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Die liberale „Funktion“ der Kirche (N. F. Tofall) PDF Drucken E-Mail

Von Norbert F. Tofall

Der Konflikt zwischen Kirche und Staat prägt die gesamte west- und mitteleuropäische Geschichte. Er ist das Fundament der europäischen Kultur und bildet die Ursache für die europäische Freiheitsidee und die Entstehung des Liberalismus. Außerhalb des christlichen Abendlandes neigt die Staatenbildung infolge der Verbindung von weltlicher und geistlicher Gewalt zur Despotie. In Europa und nachfolgend in der gesamten westlichen Kultur sind hingegen alle Versuche gescheitert, Despotien dauerhaft zu errichten.[1] Selbst die kommunistische Diktatur in Mittel- und Osteuropa ist zusammengebrochen, und bezeichnenderweise nahm dieser Zusammenbruch im stark katholisch geprägten Polen seinen Anfang.

In Europa und in der westlichen Welt war und ist der Staat zumindest durch die Kirche beschränkt. Die politische Regierung hatte spätestens seit dem Investiturstreit dauerhafte institutionelle Schranken. Der europäische Sonderweg besteht deshalb in der Zähmung der Herrschaft. [2] Die vom Kirchenvater Augustinus ausgehende Unterscheidung von Religion und Politik entzieht der Politik die Mittlerrolle zwischen irdischem und kosmischem Geschehen und läßt diese nur noch der Religion zukommen. Dadurch sind politische Probleme nicht mehr ohne weiteres wie in der griechischen Polis und im antiken Römischen Reich zugleich auch religiöse Probleme und umgekehrt. Beide erfüllen jedoch komplementäre Funktionen und das bedeutet, daß auch unter den Strukturbedingungen der modernen Gesellschaft strukturelle Kopplungen zwischen Religion und Politik existieren. [3]

Die Unterscheidung von Religion und Politik zeigt sich in der Katholischen Kirche u.a. darin, daß kein Priester und kein Ordensmitglied ein politisches Amt ausüben darf. Zudem hat der Vatikan die katholischen Kleriker wiederholt ermahnt, die Autonomie des Politischen zu achten: Anfang der 80er Jahre gegenüber links-katholischen Bewegungen einer angeblichen „Theologie der Befreiung“ und in den letzten Jahren vermehrt gegenüber rechts-katholischen Nationalisten vom polnischen Radiosender Maria und dessen Umfeld.

Letztlich ist es die Religion, die in der liberalen Gesellschaft der Individuen die höchste Form der Bindung von Ungewißheit darstellt. Die Religion erzeugt und erhält „soziales Kapital“, indem sie das Vertrauen und die Fähigkeit der Individuen fördert, sich „an der interaktiven Gestaltung sozialer Beziehungen unter Bedingungen von Komplexität und Selbstorganisation“ zu beteiligen.[4] Gerade die von der christlichen Religion geforderte Selbstbeobachtung und Selbsttransformation der Individuen im Spiegel der göttlichen Gesetze und die daraus folgende geistige Ausrichtung auf die göttlichen Gesetze, Gott und das Jenseits fördert das Aushalten von Unbestimmtheit und die Entwicklung einer dauerhaften Handlungsorientierung im Diesseits.[5]

In jeder katholischen Messe wird die geforderte Selbstbeobachtung durch das Sündenbekenntnis zum Ausdruck gebracht, die Selbsttransformation durch das Glaubensbekenntnis bekannt und durch die Eucharistie und Kommunion gefeiert.

1] Vgl. PETER KOSLOWSKI: Gesellschaft und Staat. Ein unvermeidlicher Dualismus, mit einer Einführung von Robert Spaemann, Stuttgart (Klett-Cotta) 1982, S. 48.
[2] Vgl. HANS ALBERT: „Europa und die Zähmung der Herrschaft. Der europäische Sonderweg zu einer offenen Gesellschaft“, in: DERS.: Freiheit und Ordnung. Zwei Abhandlungen zum Problem einer offenen Gesellschaft, Tübingen (Mohr) 1986, S. 9 - 59, hier S. 17 f.
[3] Vgl. PETER KOSLOWSKI: a. a. O., S. 49 und KARL-HEINZ LADEUR: Der Staat gegen die Gesellschaft.Zur Verteidigung der Rationalität der „Privatrechtsgesellschaft“, Tübingen (Mohr) 2006, S. 53 – 58.
[4] Vgl. KARL-HEINZ LADEUR: a. a. O., S. 53.
[5] Vgl. KARL-HEINZ LADEUR: a. a. O., S. 54 und allgemein zur christlichen Forderung der Selbsttransformation THEO KOBUSCH: Christliche Philosophie. Die Entdeckung der Subjektivität, Darmstadt (Wiss. Buchges.) 2006.

 
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