| Mit den Ohren sehen (C. von Prollius) |
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Gastbeitrag von Christian von Prollius Im 1. Buch Mose im 8.Kapitel steht folgender Text: Da harrte er noch weitere sieben Tage und ließ abermals eine Taube fliegen aus der Arche. Die kam ihm zur Abendzeit, und siehe ein Ölblatt hatte sie abgebrochen und trug´s in ihrem Munde. Da merkte Noah, daß die Wasser sich verlaufen hätten auf Erden. Lassen Sie mich mit dem Aal beginnen. Die im Saragossa Meer frisch aus dem Ei geschlüpfte Larve ist ein 5 bis 7 mm langes weidenblattförmiges Gebilde, das in dieser Form eine Reise von über 3.000 km vor sich hat, um an die europäische Küste zu gelangen. Erst im küstennahen Bereich verwandelt sich die inzwischen etwas gewachsene Larve in den durchsichtigen sog. Glasaal, der dann in die Flußmündungen und weiter bis in Teiche und Seen wandert. Als geschlechtsreife sog. Blankaale treten die Fische dann nach Jahren den Rückweg in die Laichgründe an. Die Orientierung sowohl der Larven als auch der erwachsenen Tiere erfolgt vermutlich mit Hilfe eines Magnetkompasses. Aber woher kennt die Larve Richtung und Entfernung? Dies ist bisher nicht geklärt. Sicher ist lediglich, daß die Flußmündungen mit Hilfe des Geruchsinns gefunden werden, der so fein ist, daß ein Kubikzentimeter Geruchstoff in der 58-fachen Wassermenge des Bodensees noch wahrgenommen werden kann. Aus der Sicht des Aals macht der Lachs alles verkehrt herum. Er lebt Jahre im Meer, um dann in Flüsse und Bäche zum Laichen aufzusteigen. Und auch hier lenkt der Geruchsinn den Fisch. Er sucht allerdings genau den Seitenarm eines Flusses auf, in dem er geboren ist; er behält also über Jahre die Kenntnis hierüber und er schwimmt eine Strecke, die er in umgekehrter Richtung schon einmal zurückgelegt hat. Etliche von Ihnen werden schon Gelegenheit gehabt haben, einen Fuchs oder wenigstens eine Katze beim Mäusefang beobachten zu können. Am liebsten wird geradeaus dem Geräusch oder dem Gesichtkontakt nach gesprungen. Aber wahrgenommen wird natürlich auch eine Maus, die sich in einem beliebigen Winkel zu Körper und Kopf bewegt. Um sie zu fangen, ist ein Drehsprung erforderlich, für den Auge und/oder Ohren Richtung und Entfernung signalisieren. Die Erfolgsquote ist allerdings weit von 100 Prozent entfernt und in etwa der Trefferquote von mittelfristigen Wetterprognosen vergleichbar. Waldspaziergängern sind Ameisenhaufen vertraut, von denen Straßen in alle Richtungen führen und auf denen ein lebhafter Verkehr vom und zum Nest stattfindet. Diese Ameisenstraßen sind mit Duftmarken markiert, die allerdings keine Auskunft über die Richtung geben. Zusätzlich muß ein Bild der Umgebung gespeichert werden, um zu wissen, in welcher Richtung man unterwegs ist. Mit dem oberen Rand des Facettenauges nimmt sie, wie viele andere Insekten auch, das Polarisationsmuster des Himmels war. Aus der Änderung des Musters relativ zum Auge, die bei jeder Körperdrehung entsteht und die aufsummiert wird, ergibt sich die Rückkehrrichtung. Da sich das Polarisationsmuster im Laufe des Tages ändert, ist zusätzlich eine innere Uhr notwendig. Und schließlich gewinnt die Ameise über die Wahrnehmung der absoluten Laufgeschwindigkeit Kenntnis über die zurückgelegte Entfernung, wofür allerdings die Vorwärtsgeschwindigkeit mit den Drehbewegungen während des Suchlaufs verrechnet werden muß, um die direkte Entfernung zum Nest zu ermitteln. Nun zu den Fledermäusen. Von ihnen gibt es ca. 1.000 Arten, die kleinsten sind 3,4 cm groß und wiegen 3,5 g, die größten messen 40 cm, haben 1,5 m Flügelspanne und wiegen 900 g. Fledermäuse sind die einzigen Säugetiere, die wirklich fliegen können. Alle fliegen vor allem aus Sicherheitsgründen in der Dämmerung und Nacht, können also ihre Augen kaum zum Beutefang verwenden. Seit langem bekannt ist, daß sie sich der Echoortung bedienen, also mit den Ohren sehen. Die Zeitdifferenz zwischen dem über Mund oder Nase gebündelten Schall und dem Echo ist extrem kurz, Unterschiede von nur 0,01 ms sind noch wahrnehmbar, während beim Menschen 1 ms die Untergrenze darstellt. Das Problem besteht nun darin, daß der Schall mit 80 bis 120 dB relativ laut, das Echo aber sehr leise ist und sehr schnell eintrifft, z. T. schon bevor der Schall ausgeklungen ist. Auffallend große Ohren, ein hochempfindliches Gehör und die nur auf leise Töne reagierenden Gehirnzellen für das Hören, sowie ihr überproportional großer Anteil am Gehirn lösen diese Aufgabe. Natürlich hat die Evolution auch Überlebensstrategien für potentielle Beutetiere entwickelt. Einige Mottenarten besitzen in ihrem Hinterleib ein Organ, das den Schall der Fledermaus wahrnimmt, und das natürlich bevor das Echo die Mausohren erreicht. Spontaner Sink- oder Taumelflug ist die rettende Reaktion. Bei Spaziergängen durch Wälder ist sicherlich manchem von Ihnen schon einmal aufgefallen, daß in älteren Nadelholzbeständen weit ab von einem potentiellen Mutterbaum einzelne junge Eichen oder Buchen wachsen. Eine ähnliche Beobachtung kann man beim alpinen Skisport in Regionen mit Zirbelkiefervorkommen machen. Junge Zirbelkiefern wachsen weit oberhalb der Altbäume in Entfernungen, die der Samen durch Windverfrachtung nicht überwunden haben kann. Verantwortlich für beide Vorkommen sind hier der Eichel-, im Gebirge der Tannenhäher. Häher sind Allesfresser, aber sie müssen für den Winter, wenn es weder Vogelnester auszunehmen gibt, noch Kleingetier erbeutet werden kann, vorsorgen. Und dies tun sie, in dem sie im Herbst zur Samenreife Unmengen von Eicheln, Bucheckern, Nüssen oder Nadelbaumsamen einsammeln und verstecken. Eichelhäher bringen es auf ca. 11.000 Früchte, Tannenhäher auf bis zu 33.000 Samen. Versteckt werden diese meist einzeln, da das eine größere Sicherheit gegen das Gefundenwerden durch Konkurrenten bietet. Natürlich finden die Vögel nicht alle Verstecke wieder, aber doch so viele, daß sie den Winter überleben, und das in einer durch Schnee häufig völlig veränderten Landschaft. Sie müssen sich also Geländemerkmale einprägen, die auch bei Schnee noch erkennbar sind. Daher erwählen die Tannenhäher im Gebirge bevorzugt Verstecke an Rücken oder Kämmen, die schneefrei bleiben. Die größte Faszination auf den Menschen übt sicherlich der Vogelzug aus – insbesondere der Frühlings- und Herbstzug der Kraniche, weil diese in großen Verbänden und laut rufend ziehen. Aber auch viele Kleinvogelarten verlassen uns im Herbst und kehren im Frühjahr zurück, sie ziehen häufig einzeln oder in lockeren Verbänden, oft nachts und auch noch stumm, so daß wir das gar nicht wahrnehmen. Wie finden Vögel die Richtung und wissen, wie weit sie fliegen müssen? eben dem bei Rotkehlchen nachgewiesenen Kompaß im rechten Auge sind z. B. bei Tauben eisenhaltige Magnetitkörnchen im oberen Teil des Schnabels nachgewiesen, die vermutlich die Stärke des Magnetfeldes ermitteln. Beachtlich sind die Strecken, die an einem Tag zurückgelegt werden. 2001 konnte man im Internet an besenderten Jungkranichen aus dem Baltikum deren täglichen Aufenthaltsort verfolgen. Nach dem Start ging es zunächst eher gemütlich in kurzen Etappen nach Westpolen, dann zum großen Sammelplatz in Mecklenburg mit mehrtägigem Aufenthalt und von dort innerhalb von 24 Stunden bis nach Südfrankreich, einen Tag später ebenfalls in einem Zuge bis nach Westspanien in das Winterquartier. Man könnte annehmen, daß der Rückflug in das Brutgebiet einfacher zu lösen ist, da er ja nur eine Streckenumkehr bedeutet. Viele Vogelarten benutzen jedoch für den Rückflug andere, zumeist kürzere Wege. Neue Forschungen lassen vermuten, daß Vögel offensichtlich in der Lage sind, mit Hilfe ihrer verschiedenen Navigationssysteme von jedem Ort der Erde aus an jeden anderen ihnen bekannten Platz zurückzufinden. Dabei erfolgt das Aufsuchen des bekannten Platzes in seiner Endphase offenbar mit Hilfe einer gespeicherten Landkarte, ein Hilfsmittel, das Zugvögel über Jahre zum gleichen Nest zurückfinden läßt oder Brieftauben in ihren Schlag leitet. Die etwa 50 verschiedenen Wanderheuschreckenarten gehören zu Wanderinsekten, die selbst niemals an den Ort des Wegzuges zurückkehren. Wenn es in den Eiablagegebieten in Nordafrika oder Arabien zu trocken wird, also keine Nahrung mehr vorhanden ist, findet ein Massenstart der inzwischen flugfähigen Jungtiere statt, die sich von günstigen Winden in die Monsunregengebiete Pakistans und Nordindiens tragen lassen. Dort werden mehrere Generationen von Nachkommen produziert. Bei günstigen meteorologischen Bedingungen wandert dann eine Generation zurück, warum ist bisher unklar, denn wenn im Monsunregengebiet mehrere Generationen gelebt haben, kann Nahrungsmangel kein Grund für den Rückflug sein. Auch ist bisher nicht erforscht, wie die Information über Zugrichtung und -entfernung weitergegeben wird. Ebenso weitgehend ungeklärt ist das Wanderverhalten von Schmetterlingen. Am bekanntesten ist wohl der nordamerikanische Monarch, der im Sommer in mehreren Generationen im Gebiet um die Großen Seen herum lebt. Die letzte Generation macht sich im Herbst auf zum Zug in das Winterquartier im Gebirge östlich von Mexico City in 3.000 Meter Höhe, wo Millionen von ihnen witterungsbedingt sterben. Im März brechen die überlebenden Falter von dort wieder auf, erreichen ihr Startgebiet aber nicht. Dies ist erst der nächsten oder übernächsten Generation vergönnt. Vermutet wird eine an Magnetfeld und Sonne ausgerichtete Kompaßorientierung, die vererbt wird, und die besonders erstaunlich ist, da Schmetterlinge als „Gehirn“ nur wenige Nervenknoten besitzen. Es soll immer noch Mitglieder der menschlichen Gesellschaft geben, die sich oder ihresgleichen für die Krone der Schöpfung oder banaler ausgedrückt für ein Erfolgsmodell halten. Angesichts der vielfältigen und unsere Fähigkeiten in Teilbereichen weit übersteigenden Lösungen in der Natur sollten wir aber nicht verlernen ehrfürchtig zu staunen. Quelle: Vortrag vor dem RC Berlin-Lilienthal. |




