Eis am Strand kaufte. Und schließlich verfügt die Wissenschaft seit vielen Jahrzehnten über eine höchst brauchbare Alternative: Diese besteht in dem von den Austroliberalen entwickelten Modell des Homo Agens – des handelnden Menschen. Menschen handeln; und solche Handlungen bestehen darin, selbst gewählte Ziele mithilfe unterschiedlicher Mittel zu erreichen. Dieses zu bestreiten, hieße ja, selbst eine Handlung durchzuführen, womit das allgemeine Zutreffen unserer Behauptung bewiesen wäre. Im Gegensatz zum Modell des Homo Oeconomicus entspricht die Vorstellung des Homo Agens also der Realität und ist ein wahres und unbestreitbares Axiom. Und anders als im Homo-Oeconomicus-Modell kann mit ihr die altruistische Handlung des Philanthropen ebenso wie die koordinierende Tätigkeit des Entrepreneurs oder die kriminellen Machenschaften des schlitzohrigen Betrügers erfasst werden ohne sich dabei in Widersprüche zu verstricken. Sie alle verfolgen selbst gesteckte Ziele, für die sie die ihnen zur Verfügung stehenden (knappen) Mittel verwenden. 

Die Wissenschaft des menschlichen Handelns, die „Praxeologie“, maßt sich dabei nicht an zu erklären, warum Menschen sich für dieses oder jenes Ziel entscheiden – dafür ist die Psychologie oder womöglich auch die Theologie vonnöten. Alles, was durch die Wissenschaft des Handelns erfahren werden kann, sind die Implikationen, die aus der Erkenntnis abzuleiten sind, dass Menschen in dieser Welt teleologisch Handeln, um ein gefühltes Unbehagen in ihrem Sinne zu verändern. 

Das ist aber keinesfalls wenig! Denn obwohl das Handlungsaxiom auf den ersten Blick wie eine nutzlose Tautologie anmutet, kann mittels Deduktion von diesem einfachen Axiom die komplette Disziplin der Ökonomie mit allen für sie notwendigen Kategorien umrissen werden. Ludwig von Mises legte das in seinem Mammutwerk „Human Action“ eindrucksvoll dar. Ähnlich wie in einem rechtwinkligen Dreieck bereits der Satz des Pythagoras und weitere geometrische Gesetze enthalten sind, genügt auch in der Ökonomie die Introspektion in das eigene Handeln, um die Gesetzmäßigkeiten der Wirtschaft zu entdecken. Erkenntnisse werden in der Ökonomie daher durch Deduktion erzielt, also durch das logische „Abklopfen“ der Argumentationskette, die natürlich nur bei zutreffenden Grundannahmen beginnen kann. Tut sie das nicht, sind auch ihre Ergebnisse falsch, so wie die Resultate der Mikroökonomik manchmal widersprüchlich, anmaßend und oft genug absurd sind – was auch nicht verwundert, wenn man ihre ebenso widersprüchlichen, anmaßenden und absurden Prämissen betrachtet von der wir an dieser Stelle nur eine genannt haben.

Die allgemeine Theorie des Homo Agens kommt hingegen ohne die Vorstellung lebloser Rechenmaschinen aus und setzt bei der Forschung wieder dort an, wo jede ökonomische Wirklichkeit ihren Anfang nimmt: beim handelnden Menschen. Die Praxeologie umfasst dabei sogar eine Konjunkturtheorie, die mit allen übrigen Teilen der Theorie im Einklang steht – etwas, was die moderne, formale Makroökonomik, die ja von Beginn an individuelle menschliche Handlungen ausblendet, bis heute nicht geschafft hat. Mit anderen Worten: In der Praxeologie gilt die Theorie die Schwerkraft nicht nur auf der Erde, sondern auch für die Himmelskörper … und Riesen kommen in ihr nicht mehr vor.

Quelle: Dieser Beitrag erschien in ähnlicher Form zuerst auf der Webseite des Debattenmagazins Novo Argumente.

Malte Tobias Kähler M. A., ist Politikwissenschaftler und Autor des Debattenmagazins Novo Argumente. Er nimmt derzeit an einem Postgraduiertenstudiengang in Wirtschaftswissenschaften an der Universität König Juan Carlos in Madrid teil.

 
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