Startseite Newsroom Gastbeiträge Geld, Kredit und Konjunktur (F. Schäffler)
Geld, Kredit und Konjunktur (F. Schäffler) PDF Drucken E-Mail

Warum der Weltfinanzgipfel gescheitert ist

Gastbeitrag von Frank Schäffler (MdB)
 
Allen anderen Beteuerungen zum Trotz: Der Weltfinanzgipfel ist gescheitert. Er konnte nicht erfolgreich sein, weil es dazu notwendig gewesen wäre, die Ursachen der Weltfinanzkrise schonungslos offenzulegen und zu diskutieren. Die Parlamente, die Parteien, die EU und auch fast alle Medien schrecken vor dieser Aufgabe zurück. Stattdessen hört man von Links und Rechts den anschwellenden Bocksgesang einer 150 bis 200 Jahre alten Zivilisationskritik, die den Untergang der bürgerlichen Gesellschaft und der Marktwirtschaft herbeizureden versucht. An die Stelle einer schonungslosen Kritik der staatlichen Geldpolitik und eines Keynesianismus, der je nach politischem Lager in den Varianten Nachfrage- oder Angebotsorientierung daherkommt, tritt zum Zwecke der Abreaktion von emotionaler und intellektueller Überforderung entweder eine sozialromantische und diffuse, aber höchst gefährliche Gesellschaftskritik oder ein unreflektierter Kontrollwahn und oftmals beides zusammen. Mit Blick auf den rechten und linken Keynesianismus in unserem Land gewinnt man mittlerweile sogar den Eindruck, daß selbst in der preussischen Armee im Rahmen der sogenannten Manöverkritik eine bessere Streitkultur herrschte als in unserer Öffentlichkeit, die trotz oder vermutlich sogar wegen des allgemeinen Bekenntnisses zur Habermas’schen Diskursethik in einer Strukturkrise steckt. Selbst der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, unsere angeblichen Fünf Weisen, schwimmen im konsensualen Mainstream und trauen sich nicht, die Phalanx des dominanten Shared-Mental-Models (D. C. North), des gemeinsamen mentalen Modells keynesianischer Prägung, zu verlassen. Dissens tut not!

Hätten wir in den letzten Wochen und Monaten mehr Dissens bezüglich des herrschenden rechten und linken Keynesianismus in Deutschland und Europa und der Welt vernommen, dann hätte der Weltfinanzgipfel vielleicht erfolgreich sein können. Denn dann hätte man am Wochenende in Washington berücksichtigt, daß man das, was man investiert, immer erst sparen muß. Kredite, die nicht aus Erspartem bestehen, sondern aus Geldschöpfung, sind unser Problem. Dieses Problem, also die ständige Geldmengenerhöhung, wird in unseren Gesellschaften jedoch beharrlich ignoriert, und selbst das deutsche Rettungspaket, der im Rahmen der derzeitigen staatlichen Geldpolitik kurzfristig sinnvolle Schutzschirm von 480 Mrd. Euro, besteht nicht aus Erspartem, sondern aus einer Geldmengenerhöhung.

Investitionen, die durch Kredite finanziert werden, die nicht aus Erspartem bestehen, sondern aus Geldschöpfung, blähen unsere Wirtschaft künstlich und nur für eine bestimmte Zeit auf, was auch als Bubble-Economy – Blasen-Wirtschaft – bezeichnet wird. In der Folge steigen nicht so sehr die Preise für Kapital- und Konsumgüter, was primär in der Preissteigerungsrate des Statistischen Bundesamtes ermittelt wird, sondern die Preise für Unternehmen, Aktien und Immobilien. Die Bundesbank unterscheidet deshalb die Konsumgüter-Preisinflation von der Vermögensgüter-Preisinflation. Daß diese aus Geldmengenvermehrung entstandenen Blasen platzen, wenn der Zins steigt und wenn weitere Liquidität ausbleibt, konnten wir seit dem Sommer letzten Jahres alle beobachten. Und wir sollten froh sein, daß diese Blasen jetzt geplatzt sind. Unsere Probleme wären bei einem späteren Platzen der Blasen noch größer. Da aber die Einsicht, daß man das, was man investiert, erst sparen muß, in unseren Gesellschaften kein Allgemeingut mehr ist und man meint, es wäre mittels Geldschöpfung möglich, reale Werte zu schaffen, haben die breite Öffentlichkeit und die Politiker in allen Parteien immer noch nicht erkannt, daß gerade die USA mit ihren kreditfinanzierten Kriegen, ihrer expansiven Geldpolitik und einer Konjunkturpolitik, welche die Immobilienkrise erst erzeugt hat, keine liberale, sondern eine typische right-wing-keynesianism-policy betrieben haben und das sehr exzessiv. Weil wir keinen Dissens bezüglich des herrschenden rechten und linken Keynesianismus haben, dringt die Einsicht nicht durch, daß nur der Sparer dem Investor Produktionsumwege ermöglichen kann, die das gesamtwirtschaftliche Wohlstandsniveau erhöhen. Statt das Sparen zu ermöglichen, werden aber zur Zeit weltweit kreditfinanzierte und die Geldmenge erhöhende Konjunkturprogramme gefordert, die neuen New Deals, die den Konsum und das Investieren anregen sollen, so daß zu befürchten ist, daß sich das konjunkturpolitische Drama wiederholen wird. Nach einem künstlich entfachten Boom kommt es wieder zu Rezession oder Depression, weil die Politik des billigen Kredits die Existenz von reichlichen Ersparnissen signalisiert, die real gar nicht vorhanden sind.

Weil an diesem Problem vorbei regiert wird, ist der Weltfinanzgipfel gescheitert.  Zukunftsweisende Beschlüsse wurden nicht vereinbart. Im Grunde will man so weitermachen wie bisher und durch vermehrte Regulierung des Bankensektors und mehr Kontrollen sowie mehr Kompetenzen für den IWF besondere Auswüchse der derzeitigen staatlichen Geldpolitik verhindern. Was jedoch not tut, ist eine Begrenzung der Geldmenge.
Auch wenn eine Geldmengenerhöhung keine größere Konsumgüter-Preisinflation hervorrufen muß, wie wir es in den letzten Jahren beobachten konnten, so ist doch der Zusammenhang zwischen einer Vermögensgüter-Preisinflation (die gestiegenen Preise für Unternehmen, Aktien und Immobilien) und der enormen Geldmengenerhöhung in Europa und den USA evident. Anstatt diese Geldmengenerhöhung als tiefere Ursache für die Weltfinanzkrise und den weltweiten Einbruch der Konjunktur zu identifizieren und zu kritisieren, prügelt man in unseren Gesellschaften lieber die Knechte, unsere Banker und Spekulanten, die diese erhöhten Geldmengen lediglich unters Volk gebracht haben. Daß die FED und die EZB Inflationsbehörden sind, die die Vermögensgüter-Preisinflation ermöglicht haben, wird dabei beständig ignoriert.

Hätte der Weltfinanzgipfel erfolgreich sein wollen, dann hätte er zielgerichtet die drei Verursacher der horrenden Geldmengenerhöhung in den Blick nehmen müssen. Erstens die Zentralbanken, die mit ihrer Zinspolitik und ihren sonstigen Aktivitäten den Geld- und Kreditmarkt steuern. „Zentralbanken sind Inflationsmaschinen – und das ist ihr Zweck“ (Roland Baader), denn sie erhöhen die Geldmenge zielgerichtet. Das ist ihr gesetzlicher Auftrag. Zweitens erhöhen die Regierungen mit ihren Haushaltsdefiziten die Staatsschulden und damit das Geldvolumen. Drittens sind natürlich auch die Banken zu betrachten, denen es der Staat durch das Teilreservebanksystem erlaubt, aus den Ersparnissen ihrer Kunden die bis zu zehnfache Geldmenge in Form von Krediten schöpfen zu können. Und diese Kreditschöpfung ist vom Staat gewollt, weil sie letztlich Teil der staatlichen Konjunktur- und Wachstumspolitik ist. Die Gier der Banker und Spekulanten kann also nur deshalb eine zerstörerische Wirkung entfalten, weil der Staat die Banken entgegen allen Marktgesetzen durch das Teilreservebanksystem privilegiert und ihre kreditschöpfenden Dienste in Anspruch nimmt. Ein freier Markt hätte solche Banken nie entstehen lassen.

Zudem hätte man sich am Wochenende in Washington beim Weltfinanzgipfel ernsthaft die Frage stellen müssen, ob all diese Aktivitäten der Geldmengen-Erhöher nicht ausschließlich in einem reinen Papiergeldsystem möglich sind. In Bretton Woods hatte man sich diese Frage gestellt und die Konsequenzen daraus gezogen. Hätte der Weltfinanzgipfel im Jahre 2008 erfolgreich sein wollen, dann wäre es vorab jedoch unabdingbar gewesen, den herrschenden gesellschaftlichen Konsens zu verlassen. Dissens tut not!
Eine gekürzte Fassung dieses Artikels ist in der Financial Times Deutschland am 18.11.2008 erschienen.
 
Facebook MySpace Twitter Digg Delicious 
 
 
Bild